Flüchtlingsleid im Flüchtlingsland

Bosnien ist der jüngste Schauplatz der Migrationskrise. Tausende Menschen hausen unter prekären Bedingungen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die nächtliche Regenflut hat nichts verschont. Schweigsam bergen übermüdete Lagerbewohner klatschnasse Decken, mit Schlamm überzogene Kleidungsstücke und verdorbene Lebensmittel aus Pfützen und Zeltruinen. Auf der aufgeweichten Flusswiese im Nordosten der bosnischen Grenzstadt Velika Kladusa hämmern schwitzende Männer Lattenverschläge, um sich und ihre kargen Habseligkeiten mit darübergezogenen Plastikplanen gegen die nächsten Niederschläge zu wappnen.

Sein Zelt sei in der Nacht «unter Wasser» gestanden, «alles ist nass, kaum mehr zu gebrauchen», berichtet der 24-jährige Omar aus dem südmarokkanischen Guelmim. Im überschwemmten Nachbarzelt habe das viermonatige Kleinkind eines Landmanns übernachtet. Anwohner und freiwillige Helfer würden das provisorische Camp zwar einmal am Tag mit Essen versorgen: «Aber es ist hier nichts organisiert. Bosnien ist ein armes Land. Hier gibt es nichts – und funktioniert nichts. Es ist einfach ein Chaos.»

Seit über einem Jahr ist der schlaksige Student auf einem weiten Umweg über den Balkan in Richtung seines Wunschziels Spanien unterwegs. «Viele Grenzen, viele Probleme», berichtet er in einfachem Englisch. Erst flog er als Tourist in die Türkei, von dort gelangte er «meist zu Fuss» über Griechenland, Albanien und Montenegro in das improvisierte Behelfslager. Erst am Vortag habe er erneut versucht, in das nahe Kroatien zu gelangen, berichtet der Marokkaner mit einem resignierten Achselzucken: «Aber es ist einfach zu viel Polizei an der Grenze. Wenn die Kroaten dich erwischen, schlagen sie dich, nehmen dir das Geld ab, zerbrechen die SIM-Karte des Telefons – und bringen dich wieder nach Bosnien zurück.»

«Einfach Pech»

Der Nordwestzipfel des Vielvölkerstaats ist für Transitmigranten zur neuen Sackgasse auf der sich ständig ändernden Balkanroute geworden. Insgesamt sollen seit Jahresbeginn über 7'000 eingereiste Flüchtlinge in Bosnien und Herzegowina registriert worden sein. Gut die Hälfte von diesen ist im grenznahen Kanton Una-Sana gestrandet. Allein in dessen Hauptstadt Bihac wird deren Zahl auf knapp 3'000 geschätzt. In Bosniens am weitesten im Westen gelegener Kommune Velika Kladusa sind es rund 500 Flüchtlinge, die in dem provisorischen Lager auf der überschwemmten Uferwiese auf bessere Zeiten und die Überwindung von Sloweniens nur 70 Kilometer entfernter Schengen-Grenze hoffen.

Nein, froh sei niemand über die unerwünschten Grenzgänger, berichtet an der Ausfallstrasse nach Bihac eine blonde Mittfünfzigerin: «Es gibt unter den Flüchtlingen wunderbare Menschen, aber auch problematische Leute – und Spannungen.» Viele Anwohner würden den Lagerbewohnern Essen und Kleidung bringen: «Wir Bosnier haben im Krieg selbst erfahren, was es bedeutet, das eigene Heim verlassen – und fliehen zu müssen.» Doch viele seien durch Berichte über sich mehrende Einbrüche und den Tod eines im Juni von einem Afghanen erstochenen Marokkaners beunruhigt: «Es sind einfach sehr viele Menschen – und werden immer mehr. Sie kommen zu uns, weil wir am nächsten an der Grenze liegen.»

