«Unser Schweineleben»

Ein paar radikale Anmerkungen von Herrn Tolstoi zur aktuellen Sexismus-Debatte.

Frei denken, freizügig leben. Lew Tolstois «Anna Karenina» tut es – und scheitert tragisch. Im Bild: Keira Knightley in der Titelrolle der Tolstoi-Verfilmung von 2012.

Frei denken, freizügig leben. Lew Tolstois «Anna Karenina» tut es – und scheitert tragisch. Im Bild: Keira Knightley in der Titelrolle der Tolstoi-Verfilmung von 2012.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jetzt fällt also auch noch Schweden, die letzte Bastion sexueller Freizügigkeit. Früher war Schweden ein Traumziel für Männer: Her mit den kleinen Schwedinnen! Jetzt diese Zwängerei mit den hübschen Blondinen: Ab Juli 2018 sollen beide Partner «Ja» sagen, bevor sie Sex miteinander haben.

So will es ein neues Gesetz. Der Haken dabei: Vor Gericht wird Aussage gegen Aussage stehen. Die Frau: Ja, ich habe Nein gesagt. Der Mann: Nein, stimmt nicht, sie hat Ja gesagt.

Praktikabel ist das Zustimmungsgesetz natürlich nicht. Muss es auch gar nicht sein. Es geht um Bewusstseinswandel, angestossen durch ein öffentliches Zeichen. Das neue Gesetz ist eine Art Geschlechtsverkehrszeichen mit dem Hinweis: Achtung, deine Partnerin muss zustimmen! Scheint immer noch nicht selbstverständlich zu sein.

Lew Tolstoi ist ein berühmter russischer Dichter (1828–1910). Schon weniger berühmt ist er als Frauenrechtler. Aber seine Novelle «Kreutzersonate» erforscht die Missverständnisse zwischen Mann und Frau bis zu ihrem tiefsten Grund: Sexus und Sex.

Tolstois wichtigster Gedankengang: Wird die Frau in der Gesellschaft zum «Objekt der Sinnlichkeit» (Tolstoi) herabgewürdigt, muss sich niemand wundern, wenn sie ihre Sexualität als einzige Waffe begreift und den Mann damit unterjocht. Wir kennen das: überall aufreizende Bilder von Frauen. Und der Mann kommt nicht heran. Böse Frauen …

In Tolstois «Kreutzersonate» erzählt ein Mann, wie eine Ehe zur Hölle werden kann. Beide sind frustriert und pflegen still ihren Hass aufeinander. Am Ende bringt der Mann seine Frau um. Warum? Das Gericht geht von Eifersucht und Ehebruch aus. Tolstoi geht tiefer: Der Mann betrachtet die Frau als Objekt, als seinen Besitz.

Sexuelle Rechte

Tolstois «Kreutzersonate» erschien 1889. Die damals fehlende rechtliche und politische Gleichstellung nimmt der Erzähler hin. Schlimmer ist für ihn das sexuelle Missverhältnis: «Die Rechtlosigkeit der Frau besteht nicht darin, dass sie kein Stimmrecht hat und kein Richteramt bekleiden darf – das sind ja keine wirklichen Rechte –, sondern darin, dass sie dem Mann sexuell nicht ebenbürtig ist, dass sie nicht das Recht hat, sich seiner nach ihren eigenen Wünschen zu bedienen oder zu enthalten …»

Heute bekleiden Frauen Ämter und besitzen das Stimmrecht. Aber haben sie das Recht, sich der Männer nach ihren eigenen sexuellen Wünschen zu bedienen? Man mache den Test: Eine Frau nimmt sich ihren Mann vor wie sich der Mann seine Frau – undenkbar. Undenkbar schon aufgrund der körperlichen Unterschiede …

Auf Sexualforen im Internet kann man nachlesen, dass Frauen es als entwürdigend erleben, dass jemand in sie eindringt. Eindringen heisst erobern. Tollpatschige Eroberer machen die Frau zum Loch. Tiefer als durch rohes Eindringen kann niemand gedemütigt werden. Das vergisst keine Frau. Darüber muss man reden. Wann?

