Conradin Cramer macht Theater

Am diesjährigen Dies academicus spielte der Regierungsrat den Tattergreis.

Junger Regierungsrat, graue Mähne. Cramer hat sich
für seinen Auftritt am Dies academicus verkleidet.

Junger Regierungsrat, graue Mähne. Cramer hat sich für seinen Auftritt am Dies academicus verkleidet. Bild: Christian Flier

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Man mag vieles über Basler Magistraten sagen: Sie seien öde, borniert, trocken, ohne Charisma. Ihre Reden können langweilen, sie können einschläfernd wirken, alles möglich. Doch ein Magistrat ist gestern am alljährlichen Dies academicus aus der Reihe getanzt – oder genauer: gehumpelt. Eigentlich haben die Gäste am akademischen Bankett nach dem Hauptgang den grinsenden Erziehungsdirektor Conradin Cramer (LDP) in einem massgeschneiderten Anzug am Rednerpult erwartet.

Gekommen ist aber ein zittriger, wütender Greis, der sich humpelnd einen Weg durch die Reihen bahnt und den Sitzenden auch einmal mit dem Gehstock gegen die Beine haut. Fragezeichen stehen in den Gesichtern der Vertreter aus der Universität, Politik, Wirtschaft und Presse. Nur von der hinteren Sitzreihe, wo auch Unirektorin Andrea Schenker-Wicki sitzt, hallt Gelächter.

Als der Greis dann ins Scheinwerferlicht tritt, lacht die Hälfte der Gäste im Foyer des Theater Basels laut auf. Das eine Viertel hat sich vermutlich am Wein verschluckt, dem anderen bleibt der Mund vor Verblüffung offen stehen. Regierungsrat Cramer hat sich vom Theaterpersonal in einen tattrigen Greis verwandeln lassen und beginnt auch gleich – wild mit dem Gehstock und den Händen gestikulierend – wie ein Senior zu sprechen.

«Was hat unsere Universität alles erlebt in den letzten 50 Jahren? Unsere Alma Mater! Ha! Hänn Si s ghöört? Ich sage immer noch Alma Mater – wie die Rektorin damals … vor 50 Jahren – dabei sagt man ja schon seit 2033 Alma-Mater-Schrägstrich-andere-Geschlechts-und-Familienformen-sind-auch-möglich.»

Der Erziehungsdirektor spricht als alter Mann aus dem Jahre 2068 zum Publikum und blickt zurück auf die heutigen Querelen um die Unifinanzen zwischen dem Baselland und Basel-Stadt. «Ich erinnere mich noch gut, als ich noch rüstig und dynamisch und gut aussehend und, ach, Regierungsrat war. Wie das mit der Universität damals zuging, sapperlot, sag ich Ihnen!»

«Da ging alles noch Gschwind»

Cramer, der die Kunst fürs politische Theaterspiel wohl in seiner Studentenverbindung Zofingia gelernt hat, erzählt von fiktiven Auseinandersetzungen zwischen Baslern und Baselbietern: «Es gab in der Stadt die Enggeister. Sie versammelten sich vor dem Kollegiengebäude am Petersplatz und warteten, bis ein Auto mit einer BL-Nummer den Berg hinauf kam. Geschah dies, wissen Sie, was die Enggeister dann machten? Dann schmissen sie pickelharte Basler Läckerli auf die Windschutzscheibe.»

Auch ein kleiner Seitenhieb auf seine Baselbieter Regierungsratskollegin Monica Gschwind (FDP) darf nicht fehlen. Er spricht von einer Zukunft, in der auch Münchenstein zur Hochburg der akademischen Forschung wird, und dass die Basler sich ein wenig an den Ort im Baselbiet gewöhnen mussten: «Doch kaum standen diese Städter das erste Mal auf rotstäbigem Münchensteiner Boden, erkannten auch sie: ‹Eh lueg jetz doo. Do hets jo Hoochhüüser.

Das isch wie in der Stadt. Do gfallts is!›» Doch die Angewöhnungsphase ging schnell: «Ja, nahezu Gschwind.» Gegen Schluss nimmt er noch die Weine der Akademiker-Zunft hoch: «Für das Zunftessen von 2018 gelang es der medizinischen Fakultät, in enger Zusammenarbeit mit dem Professor eines voll drittmittelfinanzierten Önologie-Lehrstuhls, einen Rotwein zu entwickeln, den man tatsächlich trinken konnte!»

Während Cramer das Podium hinkend verlässt, erhält er für seinen ungewöhnlichen Auftritt stehende Ovationen. Ein Auftritt, den wohl alle Anwesenden nicht so schnell vergessen werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.12.2018, 09:20 Uhr

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