«Trump kann man spielen wie eine Geige»

Randy Newman über Machtgier, verschenkte Hits und das aktuelle Album «Dark Matter».

«Man hat mein Lied nicht ganz verstanden.» Das ist beim ironischen, hintersinnigen und blitzgescheiten Randy Newman (73) durchaus möglich.

«Man hat mein Lied nicht ganz verstanden.» Das ist beim ironischen, hintersinnigen und blitzgescheiten Randy Newman (73) durchaus möglich.

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BaZ: Herr Newman, ich möchte festhalten, dass dieses Interview unter unfairen Bedingungen stattfindet: Sie hatten neun Jahre Zeit, um ein neues Album zu schreiben, ich dagegen nur neun Tage, um die kryptischen Songs zu verstehen.

Randy Newman: (lacht) Das tut mir natürlich leid. Und weil ich ein netter Mensch bin, helfe ich Ihnen gerne bei der Entschlüsselung.

Dann lassen Sie uns den Opener von «Dark Matter» auseinandernehmen: «The Great Debate», eine Ihrer bis dato vielschichtigsten Kompositionen.
Das ist wohl wahr. Es geht im Grunde um die Debatte zwischen Wissenschaft und Glauben, die wir in den Staaten seit Ewigkeiten austragen. Um das Ganze etwas anzuheizen, ist der Erzähler des Songs nicht neutral, sondern auf der Glaubens-Seite.

So weit so gut. In der dritten Strophe jedoch geschieht etwas Eigenartiges.
Ja, ein Vertreter der Gläubigen erhebt sich und beschuldigt den Erzähler, bloss eine Ausgeburt meiner Fantasie zu sein. Eine klischierte Figur, die der Komponist erschaffen habe, um sich doch über den Glauben lustig zu machen. Ich hatte beim Schreiben das starke Gefühl, dass ich diesen direkten Angriff auf meine Person einbauen muss.

Als Hilfe für den Zuhörer? Für gewöhnlich geht man ja davon aus, dass das erzählende «Ich» in einem Pop-Song weitgehend mit der Meinung des Sängers oder dem Komponisten übereinstimmt?
Was ja auch sehr oft der Fall ist, bloss bei mir nur ganz selten. Ich wollte damit aber vor allem die ganze Debatte ad absurdum führen. Ich lasse das logische Gerüst der Argumentation in sich zusammenfallen.

Um dann einen Gospelchor auftreten zu lassen.
Ganz genau. Am Ende triumphiert der Glaube über die Wissenschaft und zwar aufgrund der Dinge, die mit ihm verbunden sind: die Musik, die Kunst, die hohen Deckengewölbe. Das alles ist schliesslich enorm kraftvoll. Und die Gegenseite hat absolut nichts zu bieten. Ausser der Wahrheit.

Sie haben also ein Stück über Fake-News geschrieben?
Gewissermassen. Für mich und ein paar andere Ewiggestrige ist die Wahrheit noch immer das höchste Gut. Aber global gesehen ist die Wahrheit mittlerweile so wertlos wie noch nie zu meinen Lebzeiten. Aber ich hoffe, dass der Song trotz allem unterhaltsam ist. Ansonsten ist er wertlos. Ich will die Leute zum Lachen bringen – meistens zumindest.

Sie bieten dem Zuhörer jeweils mehrere Möglichkeiten, sich einem Lied zu nähern: über die Melodie, die Harmonien, den Humor, die Komplexität des Aufbaus …
… Oder einfach, weil man vom Inhalt angepisst ist, was in der Vergangenheit immer wieder der Fall war. Und ich bin mir auch bewusst, dass «The Great Debate» ein happiger Einstieg ist. Die Plattenfirma war entschieden gegen diese Platzierung auf dem Album. Sie wollte «Brothers» als ersten Song.

Ausgerechnet jenes Lied, in dem Sie zwei Kennedy-Brüder zur Zeit der Kuba-Krise eine Lobeshymne auf die kubanische Sängerin Celia Cruz anstimmen lassen?
Ja, sehen Sie! Ich habe den Verdacht, dass man da in der Teppichetage mein Lied nicht ganz verstanden hat.

Eindeutiger ist die Ballade «Lost With You», die einen zu Tränen rührt. Wissen Sie beim Komponieren von Beginn weg, ob ein Stück fröhlich, bissig oder traurig herauskommt?
(singt für sich) «Even if I knew the way the wind was blowing …» Ich hatte zuerst nur diese Anfangszeile im Kopf und dachte, ich würde eine sentimentale Liebesballade mit einer irischen Melodie schreiben. Dann aber stellte sich heraus, dass es darin um eine alte Frau geht, die vom Sterbebett aus ihre Kinder anweist, sich fortan um den Ehemann zu kümmern. Es ist ein Liebeslied, aber der Tod ist sehr präsent. Und schon wieder habe ich mich selber um einen Hit gebracht.

Passiert Ihnen das oft?
In den Augen meines langjährigen Produzenten Lenny Waronke andauernd. Er ist einer meiner engsten Freunde und er freut sich immer, wenn ich ihm ein neues Lied vorspiele. Bis zu jenem Moment, wo ich in einer Zeile falsch abbiege und alle kommerziellen Hoffnungen beerdige.

Was mir vorhin aufgefallen ist: Sie müssen sich Ihre Songs vorsingen, um sich an die Entstehung zu erinnern?
Ich muss zuweilen ein halbes Stück singen, damit mir der Songtitel einfällt. Sogar bei ganz neuen Stücken. Ich werde alt. Andererseits musste ich das schon bei meinen ersten Songs genauso tun.

