«Springsteen war ein Segen für mich»

John Lyon, besser bekannt als Southside Johnny, ist wieder auf Tournee – und liebt es.

Der Spass ist noch nicht vergangen. Southside Johnny blüht auf der Bühne auf.

Der Spass ist noch nicht vergangen. Southside Johnny blüht auf der Bühne auf.

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BaZ : Vor ziemlich genau einem Jahr trat Steven Van Zandt im Kaufleuten auf, jetzt werden Sie nächsten Montag live in Zürich zu sein, da liegt die logische Schlussfolgerung nahe, dass nächstes Jahr Bruce Springsteen ins Kaufleuten kommt. Denn Sie drei kennen sich ja schon seit Teenager-Zeiten ...
Southside Johnny: Schon möglich, dass Springsteen auch noch kommt. Ich warte zwar immer auf den Moment, von dem an er beginnt, das Leben etwas leichter zu nehmen beginnt. Doch ich warte bis jetzt vergeblich... Wenn Sie je auf einer Bühne mit Bruce gestanden hätten, würden Sie wissen, wie gross sein purer Enthusiasmus ist, für Menschen Musik zu machen. Es wirkt ansteckend. Ich liebe dieses Gefühl auch immer noch, aber er lebt wirklich dafür. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie seine Tage aussehen, wenn er nicht auftreten kann. Er tigert wohl durchs Haus, schrammelt auf seiner Gitarre ...

Nun, wenn man seine Autobiografie liest, sind es eben wirklich diese Momente, in denen er schwermütig wird, depressiv.
Ja, er liebt die Konzerte wirklich. Aber das tun wir alle. Wir wären nicht immer noch unterwegs und auf der Bühne, wenn wir es nicht geniessen würden. Das Reisen, der Stress, die Zeit zwischen den Auftritten. Das ist nicht einfach. Vor allem diese ungenützte Zeit. Da müssen viele Stunden totgeschlagen werden...

Was machen Sie denn in der Zeit? Sie sind jetzt 69 Jahre alt, brennen Sie da noch mit Energie wie früher?
Nein. Aber ich hab in diesen leeren Stunden immer schon viel gelesen; im Bus, im Hotel, selbst backstage greife ich zum Buch. Ich war schon als Junge ein begeisterter Leser. Früher zog ich oft durch die Städte auf der Suche nach Platten, Büchern und Antiquitäten.

Ab wann fangen Sie denn an, sich für den Auftritt vorzubereiten?
Da brauche ich nicht viel Zeit. Wenn man auf die Bühne tritt, packt einen diese Energie. That’s it. Man wird vom Tornado der Musik reingezogen. Einen Soundcheck machen wir natürlich schon, aber dann warte ich wirklich einfach, bis es losgeht.

Ich weiss von Springsteen, dass er nach Konzerten oft noch bis in die frühen Morgenstunden durch die Stadt wanderte, um wieder runterzukommen. Wie siehts bei Ihnen aus?
Mach ich nicht. Ich geh ins Bett (lacht). Ich bin dann jeweils so erschöpft, dass ich mich gerne hinlege. Wir improvisieren viel, wir wissen meist nicht, wohin uns das Konzert bringt und das bedingt, dass ich vif bin, den Kopf voll bei der Sache habe. Da bin ich nachher geistig schon recht müde.

Leert denn ein Auftritt die Batterien oder füllt man sie im Gegenteil mit all der Energie, die da fliesst?
Man geht hinaus ins Rampenlicht und spürt diese Energie. Das ist so. Da hebt man ab, echt. Vor allem, wenn man die Show mit einem richtigen Rock’n’Roll-Song anfängt. Da ist man die nächsten zwei Stunden ..., wie soll ich sagen, voll im Moment gefangen. Das ist grossartig. Da hat man das Gefühl, zu allem fähig zu sein.

Ich habe das Steven Van Zandt auch schon gefragt: Hatten Sie damals Ende 60er, Anfang 70er in Asbury Park, New Jersey, gedacht, dass Sie mit fast 70 immer noch auf der Bühne stehen?
Das habe ich mir so nicht überlegt. Ich wusste nur eines: Ich wollte Musik machen. Als ich die erste Platte aufnahm, dachte ich mir: «Die lassen mich kein zweites Album machen.» Wirklich. Ich dachte, die verstehen meine Musik gar nicht! Meine Vorstellung war, dass ich unter der Woche einem Job nachgehen würde und nur am Wochenende Musik mache ...

