107 Umzüge in sieben Jahren

Die Anzahl der Wohnungslosen ist drastisch angestiegen. Auch Sabine Schäfer hat keine eigenen vier Wände.

Keine eigenen vier Wände. Stadtnomadin Sabine Schäfer mit Michel Steiner vom Schwearzen Peter sitzen im Sinne des Wortes auf der Strasse.

Keine eigenen vier Wände. Stadtnomadin Sabine Schäfer mit Michel Steiner vom Schwearzen Peter sitzen im Sinne des Wortes auf der Strasse. Bild: Nicole Pont

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Sabine Schäfer sitzt in einem Café im Kleinbasel. Grauer, gepflegter Kurzhaarschnitt, Strickpullover, selbstständig erwerbend – nichts an der 54-Jährigen lässt auf ihre ungewöhnlichen Lebensumstände schliessen. Doch wenn Sabine Schäfer beiläufig bemerkt: «Dieses Café ist im Winter quasi mein Wohnzimmer», dann meint sie das, wie sie es sagt. Die Kleinbaslerin hat seit sieben Jahren keine eigene Wohnung mehr. Damals wurde ihr der günstige Dachstock, in dem sie lebte, wegen Eigenbedarfs gekündigt. Die Suche nach einer Wohnung in Basel, deren Miete sie mit ihrem Kleinsteinkommen stemmen kann, scheiterte. Seither ist sie obdachlos, wobei der Begriff nicht genau zutrifft.

Sabine Schäfer hat ein Dach über dem Kopf, allerdings ist es nie ihr eigenes und auch ständig ein anderes. Sie selbst nennt sich Kleinbasler Stadtnomadin. «Ich kümmere mich um Katzen von Leuten, die in den Ferien sind. Im Tausch dafür darf ich solange in ihren Wohnungen leben.» Rund zehn Monate kann sie so pro Jahr abdecken. Die restlichen zwei Monate kommt sie bei zwei Bekannten unter, die sie ebenfalls über ihren Wohnungshütedienst kennengelernt hat.

107-mal ist Sabine Schäfer in den letzten sieben Jahren umgezogen. Die Vertrautheit, die mit dem Verlust der eigenen vier Wände ebenfalls verloren geht, erobert sie sich ein Stück weit durch gleich bleibende Alltagsabläufe und Rituale zurück:«Ich stehe beispielsweise stets zur selben Zeit auf, dann meditiere ich kurz und bereite auch mein Frühstück an jedem Ort auf die gleiche Weise zu.»

Heimat im Veloanhänger

Der letzte Rest Heimat, der Sabine Schäfer geblieben ist, hat in einem Veloanhänger Platz: «Ich möchte mich nicht wie in einem Hotel fühlen. Deshalb nehme ich meine Bettwäsche, meine Frotteewäsche, meine Lebensmittel und beispielsweise auch mein eigenes Kaffeekännchen mit.» Ihre restlichen Habseligkeiten und ihre Arbeitsunterlagen lagert sie in einem zehn Quadratmeter kleinen Büro: «Ohne diesen privaten Raum könnte ich meine Lebensweise nicht durchhalten.»

Generell würde sie ihren Lebensstil niemandem empfehlen: «Ich fühle mich sehr verletzlich. Ich habe keine gesicherte Rückzugsmöglichkeit, keinen Ort, an dem meine Privatsphäre garantiert ist.» Zudem sei der logistische Aufwand, um immer wieder eine Bleibe zu finden, sehr gross. «Man würde meinen, es wird mit der Zeit einfacher. Doch die Ermüdungserscheinungen nehmen mit jedem Jahr zu.»

Beruflich bietet die gelernte Handweberin und technische Kauffrau Beratungen für Menschen an, die dank Organisations- und Ordnungstechniken ihre Zeit oder ihren Raum besser in den Griff bekommen wollen. Als Sabine Schäfer bemerkte, dass ihr Einkommen nicht reicht, um alle Bedürfnisse zu decken, machte sie eine Güterabwägung. Mit ihrem geringen Lohn hätte sie Anrecht auf Sozialhilfe, will diese jedoch nicht beanspruchen: «Ich möchte unter allen Umständen weiter selbstständig arbeiten.

