Die Unauffindbarkeit des Bewusstseins

Was ist Bewusstsein? Wo entsteht es? Wo liegt es? Und ist es mehr als eine Illusion? Eine Spurensuche.

Wenn man das Bewusstsein im Gehirn sucht, findet man es nicht, und deshalb lässt sich nicht plausibel erklären, wie es überhaupt entsteht.

Wenn man das Bewusstsein im Gehirn sucht, findet man es nicht, und deshalb lässt sich nicht plausibel erklären, wie es überhaupt entsteht. Bild: Keystone

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Ich möchte Sie bitten, an einem Experiment teilzunehmen, bei dem es um das Kostbarste geht, was Sie besitzen: Ihr Bewusstsein. Lesen Sie bitte zuerst die Anweisungen und machen Sie hinterher das Experiment.

Stellen Sie sich als Erstes bei geschlossenen Augen das Wort «Haus» vor, in weissen Buchstaben. Das Wort sollte möglichst gross sein, aber so, dass sie es vor Ihrem inneren Auge ganz sehen können. Und jetzt stellen Sie sich bitte in derselben Grösse diesen Satz vor: «Gestern ging ich ins Haus und machte mir einen Kaffee.» Wenn Sie das gemacht haben, lesen Sie bitte hier weiter.

Was ist geschehen? Sie haben versucht, sich den langen Satz in derselben Grösse vorzustellen wie das Wort – und Sie haben bemerkt, dass Ihnen das nicht gelingt. Um den Satz vor Ihrem inneren Auge in voller Länge sehen zu können, mussten Sie die Schrift verkleinern: Sie mussten zoomen. Manche Leute sagen während des Experiments: «Der lange Satz hat keinen Platz.» Das stimmt – aber wo hat er keinen Platz? In Ihrem Geist!

Niemand weiss, was das Bewusstsein eigentlich ist.

In dem, was Sie ausmacht und was man oft auch Seele nennt, das wir hier aber konsequent Bewusstsein nennen wollen. Sie können das Experiment noch weiterführen. Stellen Sie sich bei geschlossenen Augen Ihren Partner vor oder Ihren Dackel, je nachdem, wen Sie mehr lieben, und dann eine Weinbergschnecke. Sie werden feststellen, dass Sie sich weder Ihren Partner noch den Dackel in Originalgrösse vorstellen können, auch hier müssen Sie wegzoomen oder sich mit «Ausschnitten» begnügen. Nur die Weinbergschnecke passt in voller Grösse in Ihr Bewusstsein. Es scheint also, dass Bewusstsein etwas sehr Physisches ist, dem Grenzen gesetzt sind.

Aber das ist nur eine Mutmassung. Niemand weiss, was das Bewusstsein eigentlich ist. In den vergangenen Jahrzehnten wurde das menschliche Gehirn akribisch erforscht, und inzwischen kann man erklären, welche neuronalen Aktivitätsmuster und elektrochemischen Prozesse unsere Emotionen und Gedanken hervorbringen. Stark vereinfacht gesagt, ist das Gehirn ein komplexes neuronales System, das Informationen verarbeitet. Es ist eine organische Maschine und als solche manipulierbar wie jede Maschine.

Ein kompetenter Neurologe könnte mit Ihrem Gehirn lustige Dinge anstellen, wenn Sie ihm erlauben würden, bestimmte Hirnregionen zu stimulieren. Es würde ihm sogar gelingen, Sie dazu zu bringen, eine auf dem Tisch liegende Gummihand als Ihre eigene zu empfinden. Ihr Bewusstsein würde die Gummipfote für Ihre dritte Hand halten, und Sie würden sich nicht davon überzeugen lassen, dass die Attrappe nicht zu Ihrem Körper gehört. Dass das Bewusstsein sich täuschen lässt und oft genug selber Täuschungen hervorbringt, konnte man in Experimenten nachweisen.

Die meisten Menschen wünschen sich, ihr Bewusstsein möge ewig fortbestehen.

Aber wenn man das Bewusstsein im Gehirn sucht, findet man es nicht, und deshalb lässt sich nicht plausibel erklären, wie es überhaupt entsteht. Dabei scheinen wir es doch alle zu wissen. Wenn man uns fragt, «Wo in Ihrem Körper ist das, was Sie ausmacht? Das, was Sie Ich nennen?», antworten wir: «Im Kopf.» Genauer: hinter der Stirn.

Alle anderen Stellen unseres Körpers, die Beine, Arme und so weiter empfinden wir zwar als zu uns zugehörig, aber unser Ich ist nicht in unseren Füssen und noch nicht einmal in unserem Hinterkopf, sondern eben hinter der Stirn. Im präfrontalen Cortex. Doch wenn wir bei einer Wirtshausschlägerei eins an den präfrontalen Cortex kriegen und dieser vorübergehend ausser Betrieb ist, werden wir trotzdem noch unser Bewusstsein haben. Es scheint sich also nicht an der Stelle zu befinden, wo wir unser Ich verorten.