Doch es kam anders.
Ja, ich konnte plötzlich auf Tournee gehen, reisen, mit meiner Musik eine Karriere aufbauen. Dafür trete ich immer noch auf. Ich könnte das alles wieder verlieren, wenn ich live nicht jedes Mal Herz und Seele investieren würde. Und das seit 47 Jahren.

Verlieren?
Ja, ich rechne immer noch damit, dass eines Tages einer kommt und sagt: «He, du, komm da runter, verlass diese Bühne.» (lacht) Ich gehe immer da rauf und denke, das könnte meine letzte Show sein – also muss sie gut sein.

Sie, Steven und Bruce sind immer noch aktiv, machen Musik, gehen auf Tournee. Ist das nicht erstaunlich?
Doch, schon. Bruce und Steven waren damals als Teenager so felsenfest entschlossen, Musiker zu werden. Da gab es keinen Plan B. Keine Lehre, keine Ausbildung, nichts. Die wollten einfach nur Musik machen. Und ich dachte, «wow, das klingt gut». Und als ich diese Chance gepackt hatte, ein Musiker zu sein, ein Sänger, da wollte ich dies um keinen Preis mehr hergeben. Ich habe schwer darum gekämpft und ich hatte Zeiten, da lief es gar nicht gut, ich verkaufte kaum Platten, trat nicht viel auf, da war es richtig hart.

Warum gaben Sie nicht auf?
Weil ich mir vornahm, das durchzuziehen. Da gibt es nichts anderes, als an mich selber zu glauben, an die Musik zu glauben und das zu machen, was ich machen will.

Aber Sie sind ein Dinosaurier. Sie machen Musik, die uns etwas Älteren gefällt, aber doch nicht den Jungen.
Dinosaurier, das ist gut (lacht). Täuschen Sie sich mal nicht. An unsere Konzerte kommen auch einige Junge, manchmal weil ihre Eltern sie mitbringen und weil sie sehen, wie wir diese Konzerte geniessen. Ich gehe nicht davon aus, dass wir der Mehrheit der Jungen gefallen, aber mit all der Musik, die den Jungen heute online zur Verfügung steht, wissen doch einige, wer Sam and Dave waren, Chuck Berry und all diese Leute.

Glauben Sie wirklich?
Absolut. Da gibt es einige, denen sagen Otis Redding oder Sam Cooke etwas.

Ich habe im Frühjahr Nathaniel Rateliff live gesehen. Das ist ein jüngerer Typ, der Musik macht wie Sie oder wie Steven Van Zandt.
Ja, er ist ein Rhythm-and-Blues-Musiker und er mischt noch mehr Gospel in das Ganze rein als ich. Da draussen gibt es einige Talentierte, die an R & B Gefallen gefunden haben. Oder an gutem Bluessound. Das ist nicht eine Art Musik, die verschwinden wird. Aber es wird auch immer einen Markt geben für Pop-Musik und dieses überproduzierte Zeug, dass man ständig am Radio hört.

Dann wirds auch immer Musik mit einer Bläsersektion geben?
Also so weit würde ich jetzt nicht gehen (lacht).

Eine etwas heikle Frage: War für Ihre Karriere die Nähe zu Bruce Springsteen Fluch oder Segen?
Gar nicht heikel und einfach zu beantworten. Es war ein Segen. Bruce hat mir ein paar grossartige Songs gegeben, die ich einspielte. Er hat mir immer geholfen. Und sein Erfolg mit dem Album «Born to Run» 1975 hat es anderen aus New Jersey wie eben mir überhaupt erst möglich gemacht, bekannt zu werden. Er hat grossen Einfluss auf mich und meine Musik.

Aber wenn Springsteen nicht gewesen wäre, wären Sie vielleicht der Superstar geworden?
Das bezweifle ich. Und ich denke nicht so. Wissen Sie: Starstatus und all das? Ich sah mich nie in dieser Kategorie und tue es auch heute nicht. Ich liebe es, Musik zu machen, und ich liebe es, zu reisen. Wenn man den Leuten im Publikum zeigen kann, wie sehr es einem Vergnügen bereitet, auf der Bühne zu stehen, ist das einmalig. Ich dachte immer, wenn es mir mal nicht mehr Spass macht, höre ich auf. So weit ist es noch nicht.

Stimmt es, dass Sie ein neues Album in der Pipeline haben?
(Lacht.) Ja, «in der Pipeline». Das ist gut, so kann man es sagen. Irgendwann wird es fertig werden.

Southside Johnny and the Asbury Jukes, Kaufleuten, Zürich, 16. Juli, 20 Uhr.

Erstellt: 11.07.2018, 10:45 Uhr

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