«Einfach Pech», habe er gehabt, seufzt der Pakistani Sajjad, während er mit dem Ausheben eines kleinen Wassergrabens sein Zelt für das nächste Unwetter zu sichern sucht. Als er vor drei Monaten nach Velika Kladusa gekommen sei, habe er nur zwei Dutzend Schicksalsgenossen angetroffen: «Die Route war noch unbekannt, fast alle kamen durch.» Doch kurz vor Sloweniens Grenze habe er sich damals in Kroatien einen Knöchelbruch zugezogen: «Ich wurde nach Bosnien abgeschoben – und lag zwei Monate in Gips.» Inzwischen sei sein Fuss zwar wieder belastungsfähig, doch gebe es an der Grenze kaum mehr ein Durchkommen, erzählt der 25-jährige IT-Techniker. Fünf Mal sei er bereits von kroatischen Grenzern aufgegriffen, geschlagen und abgeschoben worden. Einmal habe er es zwar selbst nach Slowenien geschafft: «Aber auch die Slowenen bringen dich seit einigen Wochen nicht mehr ins Lager, sondern schieben dich sofort zurück über die Grenze ab.»

«Wir behandeln die Leute wie Tiere»

Kopfschüttelnd weist ein als Beobachter entsandter UNO-Mitarbeiter auf die Dixi-Kabinen auf der Uferwiese. «Absolut unzumutbar und unhygienisch» seien vier Toiletten und zwei Duschverschläge für 500 Menschen, sagt der Mann, der seinen Namen lieber nicht nennen mag. Es gebe für die Bewohner des Lagers weder vom Staat noch von der UNO oder EU irgendeine Hilfe oder ein Konzept. Ab September werde die bei Regen regelmässig überflutete Wiese völlig unter Wasser stehen: «Es ist eine Katastrophe. Wir behandeln die Leute wie Tiere, überlassen sie einfach sich selbst.» Viele der Lagerbewohner hätten zwar «nirgendwo Aussicht auf Asyl»: «Aber es handelt sich auch bei ihnen um Menschen – mit Anspruch auf ein Mindestmass an menschenwürdiger Behandlung.»

An ein «neues Idomeni» fühlt sich die slowenische Zeitung Delo bereits erinnert. Doch im Gegensatz zu der griechischen Landgemeinde an der mazedonischen Grenze, wo nach der Abriegelung der Balkanroute 2016 zeitweise bis zu 14 000 verhinderte Grenzgänger monatelang in einem improvisierten Camp unter freien Himmel biwakierten, ist von den grossen Hilfsorganisationen in Velika Kladusa nichts zu sehen. Zur Hilfe sind die EU und die UNO im Grenzgebiet zu Kroatien nicht bereit und Bosniens dysfunktionaler Staat kaum fähig: Tausende von Gestrandeten sind in Bihac und Velika Kladusa weitgehend sich selbst überlassen – und auf die Hilfe der Bevölkerung und kleiner lokaler Initiativen angewiesen.

Trocken, aber leer sind die 50 weissen Grosszelte vor den ausgebeinten Hallen des einstigen Agrarkombinats «Agrokomerc» neben der Gokartbahn im tristen Industriegebiet von Velika Kladusa. Die Zentralregierung in Sarajevo hat das provisorische Flüchtlingslager errichten lassen. Widerstände gegen die Inbetriebnahme der Zeltgeisterstadt regen sich jedoch nicht nur bei der Stadtverwaltung, sondern wegen der Nähe zur EU-Aussengrenze auch in Brüssel und im nahen Kroatien sowie bei den UNO-Hilfsorganisationen. Im benachbarten Serbien seien mit EU-Hilfe während der Flüchtlingskrise von 2015/2016 auch Auffangzentren in unmittelbarer Nähe der kroatischen Grenze eröffnet worden, die teilweise noch heute operierten, erregt sich Bosniens Sicherheitsminister Dragan Mektic. Die EU würde jedoch «nichts tun», um seinem Land zu helfen – und so die «Migrantenkrise» in ihrem Vorhof «noch verschlimmern»: «Ich bin absolut unzufrieden und verbittert über das Verhalten der EU gegenüber Bosnien und Herzegowina.»

