Alle sind plötzlich #metoo

Lassen wir den gesunden Menschenverstand walten; haben wir den Mut und die Zivilcourage, über diese Missstände zu berichten und zu kommunizieren – aber sachlich.

Der Vizepräsident der CVP-Schweiz, Nationalrat Yannick Buttet musste nach der Stalking-Affäre abtreten.

Der Vizepräsident der CVP-Schweiz, Nationalrat Yannick Buttet musste nach der Stalking-Affäre abtreten. Bild: Keystone

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Sexuelle Belästigungen oder Nötigungen am Arbeitsplatz und im öffentlichen Leben sind dieser Tage ein ernsthaftes Thema, das allerdings einem gewissen Missbrauch unterliegt, wie mir scheint. Jeder und jede scheint sich plötzlich daran zu erinnern, dass er auch vor Jahrzehnten, Jahren oder gestern gegen seinen Willen zu einer im weitesten Sinne sexuellen Aktion zwischen aufgedrängtem Handkuss und irgendwelchen Hardcore-Sachen genötigt wurde.

Losgetreten hat diese Welle bekanntlich der wahrscheinlich erfolgreichste Hollywood-Produzent, den es je gab: Harvey Weinstein. Er soll jahrelang junge, aber auch bestandene Schauspielerinnen und Schauspieler verführt und belästigt oder genötigt haben. Darauf hin wurde ein ganzes Set von bestandenen Schauspielern, von Dustin Hoffmann bis Kevin Spacey, als sexuell unkontrollierte Unholde abgestempelt.

Diese US-Welle ist jetzt auch nach Europa geschwappt. England, Frankreich, Deutschland und – wen wundert es – auch die Schweiz ist davon erfasst worden. Auf diversen Internet-Foren kann man sich melden und «outen», wenn man das Gefühl hat, genötigt worden zu sein.

Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, dürfen sich überhaupt keine «Faux Pas» leisten.

Für mich stellen sich folgende Fragen: Ist das alles neu? Warum kommen jetzt alle mit Anschuldigungen heraus, die zum Teil, im Falle von Spacey, über 30 Jahre zurückliegen? Und, nur nebenbei – werden nicht auch Männer sexuell belästigt, wenngleich auch nicht im selben Ausmass? Wie reagiert eine, unsere Gesellschaft darauf – Gesetze, Verordnungen, Höchststrafen?

Warum kommen jetzt alle hinter dem Busch hervor? Hatten sie Angst vor Konsequenzen? Oder, bei aller Tragik der substanziellen Fälle, ist es einfach en vogue, gehört es dazu, um «in» zu sein. Oder wird der potenzielle Missbrauch dazu missbraucht, einen persönlichen Judgement day mit irgendwem zu veranstalten?

Selbstverständlich möchte ich die groben und schweren Übergriffe nicht bagatellisieren. Sie gehören bestraft, und dafür gibt es auch eine gesetzliche Handhabe. Gerade Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, dürfen sich überhaupt keine «Faux Pas» leisten, weder im Beruf noch privat. Für mich ist klar, dass der CVP-Vize abtreten muss. Das hätte auch im Fall von Geri Müller (Stadtrat Baden) sofort geschehen sollen, und es ist ein Skandal, dass er im Amt bleiben konnte.

Wir wären gut beraten, wenn wir bei dem ganzen «Hype» ruhig und gelassen bleiben.

Es scheint mir keine gute Idee, jetzt einfach neue Gesetze zu erlassen, oder gar neue Gremien (Anlaufstellen) einzurichten. Wir haben ein Gleichstellungsgesetz, das sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz verbietet und vor allem auch ahndet. Wir haben eine Fachstelle für Mobbing und Belästigung, die diese Funkion gut erfüllt. Und ich finde gut, was Reynard von der SP vorschlägt, nämlich dass die Opfer die Übergriffe nicht mehr wie ein Kommissar in eigener Sache beweisen, sondern «nur» glaubhaft darlegen müssen. Laut einer Studie der Uni Genf endeten Klagen wegen Belästigungen in über 80 Prozent der Fälle zugunsten der mutmasslichen Täter. Das ist ein No-Go.

Wir wären gut beraten, wenn wir bei dem ganzen «Hype» ruhig und gelassen bleiben; lassen wir den gesunden Menschenverstand walten; haben wir den Mut und die Zivilcourage, über diese Missstände zu berichten und zu kommunizieren, aber sachlich. Und führen wir die Täter schnellstmöglich ihrer Strafe zu, lassen wir sie wissen, dass das alles keine Gentleman-Delikte sind, sondern kleine und grosse Verbrechen an Leib und Seele. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.12.2017, 13:55 Uhr

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