Manche Neurologen behaupten, das Bewusstsein entstehe durch das Zusammenspiel aller Hirnregionen, andere sagen, es sei dieses Zusammenspiel, wieder andere glauben, dass jedes Lebewesen, das Informationen verarbeitet, über ein gewisses Mass von Bewusstsein verfügt, und die Skeptiker sagen, Bewusstsein sei eine Illusion – mit anderen Worten: Die Wissenschaft ist ratlos.

Dass das Bewusstsein sich seiner Erforschung bislang entzieht, sollte einen aber nicht dazu verführen, zu hoffen, dass Bewusstsein etwas Geistiges oder gar Übernatürliches ist. Die meisten Menschen wünschen sich ganz offen oder, wenn sie nicht religiös sind, insgeheim, ihr Bewusstsein möge ewig fortbestehen, und sie sind gerne bereit, dafür Kirchensteuer zu bezahlen oder Reinkarnationstherapien zu buchen. Aber dieser Wunsch beruht gleichermassen auf einer Über- wie Unterschätzung des Bewusstseins. Überschätzt wird es, weil wir uns oft nicht klarmachen, dass sämtliche physiologischen Prozesse unseres Körpers unbewusst ablaufen.

Wenn wir uns nachts schlafen legen, ist uns nicht einmal mehr bewusst, dass es irgendetwas gibt.

In unseren Körpern geht es zu wie in New York beim Winterschlussverkauf, aber von dem geschäftigen Treiben bekommen wir höchstens den Pulsschlag oder ein Magenknurren mit, alles andere nehmen wir nicht wahr. Niemand, der diese Zeilen liest, kann sagen, was seine Milz jetzt gerade tut. Gäbe es keine medizinische Forschung, wüssten wir nicht einmal, dass wir eine Milz besitzen. Wenn wir uns nachts schlafen legen, ist uns nicht einmal mehr bewusst, dass es irgendetwas gibt.

Stellen wir uns einen Mann vor, nennen wir ihn Herrn Huber, der neben seiner Frau schnarcht. Für Herrn Huber ist im Schlaf alles weg: seine Frau, das Schlafzimmer, die Stadt, in der er wohnt, seine Firma, für die er arbeitet, das Land, in dem er Steuern bezahlt, der Planet, auf dem er lebt, und er selbst – weg. Für ihn gibt es nichts mehr, aber die Existenz der Welt hängt nicht von seinem Bewusstsein ab.

Wahrscheinlich gehört Herr Huber statistisch gesehen zur Mehrheit jener, die sich wünschen, dass ihr Bewusstsein nach dem Tod weiterexistiert. Aber warum sollte es das denn tun? Schon zu Lebzeiten Herrn Hubers ist es ja nahezu überflüssig: Sein Körper funktioniert ohne Bewusstsein, und wenn er schläft, liest seine Frau ihren Krimi weiter, dazu braucht sie das Bewusstsein ihres Mannes nicht, ganz im Gegenteil.

Sein Steuerberater besucht den Schlaflosen-Gottesdienst, die Erde dreht sich weiter, die Sonne fusioniert Wasserstoff zu Helium, das Universum expandiert wie immer – und keiner dieser Prozesse ist darauf angewiesen, dass Herr Huber bei Bewusstsein ist. Es sieht ganz so aus, als würde Herr Huber die Bedeutung von Bewusstsein überschätzen.

Wie jedes Nervengift ist Bewusstsein nicht nur für den Körper schädlich, sondern bei Überdosis auch für sich selbst.

Es ist aber ebenso wahrscheinlich, dass er Bewusstsein gleichzeitig unterschätzt. Nehmen wir an, er gehört einer Religion an, in der es ein Paradies gibt und ein ewiges Leben: Wie sollte Herr Huber das durchstehen? Wie will er die Strapazen ewigen Bewusstseins bewältigen, wenn er zu Lebzeiten schon nach spätestens 18 Stunden sein Bewusstsein dringend für ein paar Stunden ausschalten muss? Wenn Menschen gezwungen werden, mehrere Tage lang ohne Schlaf bei Bewusstsein zu bleiben, bekommen sie Halluzinationen und Panikattacken. Nichts ist für den Langzeitbetrieb, geschweige denn für die Ewigkeit, weniger geeignet als Bewusstsein.

Das liegt daran, dass Bewusstsein evolutionär gesehen eine Art Nervengift ist. Tiere mit einem hoch entwickelten Bewusstsein verhalten sich, als hätten sie Kokablätter gekaut. Sie sind wacher, aufmerksamer und wendiger als solche mit wenig Bewusstsein. Es ist Doping: Wenn man sich als intelligenter Menschenaffe im Überlebenskampf befindet, riecht man dank Bewusstsein die Wölfe besser, man hört den Säbelzahntiger früher und findet, aufgeputscht, wie man ist, plötzlich heraus, wie man aus Steinen Pfeilspitzen herstellt. Aber wie jedes Nervengift ist Bewusstsein nicht nur für den Körper schädlich, sondern bei Überdosis auch für sich selbst.

Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen, weder von Herrn Huber noch von den Neurowissenschaften, und es ist durchaus möglich, dass Bewusstsein sich als etwas ganz anderes entpuppt als das, wofür wir es halten. Nur eins steht fest: Was immer Bewusstsein auch sein mag, ein Dackel hat darin in Originalgrösse nicht Platz. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.12.2017, 10:00 Uhr

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