Hat das auch mit der Art zu tun, wie Ihre Stücke entstehen? Vermute ich richtig, dass Sie meistens mit einer Stimmung beginnen?
Sehr gut geraten. Keiner meiner Songs ist eine Kopfgeburt. Erst später bei der Umsetzung und Ausarbeitung schalte ich das Hirn an. Wenn man Musik nicht in erster Linie fühlt, muss man sie unmittelbar entsorgen. Ich gebe zu, dass ich manchmal auch ganz bewusst Gedanken verfolge oder Konzepte einarbeite. Aber das ist nie der erste Schritt.

Bei unserem letzten Gespräch haben wir uns über eine sarkastische Zeile unterhalten, die Sie anlässlich von Barack Obamas Wiederwahl geschrieben haben: «I’m dreaming of a white president just like the ones we’ve always had». Sind Sie ein Prophet?
Nein, ich bin zutiefst geschockt. Die für mich unfassbare Wahl von Donald Trump ist ein Grund, wieso dieses Lied nun nicht auf dem Album ist. Ich hatte in dem Stück, mit dem ich mich aktiv für Obamas Wiederwahl stark machte, bewusst die erzkonservative Gegenseite parodiert. Nun muss ich merken, dass meine Übertreibung womöglich gar keine war. Ich fluche jeweils, wenn meine Hirngespinste wahr werden.

Sie hatten damals angetönt, nach Möglichkeit keine Stücke über lebende Menschen zu schreiben, weil der Song an Aktualität einbüsst, sobald die Person ihr Amt niederlegt. Nun ist ein Lied auf dem aktuellen Album Wladimir Putin gewidmet.
Der hat sich einfach aufgedrängt. Sein oben-ohne-Bild, das um die Welt gegangen ist, hat in mir einen ganzen Song ausgelöst. Selbst wenn er das Amt niederlegt – und ich denke, das wird noch längere Zeit nicht der Fall sein –, bleibt dieses Bild im kollektiven Gedächtnis.

Sie haben in «Putin» die wunderbare Zeile geschrieben «When he takes his shirt off / makes me wanna be a lady.» – Eine homoerotische Anspielung auf einen homophoben Präsidenten?
Ja, das musste einfach sein. Wladimir Putin ist einzigartig insofern, dass er nicht nur der reichste und mächtigste Mann der Welt sein will, sondern auch so etwas wie ein zweiter Tom Cruise.

Und was will Ihr Präsident?
Das ist doch das Unheimliche an Trump: Ich habe absolut keine Ahnung, was er will. Er will sich selber sein, denke ich. Seine gesamte Aufmerksamkeit dreht sich um sich selber. Dummerweise ist er überhaupt nicht zufrieden mit dem, was er sieht. Er ist zutiefst unsicher. Das ist gefährlich.

Inwiefern?
Wenn man bei Donald Trump den richtigen Ton anstimmt, ihn lobt und mit ihm vordergründig einer Meinung ist, dann kann man ihn spielen wie eine Geige.

Das klingt wie eine Idee für ein neues Lied.
Vor etwa einem Jahr habe ich in einer amerikanischen Zeitung diesen Satz gelesen: «Donald Trump verhält sich wie ein Charakter in einem Lied von Randy Newman.» Und so traurig ich das finde – es stimmt! Der Grosskotz in «My Life is Good», der Polterer in «Political Science» ... Trump passt in dieses Muster, weil er selber eine Übertreibung ist. Ich habe bereits eine Idee, wie ich ein Lied über Trump anpacken könnte. Ich würde aus der Sicht von Ivanka Trump singen, mit einer Liebeserklärung auf den «Daddy» anfangen und dann dessen Realitätsverlust anprangern.

Doch vorerst haben sie ein 13 Jahre altes Lied neu eingesungen: «It’s a Jungle Out There», ihre Titel-Melodie zur TV-Serie «Monk». Wieso hat es so lange gedauert, bis der Song auf ein Album durfte?
Er war noch nicht fertig. Ich wurde an meinen Konzerten immer wieder darauf angesprochen, also habe ich das Lied fertig gemacht – mit einer zweiten, noch paranoideren Strophe über Überwachung und Polizeigewalt.

Etwas versteckter haben Sie für «Dark Matter» auch noch eine zweite Idee rezykliert: Wenn der anfangs erwähnte Gospelchor im Schlussrefrain von «The Great Debate» die Zeile «someone is watching me» singt, dann tut er das zur Melodie Ihres Hits «You’ve Got a Friend in Me», den Sie für den Animationsfilm «Toy Story» (1995) geschrieben haben.
(überlegt) Stimmt! Das ist mir bislang nicht aufgefallen (singt beide Melodien). Oh ja! Sie sind der erste, der mich darauf anspricht. Sie haben mich erwischt!

Und ich dachte, Sie hätten diesen Freundschaftssong absichtlich auf Gott ausgeweitet und ihm diesen unheimlichen Big-Brother-Touch gegeben.
Sie geben mir zu viele Lorbeeren, das war alles keine Absicht. Ich schreibe schon so lange Songs, da kann es gut vorkommen, dass ich mich selber plagiiere. Sehen Sie: Ihnen ist nun etwas aufgefallen, das mir bislang vollkommen entgangen war. Dabei hatte ich neun Jahre Zeit, mich mit dem Album zu befassen, und Sie bloss neun Tage. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.08.2017, 15:13 Uhr

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