Lecker, trendig, vegan – aber nicht ökologisch

Die Avocado ist das Trendfood der Gegenwart. Die seltsame Frucht hat eine erstaunliche Erfolgsgeschichte hinter sich. Das ist nicht ganz unproblematisch.

Die Avocado verdankt ihren Namen dem aztekischen Wort für Hoden. Foto: Getty Images

Die Avocado verdankt ihren Namen dem aztekischen Wort für Hoden. Foto: Getty Images

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Eigentlich spricht alles gegen die Avocado: Sie ist immer entweder zu unreif zum Essen oder gerade vergammelt. Hat man das schmale Zeitfenster der Geniessbarkeit getroffen, läuft ihr grünes, glitschiges Fleisch bei Kontakt mit Sauerstoff innerhalb von Minuten gräulich-braun an. Kochen lässt es sich sowieso nicht, ausser man mag formlosen bitteren Matsch. Avocados enthalten so viel Fett, dass man stattdessen auch in ein schönes Pfund Butter beissen könnte.

Und doch waren sie noch nie so beliebt. Es gibt ganze Blogs, die sich ausschliesslich der grossen Beere widmen, die die Avocado botanisch gesehen ist. Die Sandwichkette Subway führte sie in Deutschland im Sommer vergangenen Jahres als neue Zutat ein. Und dieses Jahr werden allein in Mexiko voraussichtlich 1,6 Millionen Tonnen geerntet werden.

Die «Alligator-Birne»

Wie konnte es dazu kommen? Sicher ist: Die Avocado verdankt ihren durchschlagenden Erfolg zuallererst geschicktem Marketing. Der Name der Frucht mit der knubbeligen Oberfläche, die paarweise am Baum hängt, geht auf das aztekische Wort «ahuacatl» für «Hoden» zurück. Die Assoziation mit einem Krokodil, die zur englischen Bezeichnung «Alligator-Birne» führte, war genauso wenig verkaufsfördernd.

Der Gastro-Journalist David Sax hat in seinem Buch «The Tastemakers» vier Wege ausfindig gemacht, auf denen ein Lebensmittel zum Trendfood werden kann: über die Kultur, die Landwirtschaft, auf Betreiben von Köchen oder über Marketing. Beim Cupcake-Craze, dessen Ausläufer Mitte der Nullerjahre bis in die bürgerlichen Viertel europäischer Städte reichten, war es die Sehnsucht amerikanischer Babyboomer nach dem Geburtstagsgebäck ihrer Kindheit, gepaart mit einer zwanzig Sekunden langen Szene in «Sex and the City». Den Riesentrend zu Biolebensmitteln haben wir letztlich Bauern zu verdanken, die Alternativen zum konventionellen Anbau suchten. Der Betreiber der Bar Father’s Office, Sang Yoon, entriss den Hamburger dem alleinigen Zugriff der Fast-Food-Ketten und machte ihn zu einer Art relaxtem Gourmet-Essen. Im Fall der Avocado war es vor allem: PR.

Werbekampagne für Avocado

1927 setzte die Handelsorganisation California Avocado Growers Exchange in einem ersten Schritt den heutigen Namen durch, die altspanische Version des aztekischen Wortes «Hodenfrucht». Während die Avocado in ihrer natürlichen Heimat Mexiko und auch in Kalifornien immer beliebt gewesen war, gewann sie im Rest der Vereinigten Staaten erst an Popularität, als ein Importverbot aus Mexiko aufgehoben wurde. Auch die steigende Zahl von Einwanderern half dabei, sie in Form von Guacamole, also Avocadomus mit Tomaten, Zitronensaft, Korianderkraut und Salz, zu verbreiten.

Allerdings waren die Anbaumengen lange so gering, dass Avocados teuer wurden und daher als Luxusprodukt gesehen wurden. Die Fettangst der 80er-Jahre half auch nicht unbedingt. 1992 dann lancierte der Interessenverband der Avocadobauern eine Werbekampagne für ihr kompliziertes Produkt.

Man erfand mit Mr. Ripe Guy ein putziges Maskottchen, liess die Schauspielerin Angie Dickinson nur mit weissem Gymnastikanzug und goldenen Stilettos bekleidet eine halbe Avocado löffeln, während sie die darin enthaltenen Nährstoffe aufzählte, und promotete in den Werbepausen der Superbowls Guacamole als Snack. Während die Amerikaner 1999 im Durchschnitt noch 400 Gramm Avocado jährlich assen, waren es 15 Jahre später schon 2,6 Kilo.

