Im freien Fall

Die sexuellen Belästigungen Harvey Weinsteins sind ein Problem für ganz Hollywood. Der Starproduzent inszenierte sich gerne als Feminist.

Da war die Welt – für ihn – noch in Ordnung: Harvey Weinstein und seine Frau Georgina Chapman bei den Golden Globes 2016. Foto: Mario Anzuoni (Reuters)

Da war die Welt – für ihn – noch in Ordnung: Harvey Weinstein und seine Frau Georgina Chapman bei den Golden Globes 2016. Foto: Mario Anzuoni (Reuters)

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Es gibt ein Foto, auf dem sieht Harvey Weinstein genau so aus, wie er gerne gesehen werden möchte: Der mächtige Filmproduzent protestiert in Parka und Pudelmütze für Frauenrechte. Im Januar war das. Kurz vor Amtsantritt des «grab ’em by the pussy»-Präsidenten gab Weinstein den Aktivisten. Nun ist durch Recherchen der «New York Times» bekannt geworden, was in Hollywood ohnehin jeder wusste: Weinstein ist nur ein Fassadenfeminist; er hat offenbar mindestens acht Frauen Abfindungen bezahlt, damit seine sexuelle Belästigungen zumindest ausserhalb von Los Angeles ein Geheimnis bleiben.

Ein «Fassadenfeminist»: Harvey Weinstein an den Protesten im Januar. Foto: via thegateawaypundit.com

Am Sonntag ist er nun vom Vorstand seiner eigenen Produktionsfirma entlassen worden. Es habe neue Informationen zu den Anschuldigungen gegeben, erklärte die Produktionsfirma am Sonntag.

Der Überfeminist Weinstein (er finanzierte einen Lehrstuhl zu Ehren der Frauenrechtlerin Gloria Steinem, stiftete ein Stipendium für junge Regisseurinnen und produzierte den Dokumentarfilm «The Hunting Ground» über sexuelle Übergriffe), der Produzentenprototyp mit Monsterhändedruck und Megafonstimme, muss nun kleinlaut sagen, dass er «ein besserer Mensch» werden müsse.

70 Oscars gewonnen

Weinstein (62) wurde nicht in die Hollywood-Kaste hineingeboren. Sein Vater Max war Diamantenschleifer in New York, seine Mutter Miriam Hausfrau. Er organisierte nach dem Studium gemeinsam mit Bruder Bob und Kumpel Corky Burger erst einmal Rockkonzerte. 1979 gründete er die nach den Eltern benannte Filmfirma Miramax und produzierte auch nach dem Verkauf an Disney 14 Jahre später erfolgreiche Independent-Filme wie «Pulp Fiction» oder «The English Patient». 2005 verliess er das Unternehmen, gründete die Weinstein Company, zeichnete für respektierte Werke wie «The King’s Speech» oder «Django Unchained». Sie nennen ihn «König Midas» – wegen des finanziellen Erfolgs und der vielen goldenen Statuen.

Weinstein gilt als der Schlingel, der Oscar-Kampagnen (noch so ein Hollywood-Geheimnis) perfektioniert hat. Man darf niemanden bestechen, aber man kann Darsteller Leonardo DiCaprio («The Revenant») zum Papst schicken oder das Duo Ben Affleck/Matt Damon («Good Will Hunting») als talentierte Drehbuchschreiber vermarkten. Man kann Erlöse aus Versteigerungen Organisationen für Frauenrechte überlassen. Harvey, der Aktivist, hat mit seinen Filmen mehr als 70 Oscars gewonnen.

Sie wären gerne liberal

Die Enthüllungen betreffen nicht nur den Produzenten selbst, der nun erst einmal eine Auszeit nimmt. Es geht um Hollywood an sich. Die Unterhaltungsbranche gibt sich liberal und progressiv (so hat Weinstein zahlreiche Demokraten unterstützt) – vergibt die wichtigsten Preise jedoch meist an hellhäutige Schauspieler und Regisseure. Männer erhalten in der Regel für den gleichen Job noch immer deutlich mehr Lohn als Frauen. Weinstein ist das Symbol dieser Branche. Nun sollte auch jeder ausserhalb von Los Angeles wissen: Hollywood ist keineswegs so toll, wie es sich inszeniert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2017, 10:18 Uhr

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