Schlimme Hochzeitsnacht

Lew Tolstoi hat es versucht, zumindest angetönt. Er berichtet, wie eine junge Frau nach der Hochzeitsnacht tränenüberströmt angelaufen kommt. Was hat sie Schlimmes erlebt? Sie will nicht darüber reden. Sie schweigt. Der Erzähler redet für sie: «Das hier ist ekelhaft, beschämend und schmerzhaft. Nein, das ist nicht natürlich! Und ein unverdorbenes Mädchen, das weiss ich, wird es immer hassen.»

«Es» hassen – was? Unverdorbene Mädchen gibt es im Internet-Zeitalter nicht mehr. Aber Frauen reden öffentlich immer noch ungern über Sex mit Männern. In der MeToo-Debatte tun sie es, weil es nicht anders geht. Die Männer schweigen sich aus. Warum?

Vielleicht darum: Die durchsexualisierte Leistungsgesellschaft kreidet es Menschen als persönliches Versagen an, wenn sie zugeben, schlechten Sex zu haben. Selber schuld. Das gilt erst recht für den sogenannten Missbrauch. Sich nicht rechtzeitig gewehrt zu haben: selber schuld. Diesen Vorwurf haben Frauen in der MeToo-Debatte häufig zu hören bekommen.

Kein Zustimmungsgesetz der Welt wird das sexuelle Missverhältnis zwischen Mann und Frau regeln können. Aber – und das ist wichtig – die breite Debatte über das Gesetz verankert das Selbstbestimmungsrecht der Frau tiefer im kollektiven Unbewussten. Denn dort sieht es noch immer düster aus. So düster, dass Frauen die Schuld gegeben wird, wenn sie vergewaltigt werden. So düster, dass man über ihre Schockstarre lacht. So düster, dass weibliche Körper als Lockvogel-Werbung für Produkte herhalten, als sei es das Natürlichste auf der Welt. Am wahnwitzigsten: dass Frauen, die sich aufreizend zurechtmachen, fest daran glauben, sie würden es allein für sich selber tun. Verbogener kann weibliches Selbstbewusstsein kaum sein. Wie soll sich ein Mann damit auskennen?

Zermürbender Kleinkrieg

In seiner furiosen Ehe-Novelle «Kreutzersonate» entfesselt Lew Tolstoi eine verhängnisvolle Dynamik zwischen Mann und Frau, exemplarisch und in weiten Teilen gültig bis heute.

Die Story: In einem Eisenbahn-Waggon entspinnt sich ein Gespräch über die Emanzipation der Frau. Verdreht Bildung den Frauen den Kopf? Braucht es wahre Liebe in der Ehe? Dann erzählt ein Mann im Rückblick, wie und warum er seine Ehefrau umbrachte. Das Verstörende: Es ist die Geschichte einer ganz normalen Ehe.

Ein Mann heiratet eine jüngere Frau. Seine wilden Jahre hat er hinter sich. Familie und Kinder sind sein Lebensglück. Aber er sieht in der Frau vor allem ein «Werkzeug zum Genuss». Die Frau, als geistiges Wesen missachtet, reagiert verbittert. Bald herrscht eine «eigentümliche giftige Wut» im Haus.

Als die Sexualität verebbt und die beiden sich von Person zu Person begegnen, beginnt ein zermürbender Kleinkrieg. Wegen Nichtigkeiten – ein Wippen mit dem Schuh, ein Schmatzer beim Essen – entsteht Streit, schliesslich Hass: «Am Ende führten nicht mehr Unstimmigkeiten zu Feindseligkeiten, sondern Feindseligkeit zu Unstimmigkeiten: Egal, was sie sagte, ich war von vornherein anderer Meinung, und bei ihr verhielt es sich genauso.»

Ein Fall für den Paartherapeuten?

Die Familie zieht in die Stadt. Die Gattin blüht auf, sie ist dreissig, hat fünf Kinder und ist «eine herausfordernde, beunruhigende Schönheit». Lebenslang auf ihre Sexualität reduziert, setzt sie jetzt ihre erotische Ausstrahlung als Waffe ein – gegen den Gatten?