Wie viele Foodtrends verbreitete sich auch dieser von Nordamerika aus im Rest der westlichen Welt, nicht zuletzt dank Instagram. Mit wenig lässt sich gleichzeitig Gesundheitsbewusstsein (vegan!) und Genussfähigkeit (das ganze gute Fett) beweisen wie mit dem Bild eines hübsch arrangierten Avocado-Toasts. Irgendwann sprach sich auch herum, dass sich der Reifeprozess beschleunigen lässt, indem man die harten Früchte für ein paar Tage zusammen mit einem Apfel in einen Papiersack sperrt.

Das Ganze wäre eine beispiellose Erfolgsgeschichte – wäre da nicht die hässliche Seite der Avocado. Im weltweit grössten Anbaugebiet in Mexiko führt die erhöhte Nachfrage, wegen der die Frucht mittlerweile auch den Namen «grünes Gold» trägt, zur illegalen Rodung von jährlich bis zu 4000 Hektaren Wald; zudem entstehen Monokulturen.

An der dürregeplagten amerikanischen Westküste werden 80 Prozent des rarer werdenden Trinkwassers für die Landwirtschaft verwendet. Die Avocado stammt aus tropischen Regionen; um sie in der kalifornischen Wüste gedeihen zu lassen, müssen pro Kilo mehr als 500 Liter Wasser aufgewendet werden. Im ebenso trockenen Israel, woher ein grosser Teil der Avocados kommt, die wir in Europa essen, fliesst die Hälfte des Trinkwassers in dieses Exportgut, das gerade mal ein Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmacht.

Durch die gestiegene Nachfrage entstanden Lieferprobleme. Diese führten in den vergangenen Jahren sowohl zu leiser Panik unter Fans – etwa 2014, als es hiess, die amerikanische Imbisskette Chipotle würde bald keine Guacamole mehr anbieten können – als auch zu neuen Betätigungsfeldern für Kriminelle. So wurde Anfang des Jahres von Avocadodieben in Neuseeland berichtet, die Gemüsehändler bestahlen oder gleich ganze Plantagen abernteten.

Der Boom verteuert Quinoa

Es ist nicht das erste Mal, dass die Essensvorlieben von jungen Menschen in New York, Berlin und Kopenhagen globale Auswirkungen haben. Da wäre die Konjunktur von Kokoswasser, die aus dem Business erst eine Milliarden-Industrie machte und heute zu Engpässen in der Karibik führt, oder das Quinoa, das sich die südamerikanischen Bauern, die es anbauen, wegen des globalen Erfolgs selbst nicht mehr leisten können. Wie in diesen Fällen ist auch bei der Avocado nicht damit zu rechnen, dass die heisse Liebe so schnell stirbt. Denn so schwer es einem die Avocado macht, so gut schmeckt sie leider – auch Leuten, die nicht dazu neigen, ihr Essen vor Verzehr zu porträtieren.

Über kurz oder lang allerdings wird die grosse Nachfrage unweigerlich dazu führen, dass die Preise signifikant steigen und die Avocado nach einer Zeit als trendigstes und meistfotografiertes Lebensmittel der Welt zum Luxusprodukt wird. Keine schlechte Karriere für etwas, das aussieht wie ein Geschlechtsorgan der eher unattraktiven Sorte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2016, 17:58 Uhr

Knallgrüner Brotaufstrich

Ein Rezept vom Koch des Jahres

Rico Zandonella, der «Gault Millau»-Koch des Jahres 2017, macht aus Avocados einen leuchtend grünen Aufstrich, den er jeweils zu Beginn des Essens in seinem Restaurant Rico’s in Küsnacht zu den Brötchen serviert. Je nach Saison kommt eine randenrote oder eine knallgelbe Creme mit Currygeschmack als zweite Aufstrichvariante hinzu.

Zutaten

3 reife Avocados

200 g Frischkäse

150 g Magerquark

1 TL Honig

1 Messerspitze Zimtpulver

1 Messerspitze Peperoncino, gehackt

7 Korianderkörner

1 EL Meerrettich, gerieben

1 TL rosa Pfeffer, getrocknet1 TL Ingwer, gerieben

Salz und Pfeffer aus der Mühle

ZubereitungDie reifen Avocados halbieren, entsteinen, aus der Schale lösen und in grobe Stücke schneiden. Im Thermomix oder in der Moulinex zusammen mit Frischkäse und Magerquark hochtourig mixen. Honig, Zimtpulver, Peperoncino, Koriander-Körner, Meerrettich, rosa Pfeffer und Ingwer dazugeben, das Ganze nochmals eine Minute lang mixen. Mit Salz und Pfeffer würzen und eine Stunde lang im Kühlschrank kalt stellen. Dieser Dip eignet sich nicht nur als Brotaufstrich, sondern er kann ebenso gut zu mariniertem Fisch, Grilladen oder Crudités serviert werden. (boe)

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