Liebe, Freude, Weltenraum

Schorsch Kameruns «Spuren der Verirrten» am Theater Basel.

Feenhafte Stimme. Mezzosopranistin Kristina Stanek.

Feenhafte Stimme. Mezzosopranistin Kristina Stanek. Bild: Kim Culetto

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Anders als sonst ist das weitläufige Basler Theaterfoyer zurzeit mit Einbauten zugestellt. Zu sehen sind Pavillons im Baumarkt-Look, Monoblock-Stühle, Videoleinwände, ein Bassin. Aus der Freitreppe ragt eine Tribüne, mit buntem Wellplastik fröhlich verkleidet. Das Publikum wartet in Trauben, noch unschlüssig, was die eigene Position in dieser Inszenierung angeht. Angekündigt ist eine begehbare Installation, Kopfhörer für die Tonspur sind ausgehändigt. Also: Augen und Beine startklar. Man will ja nichts verpassen.

Zunächst klettert ein Herr mit jugendlichem Blondhaarschnitt und lebenserfahren gefurchten Gesichtszügen auf einen Tisch und bittet um Aufmerksamkeit: «Hallo, ich bin Thomas Sehl, ich habe hier den Abenddienst.» Der sich da mit seinem Klarnamen vorstellt, heisst in Künstlerwirklichkeit Schorsch Kamerun. Er ist Musiker (nicht nur Punk), Szeneclubbetreiber (St. Pauli, nicht die schäbige Seite), Autor (nicht nur Subkultur), und seit ersten Performances an Christoph Marthalers Zürcher Schauspielhaus eben auch Theatermacher.

In Basel trifft der Mittfünfziger, der sich in der antibürgerlichen Zone der Kunst ausgetobt hat, auf «Spuren der Verirrten». Das ist ein Text eines weiteren, allerdings um eine Generation älteren ehemaligen Künstlerrebellen, Peter Handke. Dass dabei die poetische Reife des Autors auf den Regisseur abfärbt, kommt für den, der Kameruns Theaterweg verfolgt, nicht überraschend.

Paare, Passanten

Schön anzuschauen sind die «Spuren der Verirrten» allemal. Nicht zuletzt, weil man behutsam vom Geschehen eingesogen wird – von diesem fremdartigen Kosmos, der aus Songs, Tanz und Sprechszenen gespeisten Traumlogik, von rätselhaften Ritualen, vom Erscheinen und Verschwinden einer Figurenarmada aus Profis und Laien.

Handkes Prosastück besteht aus einem Reigen von Beobachtungen. Einem Strassencafébesucher ähnlich, notiert der Autor scheinbar zufällige Auftritte von Paaren, von Passanten. Das Sprechen wie das Gehen, beides wirkt flüchtig und doch prägnant. Dafür sorgt die entschlossen kommentierende Anwesenheit des Erzählers.

Auch Schorsch Kamerun kommentiert. Mit seinen Mitteln. «Es wird bald wieder Krieg geben, dieser Frieden ist faul, verfault wie Lebensmittel ohne täglichen Gebrauch», singsangt Kamerun mit Liveband-Support, derweil die szenischen Idyllen von dystopischer Bardenpropheterei so gar nichts wissen wollen. Wohin man blickt, grassieren Liebe, Freude, Weltenraum und andere penetrante Spielarten der Entrücktheit.

Vier Schauspieler (Florian von Manteuffel, Max Rothbart, Lisa Stiegler, Leonie Merlin Young) beobachten, wie der Herbst aufzieht, verspüren «Apfellust», spüren die Brennnesseln brennen. Studierende der Hochschule für Gestaltung pflanzen Zitronenbäumchen in den Raum, beten steinkreisförmige Zeichen am Boden an, die Bar schenkt einen absinthhaltigen Drink namens «Orientierungslosigkeit» aus, das Ballettschul-Corps des Theaters zitiert «Schwanensee», karnevaleske Züge pflügen durch die Zuschauer, wobei es nicht um Fasnachtsfiguren geht, sondern um Role Models, um König, Astronaut, Ferraripilotin.

Dazwischen schwebt, in extravagantem Lady-Gaga-Style, Kristina Stanek ein. Die Mezzosopranistin singt feenhaft melancholische Lieder, «Tristan», Schubert. Wenn es also ein Licht gibt, dann leuchtet es aus der Musik.

Weitere Vorstellungen: 8., 9., 13., 14. und 20. 11., Theater Basel, Foyer Grosse Bühne. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.11.2018, 11:28 Uhr

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