Nur Mut, meine Herren

Warum die Sexismus-Debatte weitergehen sollte – mit Beteiligung der Männer, bitte.

Antike Anmache. Peter Paul Rubens, «Der Raub der Töchter des Leukippos».

Antike Anmache. Peter Paul Rubens, «Der Raub der Töchter des Leukippos». Bild: Alte Pinakothek, München

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Die Debatte über dirty Harvey Weinstein und seine Genossen läuft seit nunmehr vier Monaten. Wir haben inzwischen viel gelernt.

Erstens, dass erstaunlich viele Männer der Generation Ü 50 zu sexuellen Übergriffen neigen, insbesondere im Unterhaltungsgeschäft. Wenn auch nur ein Bruchteil dessen stimmt, was Frauen unter dem Hashtag MeToo berichten, kann man auf die Gleichberechtigung noch ein paar Jährchen warten, jedenfalls auf sexuelle Gleichstellung. Denn darüber dass Frauen, umgekehrt, ihre Kollegen in Beruf und Freizeit dumm anmachen, wurde nichts bekannt. Auch hat sich bisher kein Mann öffentlich beschwert, dass sich seine Chefin unsittlich über ihn hergemacht hätte. Gibt es das nicht?

Zweitens haben wir gelernt, dass manche Männer die MeToo-Bewegung gerne ins Lächerliche ziehen mit Bemerkungen wie: Darf ich einer Dame jetzt nicht einmal mehr in den Mantel helfen? Darf ich nicht mehr flirten? Entweder wollen solche Fragen die von Machtmissbrauch betroffenen Frauen verhöhnen – oder diese Männer haben keine Ahnung vom Flirten. Das entscheidende Problem (ausser dem Machtgefälle) ist doch die Tatsache: Es fehlt Stilbewusstsein auf der Spielwiese der Erotik. Alles wird kultiviert, schöner wohnen, besser essen, gesünder leben, nur nicht das erotische Miteinander.

Zur Unkultur gehört, dass Männer, um Lacher in der Sexismus-Debatte einzuheimsen, abstruse Fälle erfinden. Ich kenne zum Beispiel keinen Chef, der so blöd ist, eine Frau zum Vorstellungsgespräch mit «heruntergelassener Hose» zu empfangen. Wohl aber habe ich im Lift und in der U-Bahn erlebt, wie Anzugträger ihren steifen Penis von hinten an mich gedrückt haben. Bevor man das jetzt peinlich, lächerlich oder sonst was findet, könnte Mann sich mal fragen: Wie soll eine Frau da reagieren? Mit einer Ohrfeige? Das gäbe ein schönes Gelächter und wilde Abstreiterei.

Grauzonen als Testgebiet

Drittens haben wir gelernt, dass Männer sich gerne auf harte Fakten zurückziehen. Kaum ging die MeToo-Debatte los, wurde sofort nach der strafrechtlichen Relevanz der Vorfälle gefragt. Das ist bis heute so. Als ob es nur um offensichtliche Rechtsbrüche ginge. Als ob es nicht die Grauzonen sind, wo Männer testen, was sie sich erlauben können. Wo Frauen mit mütterlicher Nachsicht auf das Treiben dieser Knaben reagieren.

Insgesamt haben wir gelernt, dass Männer höchst ungern über Sexus und Sexismus sprechen. Mag sein, dass sie untereinander reden. Richtig ist, dass sich einzelne Männer auf Twitter oder Facebook als Po-Tätschler oder Zotenreisser outen. Kaum war #MeToo («Ich auch») auf der Bildschirmfläche erschienen, kamen Männer mit #IHave heraus («Ich habe es getan»). Solche bekennerhaften Auftritte im dunklen Beichtstuhl Internet sind schon fast peinlich. Viel Mut gehört dazu nicht.

Viel Mut gehört allerdings dazu, in Qualitätszeitungen und im Fernsehen über eigene Erfahrungen mit unterschwelligem Sexismus zu berichten. Es geht ja nicht nur um Vergewaltigung, die ist strafbar, die kann man anzeigen. Es geht auch nicht ums Knietätscheln; eine einzelne Hand kann man beiseiteschieben. Nicht so leicht beseitigen kann man allerdings jenes Grundklima, das sich aus unzähligen solcher Erlebnisse ergibt: winzige Übergriffe von Seiten der Männer, ständige Verdrängungsleistungen aufseiten der Frauen. Gemeinsam hat man über Jahre hinweg eingeübt: Ist doch alles halb so wild; ist doch nicht bös gemeint. Natürlich nicht. Aber es ist unglaublich lästig.

Es ist lästig wie ein Schwarm von Stechmücken. Frauen haben ihn bislang beiseite gewedelt. Ich als junge Redaktorin auch. Wer will schon in den grossen Medien über kleine Stichverletzungen sprechen? Über die Verblüfftheit, was Männer sich herausnehmen? Ist wohl nur mein Problem.

