Lob der Torheit

Die Entstehung der Adipositas ist hochkomplex, und jeder Versuch, sie auf ein paar Schlagworte zu reduzieren, greift zu kurz. Eine Replik.

Direkte Folge. Änderungen der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten führen bei Kindern zu einer Verbesserung des BMI von zehn Prozent.

Direkte Folge. Änderungen der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten führen bei Kindern zu einer Verbesserung des BMI von zehn Prozent. Bild: Mischa Christen

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Endlich können wir schwelgen, ohne von schlechtem Gewissen geplagt zu werden! Nach Jahren der zwanghaften Indoktrinierung mit gesundem Biofutter und täglichen Bewegungseinheiten dürfen wir frei nach unserem heimlichen Idol Winston Churchill endlich wieder sagen: «No sports … and junk food whenever you want.» Denn wir essen intuitiv richtig. Das wissen wir jetzt dank Uwe Knop und seinem Rezensenten Alex Reichmuth.

In der Rezension von Knops Buch «Kind, iss was … dir schmeckt!» in der BaZ vom 11. April erklärt uns Reichmuth klipp und klar, dass eigentlich alles, worauf bisher Präventionsprogramme gegen kindliches Übergewicht beruhten, Unsinn oder zumindest nicht hieb- und stichfest bewiesen sei: Konsum grosser Mengen fett- und zuckerreicher Nahrung führt zu übermässiger Gewichtszunahme? Bewegungsarmut spielt eine wichtige Rolle in der Entstehung von Fettleibigkeit? Nein, total falscher Alarm!

Theorie der Körperintelligenz

Unsere Kinder dürfen alles und so viel essen wie sie möchten, denn sie verfügen über eine evolutionsbiologisch begründete unverdorbene Körperintelligenz. Während Reichmuth einerseits zu Recht auf die Komplexität der Episteme im Bereich klinischer Forschung der Adipositas mit ihren zum Teil kontradiktorischen Ergebnissen hinweist, bleibt er uns aber die wissenschaftliche Erklärung für Knops Theorie der unverdorbenen Körperintelligenz schuldig.

Dabei ist es durchaus interessant zu versuchen, die Adipositas evolutionsbiologisch zu erklären. Studien an Wildtieren und mit den wenigen auf der Welt noch überlebenden Jägern und Sammlern (!Kung San) haben es beispielsweise erlaubt, die «Drifty Gene»-Theorie zu formulieren. Unsere Gene verändern sich dauernd; man bezeichnet das als «Gene Drift». Ein bestimmter Selektionsdruck bewirkt, dass für das Überleben ungünstige Gene nicht weitergegeben werden.

Unsere Vorfahren vor zwei Millionen Jahren waren einem grossen Selektionsdruck durch Raubtiere ausgesetzt. Menschen mit Übergewicht waren weniger beweglich und wurden eher Opfer dieser Räuber. Der Homo erectus vor 1,8 Millionen Jahren entwickelte Waffen und entdeckte das Feuer, sodass er sich besser gegen Raubtiere schützen konnte, dadurch verschwand der Selektionsdruck und Adipositas-fördernde Gene konnten weitergegeben werden. Modellrechnungen über die Auswirkungen dieses «Gene Drifts» erlauben es, exakt die zeitliche Entwicklung der Übergewichtsepidemie vorauszusagen.

Präventiver Nihilismus

Übergewichtsepidemie? Das sind doch auch so «Fake News». In seiner Argumentation benutzt Reichmuth geschickt einen Fehler auf der BAG-Website, wo von einer stetigen Zunahme von Übergewicht in der Schweiz die Rede ist. Reichmuth weist mit Recht darauf hin, dass gemäss den Erhebungen der Gesundheitsförderung Schweiz diese Aussage die Kinder betreffend so pauschal nicht zutrifft.

Was der polemische Rezensent aber unterschlägt, ist im Kontext seines Artikels brisant: Während von 2010 bis 2017 in der Unterstufe der Anteil übergewichtiger Kinder von 16 auf 11 Prozent und in der Mittelstufe von 19 auf 16,5 Prozent sank, stieg er in der Oberstufe von 20,5 auf 21,5 Prozent weiter an. Wie kann man dieses Phänomen erklären? Wahrscheinlich ist es eine direkte Folge der verschiedenen Präventionsprogramme, die seit 2010 in der Schweiz immer weiter ausgebaut wurden und deren Zielgruppe Kinder zwischen 3 und 7 Jahren waren. Präventiver Nihilismus, wie von Knop und Reichmuth vorgeschlagen, ist aufgrund dieser Fakten sicher nicht angesagt.

Aber gehen wir zum Schluss noch einmal zurück zur Evolution und deren Bedeutung für das biologische Verständnis der Adipositas: Die Entstehung der Adipositas ist hochkomplex, und jeder Versuch, sie auf ein paar Schlagworte zu reduzieren, greift zu kurz. Evolution der «Drifty Genes», mithin ein bestimmtes genetisches Umfeld, ein Überangebot an hochkalorischer und gleichzeitig schmackhaften Nahrungsmitteln, die die Ausschüttung des Lusthormons Dopamin nach deren Genuss bewirken, zunehmende Bewegungsarmut, Darmbakterien, die individuelle Regulation des Energiehaushalts, Stress und nicht zuletzt soziale Faktoren greifen dabei alle zusammen.

Lücken in der wissenschaftlichen Erkenntnis sind mit dafür verantwortlich, dass wir übergewichtigen Kindern als Therapie gegenwärtig nur sogenannte Lifestyle-Massnahmen, das heisst Änderung der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten, anbieten können.

Verglichen mit einer «Kind, iss was … dir schmeckt!»-Haltung führen diese Massnahmen allerdings konsistent zu einer Verbesserung des BMI von ungefähr zehn Prozent. Wie finnische Studien gezeigt haben, können wir damit aus einem extrem Übergewichtigen zwar keinen Schlanken, möglicherweise aber einen Gesünderen machen.

Marco Janner ist Kinderarzt und Leiter der Adipositassprechstunde für Kinder am Inselspital Bern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.04.2018, 10:46 Uhr

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