Wolfgang Reichmann, Mime, «Menschenmacher»

Der Schauspieler und Musicalstar feierte in Zürich Triumphe. Nun zeigt eine Ausstellung die Stationen seines Lebens.

Das ehemalige Mitglied des Schauspielhaus-Ensembles als Fuhrmann Henschel: Wolfgang Reichmann.

Das ehemalige Mitglied des Schauspielhaus-Ensembles als Fuhrmann Henschel: Wolfgang Reichmann. Bild: PD

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Insgesamt 265-mal spielte er Lessings «Nathan der Weise». Mit dem Milchmann Tevje im Musical «Anatevka» entzückte er die Massen, der grosse Charakterdarsteller Wolfgang Reichmann (1932–1991), Mitglied des Zürcher Schauspielhaus-Ensembles ab 1963. Nun ist anlässlich der Schenkung seines Nachlasses ans Stadtarchiv Zürich ebenda und im Opernhaus eine zweiteilige Ausstellung zu sehen, in der auf Plakatwänden und in Vitrinen Fotos, Textbücher und Masken aus Reichmanns Besitz gezeigt werden.

Im reich illustrierten Begleitbuch zeichnen die Kuratorinnen Sibylle Ehrismann und Verena Naegele – ergänzt durch einen Essay von Richard Merz und Erinnerungen von Weggefährten wie Maria Becker – Stationen seines Lebens nach: seine Jugend als «Halbjude» unterm Hakenkreuz; wie er von der SS zur Erschiessung geholt, wie der Exekutionsbefehl in letzter Minute widerrufen wurde; und wie Reichmann die Zerstörung Breslaus miterlebte.

Regie als Einmischung verstanden

Eingehend erzählt wird, wie er ohne Schauspielausbildung zum Theater kam, bereits mit Anfang zwanzig Altersrollen wie den Lear dank seiner ausgeprägten Körperlichkeit gestalten konnte und mit seiner sonoren Bassstimme und der Verbindung von Intellekt und impulsiver Vitalität in Deutschland zum gefragten Charakterdarsteller avancierte.

In Zürich feierte Reichmann Triumphe, wirkte in der Uraufführung von Dürrenmatts «Der Meteor» (1966) mit. In der Ära Löffler erlebte er aber auch den Umbruch im Theater, der für ihn zu einem Wendepunkt wurde: Das Regietheater empfand Reichmann, der auf der Bühne versuchte, «Menschen zu machen», als unerträgliche Einmischung in die eigenverantwortliche Rollengestaltung. In der Folge wandte sich der ausgebildete Sänger wieder mehr der Musik zu, spielte am Opernhaus in der Uraufführung von Rudolf Kelterborns «Ein Engel kommt nach Babylon» (1977) den Akki und wurde mit «Anatevka» zum Musicalstar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2010, 10:53 Uhr

Ausstellung zu Wolfgang Reichmann

Die Ausstellung im Stadtarchiv Zürich dauert bis am 17. Dezember 2010.

Das Buch dazu:
Verena Naegele und Sibylle Ehrismann: Wolfgang Reichmann. Mit einer Hör-CD. Huber, Frauenfeld 2010. 142 S., ca. 49 Fr.

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