Was in der Schule wirklich fehlt

Die Armee möchte Schüler für die Landesverteidigung begeistern. Dabei sollte man die Jungen lieber für die Bürokratie des Alltags rüsten.

Auch weit über 10 Jahre Bildung schaffen es nicht, junge Menschen für grundlegende Disziplinen des Alltags zu rüsten. Bestes Beispiel: Steuererklärung ausfüllen.

Auch weit über 10 Jahre Bildung schaffen es nicht, junge Menschen für grundlegende Disziplinen des Alltags zu rüsten. Bestes Beispiel: Steuererklärung ausfüllen. Bild: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Angesichts des Vorschlags, wonach Kinder in der Schule Sicherheitspolitik lernen sollen, um Freude am Militär zu bekommen, könnte man sich die Frage stellen, ob es nicht auch andere Fächer gäbe, die vonnöten wären. Lange vor dem Offizier sollte man zum Beispiel den Steuerbeamten oder Pensionskassenvertreter aufbieten.

Denn obwohl das Schweizer Bildungssystem sehr gut funktioniert, hinterlässt es nach den obligatorischen Schuljahren Lücken. Der Wunsch, zur Armee zu gehen, gehört nicht dazu, zumindest nicht in dem Moment, in dem man irgendwann während des Gymnasiums zum ersten Mal eine Steuererklärung ausfüllen muss. Oder noch schlimmer: Wenn man nach einem Masterabschluss feststellt, dass man das Schweizer Vorsorgesystem nicht kennt und deshalb jedes Mal die Säulen googlen muss, wenn wieder eine Steuererklärung ins Haus kommt oder eine Volksabstimmung bevorsteht.

Gerade im universitären Umfeld wird oft deutlich, dass sich viele gewünscht hätten, auch in lebensnahen Fächern unterrichtet zu werden, so, wie junge Leute, die beispielsweise den kaufmännischen Weg einschlagen. Junge Leute, die ins Berufsleben starten, sollten wissen, was ein anständiger Arbeitsvertrag beinhaltet, wie oder dass man überhaupt Lohnverhandlungen führen muss, wie das ist mit der Pensionskasse oder dem RAV. Mietrecht, Referenzzinssätze, versteckte Kosten beim Autokauf, Haushaltsbudget, vernünftige Ernährung, Schuldenprävention, Krankenversicherung, Hypothek. Die Administration des späteren Lebens. Orientierungshilfen für Stimmbürger. Stimmbürger ohne Steuerschulden.

Natürlich ist die Bevormundung keine Lösung. Und alles kann man nie lernen. Sowieso hätte man sich alles, was man zum Leben braucht, auch einfach selbst beibringen können. Doch kann man sich schon darüber wundern, dass man in der Schweiz eine hohe universitäre Ausbildung abschliessen kann, Französisch-Dialoge aus dem Lehrbuch mit Simon und René aus unerfindlichen Gründen noch auswendig weiss, sich an Tierversuche mit der Drosophila melanogaster ebony erinnert und sich mit Vektorgeometrie hat rumschlagen müssen, aber während all der Jahre seit der Primarschule innerhalb all der Klassenzimmer und Hörsäle noch nie gehört hat, wie grundlegende Institutionen dieses Landes funktionieren, die öfters zum Einsatz kommen als die Armee im Kriegsfall und die, im Unterschied zur Armee, auf die Kooperation aller Bürgerinnen und Bürger dieses Landes angewiesen sind. Da kann man sich nicht in den Zivildienst davonstehlen oder sich freuen, zufälligerweise in einem weiblichen Körper geboren worden zu sein. Alle müssen tauglich sein. Fürs Leben, für den ganzen Papierkram, für all die wohlfahrtsstaatlichen Errungenschaften.

Und als Nebenprodukt könnte man damit die Demütigung der Akademiker reduzieren, von denen auch dieses Jahr wieder der eine oder andere beschämt auf Google eintippt: «Was ist die Verrechnungssteuer»? oder gleich «Ab wann muss ich mich beim Steueramt selbst anzeigen?». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 14:19 Uhr

Kommentare

Blogs

Tingler Fupa und Fauxpas
Geldblog Nintendo kommt besser ins Spiel
History Reloaded Amerikas erster Trump

Service

Kino

Alle Kinofilme im Überlick

Die Welt in Bildern

Ins rechte Licht gerückt: Ein Model wird während der House of Holland Show an der London Fashion Week Backstage fotografiert. (15. September 2018)
(Bild: Henry Nicholls) Mehr...