Störgeräusche am Hurra-Fest

Die 11. Swiss Music Awards 2018 haben für einmal fast die ganze Topografie des Schweizer Pop abgebildet.

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Es ist 20:59, als sich für einen Moment die musikalische Unterwelt zu Wort meldet, an den sonst so hell ausgeleuchteten Swiss Music Awards. Und sie bricht die oscareske Hurrastimmung doch empfindlich. Kurz zuvor hat noch die Sorglos-Truppe Hecht ihre Liebe zu einer gewissen Julia beteuert, Nemo, der Gute-Laune-Bub der Nation, hamsterte Stein-Trophäen im Minutentakt (am Ende waren es vier). Und Ed Sheeran wurde von der Schweiz aus zum besten Solokünstler der Welt gekürt, wohl weil bekannt ist, dass er für solche Anlässe gerne kleine Dankes-Videos verfertigt. Das lässt sich dann prima auf die Grossleinwand projizieren, zur Selbstvergewisserung, dass man doch irgendwie der grossen weiten Musikwelt zugehörig ist.

Die Unterwelt betritt in der Person des Coroner-Gitarristen Tommy Vetterli die Hallenstadionbühne. Er würdigt den kürzlich verstorbenen Celtic-Frost-Bassisten Martin Stricker, der wahre Furchen in die Musikwelt gekratzt hat und neben dem Gewinner wie Nemo oder Eliane blass wirken wie die Figuren im SRF-Krimi «Wilder». Stricker wird der Tribute Award verliehen, was im Vorfeld zum Werweissen Anlass gegeben hat, ob er zu Lebzeiten einen solchen Preis wohl angenommen hätte. Eine Veranstaltung, deren Rock-Engagement sich bisher im Abfeiern von Jeansjacken-Rockern wie Krokus erschöpfte, wäre eher nicht sein Ding gewesen. Vetterli konstatiert: «Strickers Tod hat dafür gesorgt, dass an diesem Abend nicht nur über die weichgespülte Seite der Musik gesprochen wird.»

Grosser Sieger: Der Bieler Rapper Nemo holte an den SMA vier Preise. Video: SDA

Heimwehleidiges

Tatsächlich geben sich die SMA 2018 für einmal erstaunlich selbstkritisch und angenehm bligg-, pegasus- und stressfrei. Sina und Büne Huber gedenken den verstorbenen Hanery Amman und Polo Hofer mit dem schunkeligen Rumpelstilz-Schlager «Die gfallene Ängel», die Westschweiz zeichnet mit Danitsa eine Rapperin von wahrlich internationalen Klasse aus, und Züri West setzen sich in zwei Kategorien gegen die nominierten Feld- und Wiesensänger durch. Die Toten Hosen, die von der Moderatorin Alexandra Maurer als «verreckt gute» Live-Band angekündigt werden, entpuppen sich als sosolala-gute Halbplayback-Band. Und der fabelhafte Faber zerrupft die SMA in einer eingespielten Dankesrede als «Schaulaufen für die Prominenz, bei dem es nicht um Musik geht» – und erntet ausgerechnet aus jenem Flügel Szenenapplaus, in welchem ebendiese Prominenz sitzt.

In diesem Wechselbad geht fast vergessen, dass es halt doch ein bisschen ernüchternd war, was sich die Schweiz im letzten Jahr so an Musik zusammengekauft hat. An den Swiss Music Awards werden ja nicht ausserordentliche künstlerische Leistungen ausgezeichnet, sondern ausserordentliche Chart-Platzierungen. Und da stand nun mal heimwehleidiges von Gölä neben dem Trio-Eugster-Sauglattismus eines Trauffer, der in seinem Showblock das Gefühl, der weiten Welt zugehörig zu sein, jäh wieder aus dem Hallenstadion bläst.

Wie hat der Tool-Sänger Maynard James Keenan einst so schön gesagt: «Man möge die Illusion begraben, dass solche Award-Shows die Kunst honorierten. Es geht hier um nichts anderes als um die Musikindustrie, die sich selber feiert.» Das hätten wir durch. Ab Montag also bitte noch ein bisschen spannendere Musik entdecken, liebe Industrie!

Die Preisträger der Swiss Music Awards 2018

National:

  • Best Female Solo Act: Eliane
  • Best Male Solo Act: Nemo
  • Best Group: Züri West
  • Best Breaking Act: Nemo
  • Best Talent (in Zusammenarbeit mit SRF3): Crimer
  • Best Act Romandie: Danitsa
  • Best Live Act: Nemo
  • Best Album: Züri West («Love»)
  • Artist Award: Faber
  • Tribute Award: Martin Ain
  • Best Hit: Nemo («Du») / Weitere Songwriters: Dodo Jud, Lorenz Häberli, Marco Jeger

International:

  • Best Breaking Act: Rag'n'Bone Man
  • Best Solo Act: Ed Sheeran
  • Best Group: Imagine Dragons
  • Best Hit: Ed Sheeran («Shape of You»)
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2018, 22:30 Uhr

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