Hintergrund

April, April!

Eine kleine Geschichte der schönen und bereits ziemlich alten Tradition, jemanden zum Narren zu halten.

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Als Dienstbote hatte man es früher nicht einfach. Da ist Hans Jäcklin, genannt Giggishans, 1647 in Begleitung einer «krummen Hex» durch die schmutzige Kongressstadt Münster in Westfalen geirrt, um für seinen Herrn, den Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein, ein Gemälde bei einem niederländischen Maler abzuholen. Nach stundenlangem Spiessrutenlauf unverrichteter Dinge ins Logis zurückgekehrt, wurde ihm das Datum bewusst: Es war der erste April. Sein gestrenger Herr hatte ein Einsehen mit seinem von den anderen Delegationsmitgliedern zum Besten gehaltenen Hausdiener und bewilligte ihm «auf seine ausgestandene Arbeit» eine Zusatzration von zwei Mass – fast drei Liter – Wein.

Bei dieser durch Wettsteins Tagebuch überlieferten Episode handelt es sich um den ältesten bekannten Aprilscherz mit Basler Beteiligung und um den zweitältesten überhaupt. Nur ein Flugblatt aus dem Jahr 1632 überliefert ein noch älteres Beispiel, dessen Ur­heber offenbar kein Geringerer als der schwedische König Gustav Adolf war.

Lange Zeit verliefen die meisten April­scherze nach dem beschriebenen Mus­ter: Dienstboten oder Kinder wurden mit einem fingierten Auftrag herumgeschickt und nach der Rückkehr wegen ihrer Leichtgläubigkeit verspottet. Auch eine Entschädigung des Opfers durch einen Schoppen Wein oder Bier scheint bei Erwachsenen eine vielerorts geübte Praxis gewesen zu sein.

Finten und Fische

Beliebt war der Aprilscherz auch unter Studenten. Am 1. April 1760 lud der ungarische Adlige Joseph Teleki, der damals an der Basler Universität studierte, mehrere Mitstudenten zu nächtlichen Experimenten beim physikalisch beschlagenen Privatlehrer Abel Socin ein, ohne dass dieser etwas von einer solchen Sonderschicht wusste. Beim Dienstpersonal und bei Heranwachsenden machte man sich auch die mangelnde Bildung der Opfer zunutze. «In Basel schickt man den Aprilnarren in die Apotheke, um Ibidum zu verlangen, mit dem Schein eines lateinischen Wortes aus: ‹ich bin dumm› gebildet», schrieb 1884 der Schaffhauser Pfarrer Johann Jakob Schenkel.

Die 1618 erstmals in Bayern belegte Redeweise «jemanden in den April schicken» wurde schon im 17. Jahrhundert zu einem Synonym für «jemanden zum Narren halten». In dieser umfassenden Bedeutung erscheint sie in der deutschen Übertragung von Mozarts Oper «La finta gardiniera», wenn Nardo zum Podestà über Serpetta sagt: «Glaubt nicht an die Lügen des losen Mädchens, sie will euch schicken in den April!»

Wesentlich jünger ist der heute gebräuchliche Ausdruck «Aprilscherz», der sich nur bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Deutlich früher belegt ist sein französisches Äquivalent «Poisson d’avril» – wörtlich «Aprilfisch»: Der Ausdruck taucht 1508 erstmals auf. Auch im Flämischen ist der entsprechende Begriff bereits für das 16. Jahrhundert nachgewiesen.

Gemessen an der Anzahl der Belege scheint jedoch im 17. Jahrhundert der Brauch des Aprilscherzes vor allem im deutschen Sprachraum verbreitet gewesen zu sein, was 1686 auch der englische Altertumsforscher John Aubry in einer Arbeit über Volksgebräuche bestätigt. Die Sitte wurde dort so exzessiv gepflegt, dass Kaiser Leopold I. 1683 den am 1. April unterzeichneten antitürkischen Allianzvertrag auf den 31. März zurückdatierte, um keine Zweifel an dessen Glaubwürdigkeit aufkommen zu lassen.