Mit dem Bezug von Sozialhilfegeldern wäre das nicht möglich.» Die Wohnungsbeihilfe des Kantons wäre für sie auch nur im absoluten Notfall eine Option: «Öffentliche Gelder sollten nicht dazu verwendet werden, um den privaten Investoren, die ihre Vermögen in Immobilien angelegt haben, eine Rendite zu garantieren», sagt Schäfer, die den Druck auf wachsende Erträge für die stetig steigenden Mieten verantwortlich macht.

So beispielsweise bei Pensionskassen, die versuchen würden, ihre Gewinnvorgaben zu erreichen, indem sie ihre Immobilien durch umfangreiche Sanierungen aufwerten und dadurch für die bisherigen Bewohner unerschwinglich machen, wie dies in Basel beispielsweise am Burgweg oder an der Mülhauserstrasse geschieht.

Aufs Land zu ziehen, wo die Mieten günstiger sind, ist für sie auch keine Option: «Gesellschaftliche Teilhabe und mein Freundeskreis sind für mich viel wichtiger als eine eigene Wohnung. Deshalb wollte ich unbedingt in der Stadt bleiben.» Die Initiative «Recht auf Wohnen» (siehe Text unten) geht für sie in die richtige Richtung. Denn ihr Entscheid, auf eine Wohnung zu verzichten, fordert auch seinen Tribut: «Die Abwesenheit von Sicherheit kostet unendlich viel Energie. Gleichzeitig für den Arbeitsmarkt fit zu bleiben, ist ganz und gar ausgeschlossen, vor allem, wenn man schon Mitte fünfzig ist.»

Massiver Anstieg Wohnungsloser

Sabine Schäfer ist kein Einzelfall. Knapp 400 Menschen haben in Basel keine eigene Wohnung und ihre offizielle Meldeadresse deshalb beim Schwarzen Peter, dem Verein für Gassenarbeit. Rund ein Viertel von ihnen lebt auf der Strasse, die anderen kommen, wie Schäfer, irgendwo unter. «Innerhalb von vier Jahren ist diese Zahl brutal angestiegen und hat sich von 100 auf 400 vervierfacht, um seit zwei Jahren auf diesem hohen Niveau zu verharren», sagt Michel Steiner vom Schwarzen Peter.

Der drastische Anstieg ihrer Meldeadressen spiegle relativ genau das sinkende Angebot an freien Wohnungen: «Die Leerstandsquote liegt seit einigen Jahren unter einem Prozent. Es gibt kaum noch freien und vor allem bezahlbaren Wohnraum.» So kommt es laut Steiner dazu, dass auch Leute, die im Traum nicht daran gedacht hätten, je in eine solche Situation zu geraten, plötzlich ohne Wohnung dastehen. «Die meisten neu hinzugekommenen Wohnungslosen haben eine relativ normale Biografie. Sie leiden nicht etwa an Alkohol- oder Drogenproblemen, sondern sind einfach Working Poor oder stammen aus der unteren Mittelschicht.

Wenn man sie sieht, würde man nie annehmen, dass sie bei uns gemeldet sind», sagt Steiner. Es sind Veränderungen wie Trennungen, Arbeitsplatzverlust oder die Sanierung und Verteuerung ihrer günstigen Wohnungen, die sie in diese Lage brachten. «Wenn ich ehrlich bin, mache auch ich mir Sorgen, was passiert, sollte mein Wohnhaus nach dem Ableben meiner Vermieterin verkauft werden», sagt Steiner, der alleinerziehend ist und deshalb nur Teilzeit arbeitet.

Seine Forderung: Der Kanton soll endlich eine aktive Wohnpolitik betreiben: «Die meisten Wohnungen des Kantons laufen über Immobilien Basel-Stadt und werden zu Marktkonditionen vermietet. Es braucht jedoch mehr Wohnraum, der unter diesem Preis vermietet wird.» Zudem solle der Staat dafür sorgen, dass günstiger Wohnraum erhalten bleibe. «Die kantonale Unterstützung von Genossenschaften greift zurzeit noch zu kurz, denn es sind keine Auflagen damit verbunden. Es bräuchte Quoten oder Bedingungen für die Belegung», sagt Steiner.

