Plötzlich fühlt man sich den Pilzen nahe

Christoph Marthalers neueste Produktion ist eine stille, manchmal auch schrille Hommage an den Komponisten John Cage. Es ist seine erste Inszenierung im Schiffbau Zürich seit 2004.

Die Musik erstarrt, Marc Bodnar ebenfalls: «44 Harmonies from Apartment House 1776» im Schiffbau. Foto: Tanja Dorendorf (T + T Fotografie)

Die Musik erstarrt, Marc Bodnar ebenfalls: «44 Harmonies from Apartment House 1776» im Schiffbau. Foto: Tanja Dorendorf (T + T Fotografie)

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Es gehe «um Harmonien, Personen, Pilze und Harmonien», erklärt ein todernster Ueli Jäggi gleich zu Beginn des Abends. Also darum, dass zweimal dasselbe eben nicht dasselbe ist. Darum, dass Personen mit Pilzen Kontakt aufzunehmen versuchen, indem sie als Harmonien in Erscheinung treten. Oderdarum, was Hildegard Knefoder Theodor W. Adorno oder Karel Gott «einst sagten». Und schliesslich um die Frage, ob die Pilze, die ja mehrheitlich unterirdisch wachsen, sich überhaupt als «Ausstülpungen» manifestieren würden hier im Schiffbau. Kompliziert, das alles, man bekommt es nur halb mit vor lauter Lachen.

Nur Jäggi lacht nicht, natürlich nicht: Mit einem leicht zweifelnden «wir werden sehen, wie es läuft» schliesst er seinen Monolog, der ein richtiger Mar-thaler-Monolog ist und vielleicht der schönste Teil dieser Produktion. Oder vielleicht auch nicht, es ist schwer zu entscheiden nach acht Viertelstunden, in denen viel passiert oder wenig, je nach Sichtweise. Schräges, Lustiges, Melancholisches. Und vor allem Musikalisches.

Beatrice Egli minus Schlager

Sicher ist: Christoph Marthaler ist wieder da, im Schiffbau, den es ohne ihn nicht gäbe. Auch die Ausstatterin Anna Viebrock ist zurück und hat einen vertrauten Raum in die Halle gestellt: eine Bühne auf der Bühne im Hintergrund, ein Kabäuschen an der Seite, zwei Klaviere, ein Harmonium. Viele Stühle. Ein Kasten, der sich als Telefonkabine entpuppen wird. Notenständer.

Denn die Musik war der Anfang des Ganzen, bevor es zu wuchern begann, unter- wie überirdisch: Ein wenig bekanntes Werk von John Cage (1912 – 1992) nämlich, das den hübschen Titel «44 Harmonies from Apartment House 1776» trägt, den Marthaler nun für seine Produktion geklaut hat. Einen Ausschnitt daraus hatte er für sein «+–0 (Ein Basislager)» in Grönland verwendet, es blieb die Lust auf mehr. Weil die Musik so schön ist. Und weil sie so gut zu Cages Interesse für Pilze passt. Auch in der Musik geschieht hier nämlich vieles nur unterirdisch, die hörbaren Töne sind die Ausstülpungen dessen, was sich in der Stille entwickelt. Respektive: was in die Stille versenkt worden ist.

Cage hat für sein Stück Hymnusmelodien gesammelt von Komponisten, die 1776 höchstens zwanzig Jahre alt waren, und von diesen nach dem Zufallsprinzip Töne «subtrahiert», also gestrichen. Das Resultat klingt immer noch nach 18. Jahrhundert, aber auf schwebende, sozusagen vernebelte Weise.

Die Musik war der Anfang, bevor es zu wuchern begann, unter- wie überirdisch.

Auf sehr marthalersche Weise auch, der Regisseur ist ja selbst ein Spezialist im Weglassen und Verschweigen. Und so lässt er, bevor Cages Musik überhaupt erklingt, sein Ensemble schon mal in der Kunst der Subtraktion brillieren. Da gibt es zum Beispiel Beatrice Eglis «Kick im Augenblick» ohne Musik und Schlageroptimismus, als geradezu beängstigende Sprachsalve (Elisa Plüss und Susanne-Marie Wrage). Es gibt Dialoge ohne Dialog (Graham F. Valentine und Benito Bause). Bach-Choräle, in denen Wörter fehlen. Bryan Johnsons «Looking High, High, High» als vom Pianisten Bendix Dethleffsen begleitetes Kollektivstück, dem zunehmend der Schnauf ausgeht.

Auch Additionen erlebt man zwischendrin: wenn Paare beim Tanzen auch noch ein paar Stühle zu verwalten haben – und damit für einen weiteren schönsten Moment des Abends sorgen. Oder wenn alle gebannt vor einem Lautsprecher sitzen und zuhören, wie ein Klavier gestimmt wird, während Marc Bodnar dazu eine überaus expressive Tanzeinlage liefert.

Rasant ist das alles, und es kommt gleichzeitig kaum vom Fleck. Man pflegt den eiligen Stillstand, die statische Hektik und eine Kommunikation, die vielleicht tatsächlich so ähnlich ist wie jene zwischen Pilzen und Harmonien. Irgendwas geschieht da. Man weiss nur nicht so genau, was es ist.

Und dann bleibt plötzlich nur noch die Musik. Rund zwei der acht Viertelstunden lang spielen vier Cellistinnen Cages «44 Harmonies from Apartment House 1776», und wenn sie ihre Noten nach einer gefühlten Ewigkeit umblättern, wirkt es fast wie eine Drohung: Ja, es kommt noch mehr. Viel mehr.

Notenständer giessen

Man hat deshalb Zeit, sich an ein früheres Marthaler-Stück zu erinnern, das seinen Titel ebenfalls von einer Komposition übernommen hatte: «The Unanswered Question» stellte 1997 im Theater Basel mit Charles Ives' berühmten Trompetentönen (und schon damals mit Ueli Jäggi und Graham F. Valentine) die Frage nach dem Sinn des Seins. Statt einer Antwort gab es in der ersten Hälfte fulminanten Slapstick und eine grandiose Persi-flage auf Starkult und Häppchenkultur; in der zweiten dann, integral und fast konzertant, György Kurtágs «Botschaftendes verstorbenen Fräuleins R. V. Troussova». Eben noch hatte man gejapst vor Vergnügen, nun sollte man plötzlich zuhören: Leicht war das nicht, selbst wenn man Kurtágs Liederzyklus mochte.

Leicht ist es auch diesmal nicht. Stillsitzen, zuhören, aushalten, wie eine Musik aus der Vergangenheit herbeigeweht wird, wieder verblasst, wieder aufscheint, immer ein wenig anders, immer ähnlich. Aber die Mühe lohnt sich. Wegen der Harmonien. Und weil man sich den Pilzen plötzlich tatsächlich irgendwie nahe fühlt.

Es geht dann noch ein bisschen weiter. Raphael Clamer redet ins Klavier hinein, Elisa Plüss rattert einen Text herunter, der klingt wie ein irr gewordenes Übersetzungsprogramm. Und Bernhard Landau, Marthalers Lieblingsstatist, giesst die Notenständer. Könnte ja sein, dass da was wächst.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 18:59 Uhr

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