Ungewisser Ursprung

Bereits 1708 fragte ein Korrespondent in einem englischen Magazin nach dem Ursprung des mittlerweile auch in Grossbritannien heimisch gewordenen Brauchs. Die Frage wurde seither immer wieder gestellt, aber bis heute nicht befriedigend beantwortet. Im 18. Jahrhundert wurde der Aprilscherz vom Herumschicken Jesu Christi «von Pontius zu Pilatus» am Karfreitag abgeleitet, der ein 1. April gewesen sei. Am gleichen Datum sollen – je nach Überlieferung – der verräterische Judas geboren oder gestorben und die abtrünnigen Engel vom Himmel gestürzt sein sowie Noah von der Arche aus die erste Taube auf Landsuche geschickt haben.

Andere Autoren stellen einen Bezug zu Frühlingsbräuchen wie den altrömischen Quirinalien oder dem indischen Holi-Fest her. Verbreitet ist auch die Herleitung von einem Edikt des französischen Königs Charles IX. im Jahr 1563, in dem der 1. Januar im ganzen Königreich zum Neujahrstag erklärt wurde. In der Folge sollen Menschen, die den Jahresbeginn weiterhin am 1. April feierten, als Aprilnarren ausgelacht worden sein. Sogar das wechselhafte Aprilwetter, das uns immer wieder unliebsame Überraschungen beschert, muss gelegentlich als Erklärung herhalten.

Unliebsame Folgen

All diese Herleitungsversuche erweisen sich jedoch als unzureichend. Auch die besonders beliebte Kalenderreformtheorie vermag nicht zu überzeugen. Vor dem genannten könig­lichen Erlass war der Jahresanfang in Frankreich je nach Diözese unterschiedlich festgelegt: Im Erzbistum Vienne begann das Jahr am 25. März, anderswo am 1. März, an Ostern oder an Weihnachten – in keiner Landesgegend aber am 1. April (sofern nicht Ostern auf dieses Datum fiel).

Nicht ausschliessen lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Aprilscherz und alten Frühlingsriten. Die verschiedentlich hergestellte Verbindung zum Fasnachtsnarren erweist sich jedoch als problematisch. Denn anders als an der Fasnacht bleibt am 1. April die geltende Gesellschaftsordnung in Kraft. Deshalb findet sich in einem Zürcher Kalender von 1775 die Warnung: «Dieses Aprilschiken aber kann doch unterweilen zur Iniurienklage Ursach geben, wenn es zwischen ungleichen Personen vorgegangen.»

Jedenfalls konnten Aprilscherze für deren Urheber unliebsame Konsequenzen haben. Als der Leiter der Komödiantentruppe am Hof des russischen Zaren Peter I. am 1. April 1705 die vornehme Moskauer Gesellschaft zu einer Galavorstellung einlud, an der beim An­heben des Vorhangs nur die Tafel mit der Aufschrift «Heute ist der erste April» zu sehen war, wurde er fristlos ent­lassen. Noch heute hält der deutsche Arbeitsrechtler Michael Henn Aprilscherze am Arbeitsplatz für heikel, da man als Urheber wenn nicht mit recht­lichen Folgen, so doch mit einer Abmahnung rechnen müsse.

Aprilnarr und Fasnachtsnarr

Wiewohl dem Aprilscherz klare Grenzen gesetzt sind und der Aprilnarr – wie es der Theologe Manfred Becker-Huberti bildhaft ausdrückt – «weder mit der Gugel noch mit Pauken und Schellen» auftritt, so bestanden früher doch gewisse Analogien zum Fasnachtsbrauchtum. In Basel erschien zum Beispiel am 1. April 1874 eine satirische «Concertanzeige», die ähnlich wie heutige Schnitzelbänke und Fasnachts­zettel einen zurückliegenden Wirtschaftsskandal auf die Schippe nahm. