Gegrilltes Hündchen als Delikatesse

Die Schweizer lieben Hundefleisch. Das kalorienarme und schmackhafte Fleisch landet bei uns regelmässig auf dem Teller. Wirklich? Die Spurensuche eines ewigen Mythos.

Wieder einmal geht die Geschichte um, Schweizer würden
Hunde- und Katzenfleisch essen. Die Quelle ist seit Jahren dieselbe.

Wieder einmal geht die Geschichte um, Schweizer würden Hunde- und Katzenfleisch essen. Die Quelle ist seit Jahren dieselbe. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein wiederkehrendes Phänomen: Jedes Mal, wenn eine Schweizer Zeitung über den Konsum von Hundefleisch berichtet, hyperventilieren britische Medien. Zu Beginn des neuen Jahres war es wieder einmal so weit. Nachdem der «Tages-Anzeiger» schrieb, dass im St. Galler Rheintal, im Appenzellerland und in der Innerschweiz Haustiere auf dem Teller landen und der Tierschutz deshalb den Verzehr von Hunden und Katzen verbieten wolle, machte die britische Ausgabe der «Huffington Post» daraus die Schlagzeile: «Schweizer Bauern bringen Hunde- und Katzenfleisch auf den Tisch». Die «Daily Mail» wusste sogar: «Schweizer Bauern essen regelmässig Hunde und Katzen» und der «Scotsman» berichtete: «Vergesst Schokolade und Käse. Hunde und ­Katzen sind die neuen Schweizer Delikatessen.»

Keine Zeitung überprüfte, woher die Informationen stammten, und auch dem «Tages-Anzeiger» fiel nicht auf, dass die regelmässig stattfindenden Kampagnen immer den gleichen Ausgangspunkt haben: Die «Aktive Tierschutzgruppe Salez» (ATS), die von Edith Zellweger im Alleingang gelenkt wird.

Schlachten für den Eigenkonsum ist erlaubt

Erstmals in Erscheinung trat die ATS in den frühen Neunzigerjahren, als die Gruppe mit einer von 6000 Personen unterzeichneten Petition ein Konsumverbot von Hunde- und Katzenfleisch forderte. Bei der Beratung des revidierten Lebensmittelgesetzes hatten National- und Ständerat dafür aber kein offenes Ohr. Es sei keine Staatsaufgabe, mit Gesetzen die Essgewohnheiten der Schweizerinnen und Schweizer zu steuern, hiess es 1993 aus dem Bundeshaus. Seither ist es zwar verboten, Hunde- und Katzenfleisch auf dem Markt anzubieten, das Schlachten für den Eigenkonsum hingegen ist erlaubt.

Angestachelt von der ATS drehte ein Team von «Stern TV» im Folgejahr, wie in Ausserrhoden Hundefleisch und -fett verkauft wird, worauf ein Bauer sein Gewehr packte und einen Warnschuss abfeuerte. Dennoch kam die Sendung zustande: Im Kölner Studio von RTL berichtete Christoph Wildhaber, dass er seinen Gästen im «Ochsen» in Widnau ab und zu als Delikatesse Hundefleisch serviere. Auch der damalige St.Galler Kantonstierarzt Thomas Giger wusste in der Sendung zu berichten, dass es in der Ostschweiz durchaus Restaurants gäbe, die Fleisch von Haustieren anböten, doch sei dies eine absolute Ausnahme.

Fehlende Beweise

Doch die mediale Lunte loderte. Reporter des «Blicks» machten im vorarlbergischen Lustenau den Hobby-Hundemetzger Ernst Hagen ausfindig, die «Sonntagszeitung» berichtete, dass es in der Schweiz «mindestens drei grosse Anbieter» gäbe, die illegal Hundefleisch verkauften, und der «Sonntagsblick» liess den Bauern Bruno D. aus Gams sagen, dass er mindestens einmal im Jahr geräucherten Hund esse, eine Geschichte, welche die Gratiszeitung «20 Minuten» in abgewandelter Form einige Tage später nachzog.

Auch ich machte mich damals auf ins Rheintal und ins Appenzeller Mittelland, suchte für meinen damaligen Arbeitgeber nach Hundemetzgereien und bekam von ATS den Tipp, wo man fündig werde. Wie die meisten meiner Kollegen landete ich beim gleichen Bauern – was Tierschützerin Edith Zellweger als Beweis wertete, dass in der Ostschweiz «in grossem Massstab» illegal mit Fleisch von Haustieren Handel betrieben werde. Angesprochen auf die Vorwürfe sagte Albert Fritsche, damals Vorsteher des Veterinäramtes der ­beiden Appenzeller Halbkantone und heute St.Galler Kantonstierarzt: «Man hört zwar immer wieder, dass im Appenzell Hundefleisch gegessen wird, doch uns fehlen die Beweise.»