Erst die «sozialen Medien», insbesondere Hashtags, erlauben die Bündelung von Einzelmeinungen, sodass sich ein Gesamtbild ergibt. In diesem Fall sieht es so aus: Frauen haben es herzlich satt. Nehmt das zur Kenntnis. Lasst die pseudoerotischen Tölpeleien, Männer. Ja, jetzt seid ihr verunsichert. Frauen sind es seit Jahrhunderten. Nur gemeinsam werden wir es schaffen.

Gestärkt durch den Hashtag MeToo, trauen sich einzelne Frauen, über ihre höchst privaten Erfahrungen sogar in den Leitmedien zu sprechen – auch auf die offensichtliche Gefahr hin, sich mit Kleinigkeiten lächerlich zu machen. Solche Frauen werden derzeit von einer Talkshow in die nächste gereicht. Es sind immer dieselben. Die Männer sind derweil still. Der Kavalier schweigt und geniesst. Er hat auch keinen Grund, etwas zu sagen. Der Mann ist, ob er will oder nicht, nachweisbar Herr der erotischen Welt, egal, ob er die Gelegenheit, die sich bietet, nutzt oder nicht.

Auch Zeitungsmänner, die sich bei anderen Themen in Hintergrundberichten oder verzwieselten Kommentaren ergiessen, sind in diesen Tagen merkwürdig wortkarg. Oder sie deuten den MeToo-Hashtag flugs zur bösartigen «Kampagne» um. Da muss man sich doch fragen: Kampagne – von wem gelenkt und gegen wen gerichtet?

Lawineneffekt im Internet

Vor allem Kampagnenjournalisten haben plötzlich etwas gegen «die Kampagne». Eingestanden, es gibt Trittbrettfahrerinnen im MeToo-Express. Klar, es gibt den Lawineneffekt. Ja, es gibt Frauen, die ihre verdrängten Erfahrungen dramatisieren. Das heisst aber auch: Hochgespielt wird heute nur, was gestern unterdrückt wurde. Mir fallen neuerdings auch jede Menge unangenehmer Erlebnisse ein, die ich früher als selbstverständlich hinnahm. Warum?

Statt sich mit dem unterschwellig sexistischen Klima auseinanderzusetzen, pochen viele Medien-Männer darauf, dass erst berichtet werden darf, wenn ein Fall reif für die Strafjustiz ist. Das gilt besonders im Fall Dieter Wedel. Die Wochenzeitung Die Zeit mag die Vergehen des Filmemachers noch so akribisch recherchiert haben. Die Informantinnen und schriftlichen Zeugnisse mögen noch so glaubhaft sein. Die Zeit mag noch so seriös sein. Ihr skrupulöser Chefredaktor kann in TV-Runden noch so sehr nachweisen, wie viele Informationen gegen Wedel zusammenkommen mussten, bevor man damit an die Öffentlichkeit ging. Das reicht alles nicht. Die Konkurrenz wittert Unrat.

Das Magazin Cicero etwa bietet einen prominenten Strafverteidiger auf. Er findet die Vorwürfe gegen Wedel zwar «schwerwiegend», kommt aber zum Schluss: «Die archaischen Vernichtungstendenzen von MeToo richten sich nicht nur gegen den jeweils Angeprangerten, sondern gegen den Rechtsstaat selbst.» Einspruch, Euer Ehren: Wer die «archaischen Vernichtungstendenzen» von Hashtags wie MeToo beklagt, der müsste dafür plädieren, das Internet zu verbieten. Geht es nicht eine Nummer kleiner? Haben die Cicero-Männer nichts Besseres zu sagen? Wie wäre es mit einer kleinen Reportage über den alltäglichen Sexismus? Zudem gibt es unzählige Studien zum Thema. Davon ist wohlweislich keine Rede.

Die MeToo-Debatte, das haben wir zuletzt gelernt, nimmt immer neue Wendungen. Es geht immer mehr um den Schutz des Rechtsstaats und um die Freiheit der Kunst. Das sind zweifellos schützenswerte Errungenschaften. Und es gibt unsägliche Beispiele dämlicher Zensur: gecancelte Ausstellungen von Chuck Close und Bruce Weber; ein abgehängtes Nymphen-Gemälde von 1897 in Manchester; ein abgesagtes Theaterstück von Woody Allen in den USA. Kevin Spacey wird aus einem Film geschnitten. Ein zauberhaftes Poem des Schweizer Dichters Eugen Gomringer soll überpinselt werden. Schlimm. Kunst braucht Wahnsinn, Obsessionen. Sie ist politisch unkorrekt. Ein Kunstwerk ist nie für das Tun und Treiben des Künstlers verantwortlich, wohl aber der Künstler für sein Leben und den privaten Umgang mit Frauen. Nur darum geht es: um die Würde der Frau im Alltag.

Die Kunst soll bleiben, die Männer sollen reden, über sich und andere. Der Filmemacher Werner Herzog begrüsst MeToo und sieht einen radikalen Umbruch voraus: «Männer wissen jetzt, dass sie nicht nur aus einem Film entfernt werden, sondern ihre ganze Lebenskarriere riskieren.» Es geht auch anders. No need to panic. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.02.2018, 11:38 Uhr

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