Mehr Präsenz als ein bunter Hund

Der grossartige Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff ist ein mentaler Marathonläufer. Jüngst durfte er den Jonathan-Swift-Literaturpreis für Satire und Humor entgegennehmen.

Konstruktives Dauerscheitern: Joachim Meyerhoff schaut in seiner Roman-Tetralogie «Alle Toten fliegen hoch» in den Spiegel. Foto: Reto Oeschger

Konstruktives Dauerscheitern: Joachim Meyerhoff schaut in seiner Roman-Tetralogie «Alle Toten fliegen hoch» in den Spiegel. Foto: Reto Oeschger

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Er rockt die grossen Häuser, haut Kritiker und Jurorinnen vom Hocker. Er reisst Silberköpfe ebenso zu stehenden Ovationen hin wie Jugendliche – so auch vor kurzem am Pfauen in Zürich mit einer dreistündigen Soloperformance: Joachim Meyerhoff, der wohl norddeutscheste aller Burgschauspieler, aber auch der wienerischste aller Fischköppe.

Dabei ist Thomas Melles Roman «Die Welt im Rücken», den er da auf die Bretter wuchtete, weder ein internationaler Bestseller noch ein Klassiker mit Lehrplanverankerung – aber wenn der Schauspieler die harten Jahre des bipolaren Icherzählers auf der Bühne nachvollzieht, sirrt sich die Zerrissenheit der Figur derart an unser aller Unsicherheiten und Unangepasstheiten heran, dass es dem Zuschauer den besagten Rücken eiskalt herunterläuft. Dass Meyerhoff sich damit 2017 den Ehrentitel «Schauspieler des Jahres» holen würde, war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Sicherheit ist allerdings das, was der selbst erklärte Atheist Meyerhoff am wenigsten verträgt. Ungewissheit – das Schwanken, Abrutschen und Sich-neu-justieren-Müssen – machen für ihn den Stoff aus, aus dem die Träume sind; die zwischen Buchdeckeln und die auf der Bühne. Seine eigene Geschichte, die er in der preisgekrönten, galgenhumorig ungeschönten Roman-Tetralogie «Alle Toten fliegen hoch» (2011–2017) erzählt hat und für die er in Zürich den Jonathan-Swift-Preis 2018 erhielt, ist darum eine des konstruktiven Dauerscheiterns. Das Schicksal hat da schlimme Schläge ausgeteilt und wunderbare Überraschungen in petto, und Leben heisst, diesem Hin und Her ohne Rüstung und ohne Gebrauchsanleitung zu begegnen. Mitzulaufen.

«Fail again, fail better – ich kanns nicht mehr hören»

Die langen Beine des 51-Jährigen, der zehn Jahre jünger rüberkommt und vierzig Jahre zappliger, laufen jedenfalls oft mit, wenn er im Gespräch nach der richtigen Formulierung sucht – mit jener Dringlichkeit, die auch in seinem Spiel steckt. Der Mann mit den schmalen Gesichtszügen hat mehr energetische Präsenz als ein bunter Hund.

Aber halt, stopp!, bremst er sich auch mal aus: Das mit dem Scheitern sei inzwischen auch so eine feststehende Wendung; eine abgegriffene Künstlerphrase. «Ständig wird Beckett zitiert: Fail again. Fail better; schöner scheitern. Ich kanns nicht mehr hören. Die Wahrheit ist doch: Keiner will scheitern. Aber gerade beim Theater spielen extrem viele Komponenten mit, jedes Mal neu. Ein Abo aufs Gelingen gibt es da nicht, für niemanden.»

Grad darin stecke aber auch die Möglichkeit zum Glück. Zu einer intensiven gemeinsamen Erfahrung, die ihre eigene Wahrheit habe; 100-prozentige Lebendigkeit. Meyerhoff bezeichnet sich als Situationist. In keinem anderen Medium setze sich der Künstler so unmittelbar dem Jetzt und dem Gegenüber aus: «Im Theater trägt man seine Haut zu Markte. Man ist Stimme, Körperwärme, Sendemast. Schreiben dagegen bedeutet für mich Introspektion, empfangen statt senden. Es tut mir gut.» Zwischen Proben und Auftritten, Reisen und Kindern – der Sohn aus seiner jetzigen Beziehung ist vier Jahre alt – schafft Meyerhoff sich Raum fürs Schreiben.

Anderssein war für den Kleinen nicht erschreckend, sondern Courant normal. Und Normalsein das Erschreckende.

Wie er das hinkriegt? Fleiss und Selbstdisziplin, lächelt der Mann ein wenig verlegen. Als Kind war er der jüngste von drei Brüdern, die «blonde Bombe», ein Stressfaktor für die Lehrer, und wenn man ihn ins Theater schleppte, störte er. Der Vater war Direktor einer Psychiatrie in Schleswig, die Familie lebte auf dem Anstaltsgelände, durch das das Gebrüll der Kranken hallte; Anderssein war für den Kleinen nicht erschreckend, sondern Courant normal. Und Normalsein das Erschreckende.