Ein halbseidener Geiger macht sich im Haus breit, sie übt mit ihm Beethovens «Kreutzersonate». Der Gatte wird misstrauisch. Träumt sie von einer neuen «unberührten» Liebe? Gut möglich. Es braucht keine Berührung, wenn man sich beim Musizieren vereinigt; der Ehebruch ist nicht nachweisbar.

Unsicherheit und häuslicher Streit machen den Ehemann rasend. Er steigert sich in eine fürchterlich eisige Wut. Nur Schluss machen mit alldem.

Aber wie? Er sagt sich: «Ich kann mich nicht umbringen und sie zurücklassen; sie muss zumindest auch leiden, zumindest begreifen, dass ich gelitten habe.» Heute würde man von «erweitertem Selbstmord» sprechen.

In der psychologisch grandios geschilderten Schlussszene ersticht der Mann seine Frau – zugleich berechnend und ausser sich. Es ging nur noch darum, die eigene Qual zu beenden: «dass ich sie bestrafen, sie mir endlich vom Hals schaffen und meiner Wut freien Lauf lassen konnte.»

Bestrafen ist gut – aber bestrafen wofür? Er weiss es nicht. Er kennt sie ja nicht wirklich. Er hat sie nie auf frischer Tat ertappt. Es reicht dem bewaffneten Mann, den Ausdruck ihres Entsetzens zu sehen, um sich einzureden, seine Frau habe ihn betrogen. Und dann? Dann sticht er sie tot.

Am Ende steht er mit seinen Kindern an ihrem Totenbett: «Ich sah die Kinder an, dann sie mit ihrem blau angelaufenen, zerschlagenen Gesicht, und zum ersten Mal vergass ich mich selbst, meine Rechte, meinen Stolz, zum ersten Mal sah ich einen Menschen in ihr.» Zu spät.

Späte Einsicht

Als Lew Tolstoi die «Kreutzersonate» 1889 abschloss, war er 61 Jahre alt. Vormals war er selber ein «Schürzenjäger» gewesen. Das hinderte ihn nicht daran, über die Geschlechterfrage substanziell nachzudenken. Das Buch war ein Skandal. Seine Frau Sofja Tolstaja war davon wenig erbaut. Sie schrieb ihre eigene Variation zur «Kreutzersonate». Auch sie ist lesenswert.

Lew Tolstoi, der pflügende Graf im Russenkittel, entwickelte sich zu einem merkwürdigen Religionsapostel und Morallehrer. Wie sich Frauen ihre Männer auf dem Heiratsmarkt angeln, wie achtlos Männer mit Frauen umgehen, das nannte er «unser Schweineleben».

Tolstoi schoss übers Ziel hinaus. Seine Reinheitslehre gegen die «fleischliche Liebe» mag man übertrieben finden. So übertrieben wie das schwedische Zustimmungsgesetz und die gesamte Sexismus-Debatte. Allerdings: Wer etwas erreichen will, muss zunächst ein paar Schritte zu weit gehen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.01.2018, 22:49 Uhr

Artikel zum Thema

Alle sind plötzlich #metoo

Kommentar Lassen wir den gesunden Menschenverstand walten; haben wir den Mut und die Zivilcourage, über diese Missstände zu berichten und zu kommunizieren – aber sachlich. Mehr...

Deneuve fordert die «Freiheit zu belästigen»

Frankreichs Superstar Catherine Deneuve wehrt sich gegen die «Denunziations-Kampagne» gegen Männer im Zuge der #metoo-Affäre. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mamablog Die Sprache macht Ihr Kind zum Stereotyp

Sweet Home Unter Dach und Fach

Service

Kino

Alle Kinofilme im Überlick

Die Welt in Bildern

Überflieger: Eine F-16 des türkischen Stern-Akrobatik-Teams zeigt bei der Teknofest Flugshow in Istanbul, zu was die Maschine fähig ist. (20 September 2018)
(Bild: Osman Orsal) Mehr...