Was sie sang, war immer unschuldig

Zwischen Chanson und Schlager: France Gall ist 70-jährig in Paris gestorben.

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Wie sieht jugendliche Unschuld aus? Genau so, wie France Gall in den 60ern auftrat, um ihre Hits mit heller Stimme zu singen. Es waren Hits wie «Laisser tomber les filles», die heute Retropartys beglücken, oder die Anti-LSD-Hymne «Teenie Weenie Boppie». So naiv und ungespielt unbescholten wirkte sie, dass man im Lied «Les sucettes» (geschrieben von Serge Gainsbourg) bloss einen Song über ein Mädchen hören wollte, das liebend gerne Lollipops lutschte – und nicht eine Nummer über Oralsex. «Ich hatte keine Ahnung», sollte France Gall später sagen. Denn:

«Ich habe den Song ganz unschuldig aufgenommen.»France Gall

Vielleicht liegt hier auch das Bezwingende, das France Galls frühe Songs noch heute ausstrahlen und diese herrlichen Popnummern letztlich vom gemeinen Schlager abheben: eine herzliche Gutgläubigkeit und Offenherzigkeit im Vortrag, während der Jugendverderber Gainsbourg einem Doppelbödigkeiten und Sauereien unterjubelte. Das war auch 1965 nicht viel anders, als die damals 17-jährige Gall mit Gainsbourgs Bubblegum-Popsong «Poupée de cire, poupée de son» für Luxemburg den Concours Eurovision de la Chanson gewonnen hat. Die Pariser hatten spätestens da eine Antwort auf die grassierende Beatlemania gefunden.

Jugendliche Unschuld: Galls Auftritt am Grand Prix Eurovision de la Chanson im Jahr 1965. Video: Youtube/ Vidwit

Trotz dieser Erfolge setzte sich Gall wenig später nach Deutschland ab, wo sie sich mit Liedern wie «Zwei Verliebte ziehn durch Europa» oder «Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte» doch ins Schlagerfach verabschiedete.

Späte Erkennungsmelodie

Zurück in Frankreich, heiratete Gall 1976 den Sänger und Songschreiber Michel Berger, aus dessen Feder ihre späte Erkennungsmelodie stammt: «Ella, elle l’a» erschien 1987 und funktioniert trotz allen damaligen produktionstechnischen Manierismen wie dem grellen Bläsersatz noch heute als Hommage an Ella Fitzgerald. Der Song schaffte es in der Schweiz auf Platz fünf der Hitparade und ist im kollektiven Bewusstsein hängen geblieben.

Es sollte ihr letzter internationaler Hit bleiben. 1992 starb ihr Ehemann, 1997 die gemeinsame Tochter. France Gall selbst erkrankte 1993 an Brustkrebs und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Am Sonntag ist sie in Paris im Alter von 70 Jahren gestorben. Wer wissen will, was den viel zitierten French-Touch im Pop ausmacht: Er ist am unschuldigsten im Werk dieser Sängerin zu finden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2018, 17:00 Uhr

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