In die Lebensform Theater sei er «Ende der Achtziger so reingeschlittert und hab mich zehn Jahre gequält». Auch wenn ihm die wilde Hamburger «Lulu» von Peter Zadek 1988 quasi den Theaterhorizont aufgerissen habe. Die Zeit an der Schauspielschule in München – die gleiche, wo seine Oma Inge Birkmann einst unterrichtet hatte – war kein Zuckerschlecken. Und eine Theaterepiphanie, wo alle Puzzleteile sich zum erleuchteten Bild zusammenschieben, gab es nicht.

Auch zur Literatur kam Meyerhoff eher aus seiner generellen Offenheit. Leseverrückt, klar, das war er immer. Doch die schelmisch-melancholischen Familienromane entstanden aus den sechs Textbrocken, die er 2007 bis 2009 für Theaterabende verfasst hatte; die Teile 1–3 wurden ans Berliner Theatertreffen 2009 geladen. Von den Dramaturgen hiess es damals während den Proben: Vielleicht könne ein sehr guter Schauspieler das Material ja retten. Aber dann – kam der Riesenerfolg.

Überhaupt liest sich Meyerhoffs literarisierte Lebensgeschichte wie ein enormes Aber-dann. Wenn etwa der frisch nach Bielefeld engagierte Jungschauspieler an einer Premierenfeier herumhängt. Allein – sein mittlerer Bruder starb 1984 bei einem Autounfall, sein Vater neun Jahre später, seine geliebten Grosseltern 2004. Das gesamte Bielefelder Ensemble besteht aus einem Haufen gieriger, missgünstiger Möchtegernstars. Aber dann – trifft er die erste grosse Liebe.

Dann noch eine und noch eine. Schon wirds wieder schwierig. Dass es noch viel schwieriger geht, etwa als Meyerhoff später direkt nach der Trennung von der Mutter seiner zwei Töchter jeden Abend mit ihr in «Wer hat Angst vor Virginia Wolf?» auf der Burgtheater-Bühne steht – das ist in diesen Lehr- und Wanderjahren noch unvorstellbar.

Die wahre Geschichte von Gottschalks Frau

Den Sinn dafür, wie irre das Leben spielt, wie schmerzerfüllt und zugleich total absurd es sein kann: Dafür hat freilich schon der junge Erzähler ein ausgeprägtes Gespür – ebenso wie der heutige Swift-Preis-Träger, der an der Verleihung von Thomas Gottschalks Frau berichtet, die aus dem kalifornischen Flammeninferno die Katzen rettete, das Katzenfutter, das Katzenklo. Aber nicht Gottschalks geliebte Rilke-Originalhandschrift von «Der Panther», die an der Wand hing. Eine wahre Geschichte.

Mit dem Hype um den Begriff der Authentizität kann Joachim Meyerhoff allerdings schon lange nichts mehr anfangen. «Ob die Hose, die das Mädchen anhatte, exakt so aussah: An so etwas kann sich doch keiner erinnern, und es ist auch nicht wichtig. Ich recherchiere nicht, ich lese keine alten Briefe, wenn ich über meine Grossmutter schreibe. Ich stelle die Stimmung von damals her», führt er aus. Das sei wie das Zwiebelschälen bei «Peer Gynt»: Da fällt Haut um Haut, doch der wahre Kern bleibt unsichtbar.

Danton ging gar nicht

Das heisst nicht, dass alles machbar ist. So soll auch das nächste Buch soll seinen Sitz tief in Meyerhoffs Leben haben. Anders gesagt: «Theater-Anekdotenonkel ist nichts für mich.» Und auch auf der Bühne braucht er ein gewisses – entmystiftiziertes – Einssein mit der Rolle. Danton von Büchner oder Wladimir von Beckett: Das ging irgendwie gar nicht (auch wenn er diese Rollen mit Klasse spielte). Eher Melle von Melle: Der habe seinem Wahnsinn gegenüber eine selbstironische Distanz.

«Ich dachte ja erst, Melles Alter Ego mit den Wahnepisoden und Abstürzen sei etwas Exotisches», bekennt Meyerhoff. Aber ein Blick auf die Statistik psychischer Störungen – und die Zuschauerrreaktionen – hätten ihn vom Gegenteil überzeugt. Und Melles virtuoser, rabenschwarzer, vielschichtiger Umgang mit seinen Zusammenbrüchen macht ihn fassbar selbst da, wo man nicht mitgeht.

«Theater soll nicht ranschmeisserisch sein, sondern sperrig.» Und nein, als moralische Anstalt versteht der mentale Marathonläufer es nicht. Auch das diffuse Jammern und Entsetzen über die AfD und den Rechtsrutsch allgemein habe im Betrieb nichts zu suchen, helfe nicht weiter. «Hut ab vor Robert Menasse, der jetzt in Wien eine Europäische Republik ausgerufen hat! Der tut was.»

Etwas tun: Das ist für den sensiblen Situationisten mit den vielen Talenten und dem grossen Fleiss unabdingbar.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 21:40 Uhr

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