Um der Forderung nach bezahlbarem Wohnraum Nachdruck zu verleihen, hat das Netzwerk Wohnungsnot, dem auch der Schwarze Peter angehört, die Initiative «Recht auf Wohnen» lanciert: «Bei dieser Initiative geht es darum, dass Geringverdiener, die bereits in Basel gemeldet sind, auch hier wohnen können. Zuzüger sind damit nicht gemeint», sagt Steiner. Ziel der Initiative ist es, dass es die Meldeadressen beim Schwarzen Peter nicht mehr braucht.

Fast alle sind betroffen

Doch die immer teurer werdenden Mietpreise treffen nicht nur jene, die knapp bei Kasse sind. Auch Normalverdiener müssen für eine Wohnung in Basel tief in die Tasche greifen. Das zeigt das Beispiel von Melanie Gsell*. Die 35-Jährige wollte mit ihrem Freund in eine 4-Zimmer-Wohnung ziehen. Da beide berufstätig sind, beschlossen sie, dass die Miete auch etwas höher ausfallen darf. Mit einem Mietbudget von 2500 Franken pro Monat würden sie sich problemlos eine Wohnung aussuchen können, die gross genug für ihre Vorstellungen und Pläne ist – dachten sie.

Oft standen die Leute für die Wohnungen sogar SchlangeSource

«Wir sind auf die Welt gekommen», sagt Gsell. Drei Jahre dauerte es, bis sie tatsächlich eine Wohnung fanden, die ihren Vorstellungen entsprach: «Wir wünschten uns einen Altbau im Kleinbasel, irgendwo zwischen Wettstein- und Dreirosenbrücke. Mindestens vier Zimmer und einen Balkon. Wir suchten keine top renovierte Wohnung, sondern etwas mit Charme.»

Rund 50 Wohnungen haben die beiden besichtigt. Auf etwa zehn haben sie sich beworben – erfolglos. Oft standen die Leute für die Wohnungen sogar Schlange. «Die Gründe für die Absagen waren unterschiedlich. Man merkt einfach, dass die Vermieter sich ihre Mieter aussuchen können», so Gsell. Auch das ist eine Auswirkung der Leerstandsquote, die 2017 in Basel bei 0,5 Prozent lag. Bei einem Wert unter einem Prozent spricht man von Wohnungsnot. In Basel ist dies seit neun Jahren der Fall.

Viele der schönen und früher kostengünstigen Kleinbasler Altbauten wurden aufgekauft

Erst vor Kurzem haben die beiden endlich eine Wohnung gefunden, allerdings kostet diese nun mehr als die budgetierten 2500 Franken. Gsell und ihr Freund können die Mehrkosten verkraften, indem sie bei anderen Posten Geld einsparen. Eine durchschnittliche Familie mit zwei Kindern, die auf eine 4-Zimmer-Wohnung angewiesen ist, hat diese Ausweichmöglichkeit nicht immer.

«Viele der schönen und früher kostengünstigen Kleinbasler Altbauten wurden aufgekauft, hochstehend renoviert und danach sehr viel teurer vermietet», beobachtete Melanie Gsell im Verlaufe ihrer dreijährigen Wohnungssuche. Zahlen des Statistischen Amts belegen den Aufwärtstrend der Mieten. Noch vor zwölf Jahren wurde eine 4- Zimmer-Wohnung in Basel im Durchschnitt für 2033 und eine 5-Zimmer-Wohnung für 2282 angeboten. 2017 lag der Mietpreis der Leerwohnungen (Angebotsmiete) für vier Zimmer bei 2468 beziehungsweise bei 3112 Franken für fünf Zimmer.

Ähnlich sieht die Entwicklung bei kleineren Wohnungen aus, wie auch Sabine Schäfer aus eigener Erfahrung weiss: «Ich habe bei der Suche viele einigermassen günstige Wohnungen angeschaut und dann darauf verzichtet, weil ich das Risiko von ungedeckten Rechnungen nicht eingehen will. Denn wenn das Eintreffen des Einzahlungsscheins für den Mietzins schlaflose Nächte bereitet, verliert die Wohnung ihre Schutzfunktion und wird vielmehr zur Bedrohung.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.02.2018, 15:07 Uhr

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