Keine Angst vor Pommes und Pizza

Kinder sollen selbst wählen dürfen, was sie essen. Denn ihre Körperintelligenz reguliert den Bedarf für ein optimales Wachstum automatisch.

Unverdorbene Körperintelligenz. Wenn Kinder kalorien- und fetthaltiges Essen bevorzugen, ist anzunehmen, dass sie genau solches Essen brauchen.

Unverdorbene Körperintelligenz. Wenn Kinder kalorien- und fetthaltiges Essen bevorzugen, ist anzunehmen, dass sie genau solches Essen brauchen. Bild: Keystone

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Unter dem Titel «Kinder, esst, was ihr wollt!» habe ich vor Kurzem eine wohlwollende Rezension zu einem Buch des deutschen Ernährungswissenschaftlers Uwe Knop geschrieben, der sein Werk als wissenschaftliche Abrechnung mit den «Märchen zu gesunder Kinderernährung» versteht. Knop plädiert in «Kind, iss was … dir schmeckt» für Gelassenheit. Er weist darauf hin, dass die wissenschaftliche Basis vieler Regeln bezüglich angeblicher gesunder Kinderernährung schwach bis gar nicht vorhanden sei.

Man könne darauf vertrauen, dass sich Heranwachsende intuitiv richtig ernährten, auch wenn diese Ernährung phasenweise aus viel Pommes frites, Spaghetti oder Süssgetränken bestehe. Auch könne von einer Übergewichts-Epidemie bei Kindern in europäischen Ländern keine Rede sein. Wenn schon, sei Untergewicht das gravierendere gesundheitliche Problem Minderjähriger.

Ausreichende Energiezufuhr

Kinderarzt Marco Janner, Leiter der Adipositassprechstunde für Kinder am Inselspital Bern, hat nun letzte Woche den Schlüssen des Buchs und meines Artikels in einer schwungvollen Replik widersprochen. Das Wichtigste zuerst: Herzlichen Dank an Marco Janner, dass er zur Debatte beiträgt.

Janner hat in seiner Replik einige Aussagen gemacht, die ich aber nicht unkommentiert lassen will. Er hat Buch und Artikel offenbar so verstanden: «Konsum grosser Mengen fett- und zuckerreicher Nahrung führt zu übermässiger Gewichtszunahme? Bewegungsarmut spielt eine wichtige Rolle in der Entstehung von Fettleibigkeit? Nein, total falscher Alarm!» Weder im Buch noch im Artikel wird jedoch bestritten, dass eine dauerhaft überhöhte Kalorienzufuhr fast zwangsläufig zu Übergewicht führen muss. Aussage war vielmehr diese: Wenn Kinder oft kalorien- und fetthaltige Nahrung bevorzugen, ist anzunehmen, dass sie genau solches Essen brauchen, um sich gesund entwickeln zu können – schliesslich ist für einen jungen Menschen im Wachstum eine ausreichende Energiezufuhr wichtig.

Kinder sollen entscheiden

Der Appell von Buchautor Uwe Knop lautet mitnichten, den Kindern nur noch Chicken-Nuggets, Pommes & Co. vorzusetzen. «Erziehungsberechtigte sollten ihrer Pflicht nachkommen, dem Nachwuchs stets Vielfalt und Abwechslung auf den Teller zu bringen – am besten, die Kinder können täglich etwas anderes kosten», schreibt er. Knop plädiert aber dafür, die Entscheidung den Kinder zu überlassen, was sie letztlich essen wollen – im Vertrauen darauf, dass ihre «unverdorbene Körperintelligenz» sie bezüglich ihren Bedürfnissen intuitiv richtig entscheiden lässt.

Der Anteil dicker Kinder in der Schweiz nimmt tendenziell sogar ab.

Marco Janner aber bedient sich evolutionsbiologischer Argumente und will damit glaubhaft machen, dass wir mit Heerscharen kugelrunder Kinder rechnen müssen, wenn Eltern ihren Nachwuchs nicht ständig bevormunden und sie zu angeblich gesunder Nahrung drängen. Denn heute sorgten eben keine Raubtiere mehr für den notwendigen Selektionsdruck, damit «Adipositas-fördernde Gene» nicht weitervererbt würden. Solche neodarwinistische Deutungen sind heute zwar in Mode. Ob sie auch zutreffen, ist stark zu hinterfragen – gerade mit Blick auf die dürftige Beweislage in der Wissenschaft. «Keiner weiss, warum dicke Kinder dick und dünne dünn sind», schreibt Autor Knop.

Dass die Erkenntnislage der Ernährungsforschung über weite Strecken dürftig ist, gesteht Marco Janner in seiner Replik ein, wenn auch etwas verklausuliert. Ebenso anerkennt er meinen Hinweis, dass der Anteil dicker Kinder in der Schweiz tendenziell sogar abnimmt. Dennoch nennt er mich einen «polemischen Rezensenten», weil ich angeblich unterschlagen habe, dass bei einer Teilgruppe der Kinder, nämlich bei den ältesten, die Entwicklung leicht gegenläufig ist und Übergewicht in den letzten Jahren etwas zugenommen hat.

Unbelegte Hypothese

Marco Janner pickt sich also aus den Daten genau diejenigen heraus, die ihm passen. Und daraus, dass Übergewicht bei älteren Kindern leicht zunimmt, aber bei allen jüngeren deutlich abnimmt, konstruiert er eine Rechtfertigung seiner Sichtweise: «Wahrscheinlich ist es eine direkte Folge der verschiedenen Präventionsprogramme, die seit 2010 in der Schweiz immer weiter ausgebaut wurden und deren Zielgruppe Kinder zwischen drei und sieben Jahren waren.»

Das Wort «wahrscheinlich» verrät allerdings, dass dieser Schluss wohl nicht mehr als eine unbelegte Hypothese ist. Janner macht hier aus einer Korrelation (Übergewicht bei Kindern ist rückläufig, während die Zahl der Präventionsprogramme zunimmt) flugs eine Kausalität (die Präventionsprogramme sind der Grund, warum Übergewicht bei Kindern abnimmt) – eine bekannte statistische Falle, in die selbst Wissenschaftler ab und zu tappen.

Normalgewicht ist normal

Von einer Übergewichtsepidemie unter Schweizer Kindern kann jedenfalls keine Rede sein. Sicher gibt es Heranwachsende, die adipös sind, was für sie ein gesundheitlicher Nachteil ist. Umgekehrt gibt es eine beträchtliche Zahl Kinder und Jugendliche mit Untergewicht – ein Faktum, das möglicherweise auch auf die ständige Problematisierung von Nahrung zurückzuführen ist. Jedenfalls sind die allermeisten Minderjährigen normalgewichtig – und es ist nicht plausibel, dass dem so ist, weil deren Eltern ständig als «Ernährungs-Taliban» agieren.

Als ich ein Kind war, verabscheute ich viele Gemüsesorten. Heute, als Erwachsener, verzehre ich einen Salatteller mit Hochgenuss. Ich glaube nicht, dass diese Geschmacksverschiebung darauf zurückzuführen ist, dass mich irgendwelche Präventionskampagnen auf den rechten Weg gebracht hätten.

En Guete! (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.04.2018, 11:40 Uhr

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