«Es herrscht das Chaos»

Tatsächlich schert das Schicksal der ungewünschten Grenzgänger an der EU-Aussengrenze im sich abschottenden Europa niemanden mehr. Umgekehrt wirft auch die Kantonverwaltung Bosniens Regierung weitgehende Tatenlosigkeit vor: Ohne irgendwelche finanziellen Hilfen des Zentralstaats werde das Migrantenproblem einfach den betroffenen Kommunen und dem Kanton aufgebürdet. Im Kompetenzgerangel und dem Weiterschieben des schwarzen Peters bleiben in Bosniens verschachteltem Staatslabyrinth nicht nur das Wohl der gestrandeten Flüchtlinge, sondern auch die Interessen der Anwohner auf der Strecke.

In einem offenen Brief an Bosniens Regierung, die EU und das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnen lokale Hilfsorganisationen wie «SOS Velika Kladusa» oder «Souls of Sarajevo» vor einer humanitären Katastrophe. Der bosnische Staat sei keineswegs so arm, um einigen Tausend Menschen nicht helfen zu können. Doch die Verantwortung dafür bürde der Staat «seinen verarmten und ausgelaugten Bürgern» auf. Die UNO-Hilfsorganisationen würden sich gleichzeitig jeglicher Verantwortung entziehen, obwohl sie ihr Mandat eigentlich zur Hilfe verpflichte. Der tatenlosen EU komme die Lage angesichts ihrer Politik der Abschreckung zupass: «Die Weigerung, irgendwelche Verantwortung zu übernehmen, hat dazu geführt, dass Tausende Menschen unter freiem Himmel oder in verfallenen, gesundheitsgefährdenden und dafür völlig ungeeigneten Gebäuden übernachten.»

Gemeinsam mit einer Handvoll Mitstreiter ist die Österreicherin Romana Olijnyk als freiwillige Helferin mit einem Kleintransporter voller Hilfsgüter auf eigene Faust nach Velika Kladusa gereist. Es mangle an Essen und Medikamenten, zudem würden viele «von der Polizei verprügelt und mit Verletzungen» von der Grenze zurückkehren: «Es herrscht das Chaos. Es fehlt an Schuhen, Decken, Zelten und Schlafsäcken. Alles wird mit privaten Spenden der Anwohner finanziert. Aber das reicht vorne und hinten nicht.» Der Herbst stehe bald bevor – und noch mehr Regen: «Es ist erschreckend. Und es kommt keine Hilfe.»

Flüchtlingsleid im Flüchtlingsland: An den Folgen des Bosnienkriegs (1992 bis 1995) haben die geplagten Bewohner des Vielvölkerstaats noch immer zu beissen. Dennoch hat der Pakistani Sajjad an den selbst gezimmerten Flaggenmast neben seinem Zelt die Fahne seines unfreiwilligen Gastlands gehisst. Überall habe er auf seiner 15-monatigen Odyssee von Peschawar in Richtung Frankreich «nur Schwierigkeiten» gehabt, berichtet der 25-Jährige. Doch in Velika Kladusa sei nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern auch die Polizei «freundlich und hilfsbereit»: «So schlecht die Lage hier ist: Wir lieben die Bosnier.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.07.2018, 10:53 Uhr

Artikel zum Thema

Die neue Flüchtlingsroute führt durch bosnische Schluchten

Die Balkanroute über Ungarn ist weitgehend geschlossen. Nun kommen immer mehr Flüchtlinge nach Bosnien, um von dort in die EU zu gelangen. Mehr...

Kommentare

Blogs

Tingler Alles auf Zeit
History Reloaded Der Zwingli des Islam

Die Welt in Bildern

Zyklon Idai: Ein Mädchen beobachtet sichtlich geschockt, wie Menschen aus der Stadt Buzi in Mosambik nach ihrer Rettung am Hafen in Beira an Land gehen. (22. März 2019)
(Bild: Andrew Renneisen/Getty Images) Mehr...