Stacheldraht vor der Bürotür

Das englische Magazin «New Musical Express» stellt seine Print-Ausgabe ein. Es war einmal wichtig und aufregend, nun hat es sich selber abgeschafft.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«There’s no future», hatten die Sex Pistols gehöhnt, sie selber waren das beste Beispiel dafür: In nur drei Jahren waren sie verbrannt, nachdem sie die Musikindustrie und sogar die englische Gesellschaft geschockt hatten. Jetzt hat das Musikmagazin, das sie gross machte, dasselbe Schicksal ereilt. Diese Woche erscheint die Print-Ausgabe der Zeitschrift «New Musical Express» (NME) nach 66 Jahren zum letzten Mal.

Seit September 2015 war es als buntes Gratisblatt aufgelegen, relevant war es schon lange nicht mehr. Gescheitert an der eigenen Überalterung, dem Festhalten am sogenannten Independent Rock. Und übergangen von einer neuen Generation, die im Zeitalter von YouTube, Blogs und Internet Musik völlig anders wahrnimmt und diskutiert – offener, unideologischer, aber auch oberflächlicher.

Vom NME gross gemacht: Die Sex Pistols mit «Anarchy in the UK».

Mick Jagger tobte

Einst gehörte der NME zu den einflussreichsten Musikmagazinen überhaupt. Schon weil es die Kontroverse nicht scheute und sich immer wieder mit Musikern anlegte, die eine solche Behandlung nicht gewohnt waren. Elvis Costello stürmte die Redaktion, weil ihm eine Kritik missfallen hatte. Morrissey reagierte aus demselben Grund mit einem Song. Paul Weller von den Jam drohte einem Redaktor Prügel an.

Stürmte die Redaktion des NME: Elvis Costello.

Selbst Mick Jagger bekam bei einem Verriss der Stones-Platte «Black and Blue» von 1976 einen Wutanfall auf den Redaktor und stellte ihn bei der nächsten Begegnung zur Rede: «Ich fand deine Kritik idiotisch.» Und nachdem der NME über Radiohead geschrieben hatte, sie seien «the U2 it’s ok to like», boykottierte Sänger Thom Yorke das Magazin jahrelang. «I use the enemy», hatte Johnny Rotten gesungen, wohlwissend, dass es auch NME heissen konnte: dein Magazin, dein Feind.

An der Geschichte des Blatts lässt sich die jüngere Geschichte der populären Musik nachlesen. Der NME begann 1952 als Branchenblatt, elektrisierte sich in den Sechzigern mithilfe der englischen und amerikanischen Bands und radikalisierte sich Mitte der Siebzigerjahre, während auf den Bühnen noch die alten Gruppen dominierten. Der nachmalige NME-Chefredaktor Neil Spencer schrieb 1976 ein ganzseitiges Editorial, in dem er die träge gewordene Rockmusik und ihre Vertreter attackierte. Im selben Jahr darauf der neue, aus New York importierte Stil in London: mit schreienden Sänger auf Speed, drei, vier Akkorden auf der Gitarre, keinen Soli, nihilistischen Texte, zerrissenen T-Shirts und der Geduld einer Tellermine. Der Punk.

Der NME konnte rasch auf die neue Musik reagieren, weil er sich selber erneuert hatte. Im Laufe der Siebziger waren junge, neue Schreiber in das Blatt gekommen wie Nick Kent, Charles Shaar Murray oder Tony Parsons. Sie liessen sich vom amerikanischen New Journalism inspirieren und schrieben leidenschaftliche Kritiken über Platten und Konzerte. Das Magzain war während dieser Zeit geliebt und gefürchtet, aber man musste es gelesen haben. Es konnte mit einer Kritik helfen, eine Karriere zu begünstigen

Die Redaktion hatte sich schon lange vorher gespalten, die Älteren mochten gut gespielte Musik, die Jüngeren verachteten alle, die älter waren als sie. Eine davon hiess Julie Burchill, eine brillante, hochgradig kontroverse Schreiberin. An ihrer Bürotür hatte sie Stacheldraht angebracht, und ihr Zynismus richtete sich gegen alle, die auf die hoffnungsvolle Wirkung von Musik setzten. «There’s no better way to castrate a political view than to express it to a throbbing back-beat», kommentierte sie das Benefiz-Konzert «Live Aid» im Sommer 1985: Der Rhythmus kastriert die Botschaft.

Bei Techno ratlos

Schon vorher hatte sich der NME, auf der Suche nach neuen Revolutionen, dem schwarzen Hip-Hop verschrieben, aber die Rave-Kultur verstanden seine Redaktoren nicht mehr, und mit Techno konnten sie noch viel weniger anfangen. Bezeichnenderweise war die letzte Bewegung, welche die Zeitschrift kompetent begleitet hatte, der Britpop der Neunzigerjahre gewesen – ein Stil, der in seiner Ästhetik und Instrumentierung auf die Sechziger rückverwies.

Nach dem Britpop war beim NME Schluss: Blur mit «Parklife». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 16:45 Uhr

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...