Was liegt näher als das Kind an der Mutterbrust?

Heute ist für Mütter Stillen Pflicht – doch rund ums Thema gibt es auch einige Ammenmärchen.

Stillen kann ein schönes Erlebnis sein, muss aber nicht: Eine Mutter stillt ihr Kind. (Archivbild TA)

Stillen kann ein schönes Erlebnis sein, muss aber nicht: Eine Mutter stillt ihr Kind. (Archivbild TA)

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Stillen ist zu einem mächtigen Trend geworden, der jede Frau ins Abseits stellt, die freiwillig darauf verzichtet. Die natürlichste Sache der Welt wird immer mehr zum Wettlauf zwischen Versagen und Siegen, denn heute scheint es zur Pflicht geworden zu sein, eine innige Mutter-Kind-Beziehung vom ersten Babyschrei an zu pflegen. Zurzeit zelebriert die Menschheit die Weltstillwoche – der Moment für Blicke in die Geschichte des Stillens gestern und heute.

Tatsächlich kann Stillen ein schönes Erlebnis sein – ist frau über die Phase der entzündeten Brustwarzen hinweg, ist es praktisch, kostengünstig und innig. Doch eifrige Missionarinnen haben das Thema Stillen in den vergangenen Jahrzehnten zur Religion gekürt. Man verstehe mich nicht falsch: Ich habe jedes meiner fünf Kinder viele Monate lang gerne und überzeugt gestillt. Doch mir graut vor Argumenten, die dem gestillten Kind ewiges Heil versprechen: Es vermindere das Risiko, dass es später an Allergien erkranke, statte es mit mehr Selbstbewusstsein aus und mache es resistenter gegen die Verlockungen von Suchtmitteln. Auf ihrer Internetseite schreibt die La Leche League beispielsweise, Stillen wirke präventiv gegen Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf- Probleme oder Gebärmutterkrebs.

Stillfreundliche Krankenhäuser

In dieser aufgeregten Debatte wird etwas übersehen: Frauen stillen, weil es praktisch und natürlich ist, und wer sich gegen das Stillen entscheidet, tut seinem Kind ebenso Gutes. Wer glaubt, ein mit industriell hergestellter Milch ernährtes Baby werde nie so kräftig und gesund wie gestillte Kinder, der erliegt einem modernen Aberglauben, aus dem Seelenklempner eine psychotische Störung diagnostizieren.

Ähnlich absurd tönt der Aufruf von zwei Hebammen aus Basel und Schiers, die für kommenden Mittwoch zu einem spontanen Treffen in Zürich aufrufen. «Bist du ein Vorbild?», fragen sie und laden zur Aktion Stillmob ein. Jeder solle ein Baby oder eine Puppe zum Stillen mitbringen und sich im Pavillon beim Bürkliplatz einfinden. Schliesslich sei noch viel zu wenig über die Wichtigkeit des Stillens bekannt. Tatsächlich scheint der Gesellschaft nicht erspart zu bleiben, demnächst gar Puppen stillende Frauen öffentlich bewundern zu dürfen.

In den Kantonsspitälern der Region Basel sieht man das Thema Stillen allerdings differenzierter. Liestal wie Basel- Stadt tragen das Siegel «Stillfreundliches Krankenhaus», das die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen mit der Unesco verleiht. Jeanette Gröbli, Leiterin der Gebärabteilung des Kantonsspital Liestal, relativiert: «Stillen ist wunderbar.» Allerdings dürften diejenigen Mütter, die nicht stillen können oder wollen, keinesfalls diskriminiert werden. Denn diese gebe es auch: «Sei es aufgrund ihrer Geschichte, weil sie zu wenig Milch haben oder weil sie es als zu schmerzhaft empfinden.» Doch der grössere Teil der Mütter stillt ihr Neugeborenes. In der Frauenklinik des Universitätsspitals Basel beispielsweise werden 77 Prozent der gesunden Kinder gestillt nach Hause entlassen.

Leidenszeit für zwei Wochen

«Grundsätzlich empfehlen und unterstützen wir das Stillen», sagt Monika Thönen, Hebamme und Stillberaterin. Doch es gebe tatsächlich ab und zu Frauen, die so grosse Probleme haben, dass sie darauf verzichten müssten. «Und vermutlich gibt es auch Mütter, die nicht bereit zum Stillen sind, weil sie um die Form ihrer Brust fürchten», sagt Thönen. Das allerdings ist heute ein Tabuthema. Und daher sprechen Frauen, die aus ästhetischen Überlegungen ihr Kind von der Mutterbrust fernhalten, denn auch nicht gerne öffentlich über dieses Thema.

Realität ist allerdings, dass die ersten zwei bis drei Wochen, bis sich die Brust ans Stillen gewöhnt hat, ausserordentlich hart sind. «Ich hätte aufgegeben, wenn mich die Hebamme nicht unterstützt hätte», sagt Yvonne Kuprecht aus Oeschgen, die im Wochenbett von Monika Thönen betreut worden ist. In den ersten zwei Wochen seien ihre Brustwarzen entzündet und aufgerissen gewesen – dagegen halfen Tricks und Hausmittelchen. Heute stillt sie gerne: «Ich finde, wenn man die Möglichkeit hat, so ist es ein Geschenk und man soll es nutzen», sagt die zweifache Mutter. Ihre Krankenkasse zahlt ihr auch ein Stillgeld von 200 Franken, das sie gerne bezieht. Doch sie sieht eine Diskriminierung der Frauen, die nicht stillen können: «Ich habe eine Freundin, die in dieser Situation ist. Sie bekommt kein Stillgeld und muss erst noch die Babynahrung bezahlen.»