Fett- und kalorienarm

Zehn Jahre nach der vergeblich eingereichten Petition, lancierte ATS eine neue Kampagne. Nachdem die kroatische Zeitung «Jutarnji List» berichtete, die Eidgenossen hätten die seltsame Angewohnheit Hunde zu verspeisen, recherchierte die NZZ die Quelle der Nachricht. Die zuständige Redaktorin von «Jutarnji List» verwies auf die Presseagentur Ananova, die zum globalen Kommunikationsunternehmen Orange gehört und die Meldung verbreitete, die ihr von der Organisation «Aktive Tierschutzgruppe Salez» zugetragen wurde. Wieder zehn Jahre später – im Dezember 2012 – ist Edith Zellweger medial erneut erfolgreich. Der «Tages-Anzeiger» berichtet unter dem Titel «Tierschützer wollen den Verzehr von Hunden und Katzen verbieten» – und die internationale Presse zieht nach. Im Ausland sei man sich einig, schreibt «20 Minuten», die Schweizer seien «ein einig Volk von Hundefressern».

Tatsächlich? Während ich 1994 bei meinen Recherchen nur gerade einen Hundemetzger in einer kleinen Gemeinde im Ausserrhoden ausfindig machen konnte, der mir prompt ein Plättli mit rosarotem Hunde-Mostbröckli anbot, sah mein chinesischer Gastgeber im Juni 2008, nachdem wir eine Reportage in seinem Labor fertig gedreht hatten, keinerlei ethische Bedenken, mich in das «Rulin Dog Restaurant» an der Chengjiaqiao Lu in Shanghai zu gegrilltemHündchen einzuladen. Denn in vielen asiatischen Ländern – wie China, Vietnam oder Südkorea – ist das fett- und kalorienarme (262 kcal pro 100 Gramm) Hundefleisch eine Delikatesse. Forscher wie der Genetiker Peter Savolainen vom Royal Institute of Technology in Stockholm gehen inzwischen sogar davon aus, dass der Wolf vor 11'000 Jahren in China einzig darum domestiziert wurde, weil unseren Vorfahren das Hundefleisch schmeckte, wie er im Herbst 2009 im Fachblatt «Molecular Biology and Evolution» nahelegte. Seit dem Wahlkampf um die US-Präsidentschaft wissen wir zudem, dass auch Barack Obama während seiner Kindheit in Indonesien schon einmal Hund verzehrte und das Fleisch zäh fand. Und Prinz Henrik von Dänemark, Ehemann von Königin Margrethe II., gestand der Illustrierten «Se&Hør», dass er gerne Hundefleisch verspeise.

Labrador-Steaks in England

Historisch betrachtet, scheint in der Schweiz Hundefleisch aber seit jeher eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Roland Inauen, Volkskundler und Konservator am Museum Appenzell, vermutet zwar, dass es bis in die Fünfziger- und Sechzigerjahre völlig normal war, in den Armenquartieren Hunde- und Katzenfleisch zu essen. Doch Belege kann er keine anführen. Einzig der Hinweis in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 24. Januar 1871, dass ein Pfund Hundefleisch nun 1 Franken 50 Rappen koste, zeigt, dass Haustiere auf den Teller kamen.

Anders in Deutschland, das seit 1986 den Konsum von Hunden und Katzen verbietet: In München waren 1903 noch 17 Hundemetzger bekannt, und 1919 berichtete die NZZ, dass in Berlin Hundefleisch vielfach verarbeitet werde.

Auch Grossbritannien, das aktuell mit dem Zeigefinger auf die Schweiz weist, kannte und kennt Hundefleisch: Laut der NZZ ernährten sich 1926 viele Londoner von Hundefleisch, und vor zwei Jahren warnte die Tierschutzorganisation Animal Aid von einem Catering-Unternehmen, dass Labrador-Steaks, Greyhound-Füsse, Afghan-­Burger, Dachshund-Würste und Beagle-Koteletts auf die britischen Teller bringe. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.01.2013, 13:03 Uhr

Artikel zum Thema

Geschmacksache

Affenpenis statt Ochsenschwanz, Blutpudding statt Leberwurst und Hundefleisch statt Hotdog: Was für die einen eine Delikatesse ist, wirkt bei andern als Appetithemmer. Mehr...

Jeder Schweizer vertilgt mehr als ein Kilo Fleisch pro Woche

Fleischwirtschaft Jeder Schweizer und jede Schweizerin - einschliesslich Babys und Vegetarier - hat 2011 durchschnittlich 53,7 Kilogramm Fleisch gegessen, 0,2 Prozent mehr als 2010. Mehr...

Schwein gehabt!

Sweet Home Wieder mal Lust auf ein gutes Stück Fleisch, einen Braten oder einen Eintopf? Diese vier herzhaften Gerichte werden alle mit Schweinefleisch zubereitet und passen ideal zur kalten Jahreszeit. Zum Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...