Assistierter Suizid muss möglich sein

Der Vater von Erika Preisig scheiterte bei seinem Suizidversuch mit Tabletten. Danach versuchte er, sein Leben unter dem Zug zu beenden.

«Wenn ein Arzt meint, er müsse entscheiden, was unerträgliches Leiden ist, hat er noch nicht gelernt, seinen Paternalismus hinter den Wunsch des Patienten zu stellen.»

«Wenn ein Arzt meint, er müsse entscheiden, was unerträgliches Leiden ist, hat er noch nicht gelernt, seinen Paternalismus hinter den Wunsch des Patienten zu stellen.» Bild: Boris Gygax

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Seit 34 Jahren setze ich mich als Hausärztin für das Wohl meiner Patienten ein. Davon habe ich 21 Jahre rein palliativmedizinisch gearbeitet, wobei ich immer Wert darauf lege, dass meine Patienten zu Hause sterben dürfen, wenn sie dies wünschen. Vor 13 Jahren habe ich durch den assistierten Suizid meines Vaters gelernt, auch einen Wunsch nach selbstbestimmter Lebensbeendigung zu respektieren. Mein Vater scheiterte bei seinem Suizidversuch mit Tabletten. Danach versuchte er, sein Leben unter dem Zug zu beenden. Er war nicht todkrank, aber er litt nach einem Hirnschlag an einer Halbseitenlähmung und daran, dass er nicht mehr sprechen konnte.

Er wäre also nach den alten Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) und somit nach dem Wunsch von FMH-Präsident Jürg Schlup für den assistierten Suizid nicht zugelassen gewesen und hätte sich vor den Zug werfen müssen, um seinen Entscheid auszuführen. Es stellt sich die Frage: Ist es besser, wenn fest entschlossene, urteilsfähige Menschen wie mein Vater sich unter den Zug werfen? Ich trug Verantwortung nicht nur als Tochter, sondern als seine Hausärztin, die wusste, was er vorhatte. Nein, er war nicht depressiv, einfach entschlossen.

Ich bin, nachdem ich durch meine Arbeit innerhalb der Stiftung Eternal Spirit mehrmals pro Jahr gegen die SAMW-Richtlinien verstossen habe, aus der FMH (Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte) sausgetreten. Es widerstrebte mir, einem Verein anzugehören, dessen Richtlinien ich nicht respektieren kann. Seit die neuen Richtlinien vorgestellt wurden, bin ich wieder FMH-Mitglied und dankbar, dass SAMW-Präsident Daniel Scheidegger unbeirrt am Begriff «Unerträgliches Leiden» festhält.

Den Paternalismus überwinden

Was passiert mit Menschen wie meinem Vater, der nach einem Hirnschlag im sehr hohen Alter nicht mehr leben will, aber keineswegs an einer «in absehbarer Zeit zum Tode führenden Krankheit» leidet? Was passiert mit Tetraplegikern, die neuropathische Schmerzen entwickeln im ganzen Körper, nachdem sie diesen für Jahre nicht mehr gespürt haben? Sie sind nie terminal und müssten laut Jürg Schlup jahrzehntelang ihr unerträgliches Leiden erdulden.

Was passiert mit Menschen die an Chorea, ALS oder MS leiden, an Parkinson, schwerster Polyarthritis oder andern fortgeschrittenen und nicht mehr chirurgisch angehbaren degenerativen Erkrankungen? Diesen allen wurde der assistierte Suizid verunmöglicht durch die alten Richtlinien. Dies entspricht eben nicht dem, was Jürg Schlup sagt: «Beachten Sie, dass die Schweiz bezüglich assistierter Suizidhilfe die liberalste Regelung der Welt hat.» Das Schweizer Gesetz ist sehr viel liberaler als die Richtlinien der SAMW. Durch die Restriktion, welche die FMH anstrebt, wird eben dieses liberale Schweizer Gesetz massiv eingeschränkt.

Wenn ein Arzt meint, er müsse für seinen Patienten beurteilen oder gar entscheiden, was unerträgliches Leiden ist, hat er noch nicht gelernt, seinen Paternalismus hinter den Wunsch des Patienten zu stellen. Der Arzt soll sicherstellen, dass der Patient über alle möglichen Therapien informiert ist. Ob er diese eingehen oder sein Leiden beenden will, kann nur der Patient selber entscheiden. Und er ist es auch, der seinen Entscheid verantwortet, nicht der Arzt. Es wäre ja gerade eine Anmassung des Arztes, wenn er entscheiden wollte, ob ein Leiden für den Patienten erträglich ist. Genauso muss er es auch nicht verantworten, wenn sein Patient sterben möchte, sondern der Patient muss dies verantworten.

«Juristische Grauzone» verunsichert Ärzte

Die alten SAMW-Richtlinien wurden unter dem Präsidium von Markus Zimmermann, einem katholischen Ethiker, entworfen. Zimmermann hat das wirkliche Leiden nicht erlebt. Die neuen Richtlinien wurden unter der Leitung des Intensivmediziners Daniel Scheidegger entworfen. Haben wohl die Erlebnisse von 20 Jahren Arbeit auf der Intensivstation Scheidegger bewogen, sich für liberalere, mehr dem Schweizer Gesetz entsprechende Richtlinien einzusetzen?

Die «juristische Grauzone», wie Jürg Schlup dies betont, entsteht nicht durch den Begriff «unerträgliches Leiden», solange der Arzt sicherstellt, dass der Patient informiert und urteilsfähig ist und alle weiteren Punkte der neuen Richtlinien eingehalten werden. Die Einschränkung des liberalen Gesetzes, wie sie in den alten Richtlinien gefordert wird, lässt die Grauzone entstehen und verunsichert die Ärzte.

Erika Preisig ist Hausärztin und Präsidentin der Stiftung Eternal Spirit. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.06.2018, 09:18 Uhr

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