Stillen war in den vergangenen Jahrhunderten nie explizit gefördert worden; wie auch die Mutter-Kind-Beziehung nie speziell thematisiert worden war. Das änderte sich erst im Jahr 1762 mit der Veröffentlichung des Romans «Emile oder über die Erziehung» von Jean-Jacques Rousseau. Darin postulierte der Philosoph die Grundlagen einer neuen Weltanschauung und sprach der Mutter eine grosse Bedeutung zu.

Doch im 19. Jahrhundert beispielsweise waren nur fünf Prozent aller Kinder von der eigenen Mutter gestillt worden. Der Adel tat es nicht, weil er zu vornehm war, die Bürgerinnen nicht, weil sie alles, was der Adel tat oder nicht tat, schick fanden. In den Unterschichten aber mussten die Frauen sehr schnell nach der Geburt wieder arbeiten und gaben die Kinder zu Ammen, die das Stillen in erster Linie als Broterwerb und nicht als sinnlichen, liebevollen Akt verstanden.

Kälte und Einsamkeit

Nicht viel besser ging es den Neugeborenen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die stillende Mutter wurde zu Zeiten des Nationalsozialismus zwar zelebriert, doch Hitler präferierte eine harte Erziehung. Ziel: die Unterwerfung des Heranwachsenden unter die NS-Gemeinschaft. Seine Helfershelferin auf diesem Gebiet war die Ärztin Johanna Haarer, die in ihren Büchern eine erschreckend gefühlskalte Erziehung propagierte. So sollte das neugeborene Kind gleich nach der Geburt allein gelassen werden. Erst 24 Stunden später dürfe es das erste Mal der Mutter zum Stillen gebracht werden.

Erziehung wird bei Haarer zu einem technischen Akt, in dem das Kind durch den Verzicht auf Freude, Zuneigung oder Trösten gefügig gemacht wird. Ihr Tipp, wenn das Kind weint: «Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoss zu halten, es gar zu stillen», schreibt sie in «Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind». Die Folge waren Schwierigkeiten bei der Mutter-Kind-Bindung und beim Stillen. Unter dem eisernen Erziehungsstil von Johanna Haarer litten auch ihre eigenen fünf Kinder. Ihre Tochter Anna Hutzel sagte als erwachsene Frau, dass alle Familienmitglieder von Gewalt und Gefühlskälte betroffen gewesen seien.

Im Zuge der Industrialisierung wurde die erste Säuglingsnahrung auf Basis von Kuhmilch industriell hergestellt. Nach dem zweiten Weltkrieg stieg der Anteil von Flaschenkindern kontinuierlich bis in die 1970er-Jahre. Damals wurde argumentiert, Stillen schränke die persönliche Freiheit ein, sei mit dem Beruf nicht vereinbar und ruiniere die Figur.

Die heutigen Übermütter

Das änderte sich in den 1970er-Jahren, als die Botschaft der in den 50er-Jahren in den USA gegründete Gruppierung La Leche League auch in Europa eine breite Anhängerschaft fand. Und plötzlich entdeckte man auch in der Medizin biologisch und psychologisch wertvolle Aspekte des Stillens, so dass eilends wieder die Brustnahrung angesagt war. Seither ist der Anteil der gestillten Kinder wieder sprunghaft angestiegen. Heute werden rund zwei Drittel der Babys die ersten Monate an der Brust ernährt.

Doch es wird auch angenommen, dass Mütter nicht gleichzeitig mit ihren Kindern neu als Stillprofis zur Welt kommen. Geburtshelfer und Hebammen gehen vielmehr davon aus, dass die heutigen Mütter unsicher sind und angeleitet werden müssen. Daher arbeiten viele Krankenhäuser mit Stillberaterinnen und speziell ausgebildeten Hebammen.

Der Trend zum Stillen habe tatsächlich zugenommen, sagt Doris Strub vom Hebammenverband beider Basel. «Die meisten Frauen stillen für kürzere oder längere Zeit.» Wichtig sei es, über die manchmal schwierige Anfangszeit zu kommen und von Fachkräften unterstützt zu werden. Danach sei das Stillen tatsächlich die idealste und praktischste Ernährungsform.

Einige Gemeinden zahlen Stillgeld

Strub glaubt allerdings nicht, dass die 100 bis 150 Franken Stillgeld, die einige Baselbieter Gemeinden entrichten, auf die Entscheidung der Frauen einen Einfluss haben. «Der Grund ist eher, weil es gesund, praktisch und kostengünstig ist.»

Denn tatsächlich halten noch einige Gemeinden und Krankenkassen an einer exotisch anmutenden Praxis fest: sie bezahlen Stillgeld. Die CSS beispielsweise gibt den Müttern 200 Franken pro Kind. Grund: Man gehe davon aus, dass Stillen gut für die Gesundheit der Babys ist und sie dadurch ein gestärktes Immunsystem haben. Zudem wolle die CSS als Familienversicherung Mütter unterstützen.

In Sissach beispielsweise bekommt jede Mutter einmalig hundert Franken, falls sie das Kind länger als zehn Wochen stillt. Immerhin 51 von insgesamt 74 Gebärenden aus der Gemeinde haben im vergangenen Jahr dieses Taschengeld abgeholt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.10.2012, 12:19 Uhr

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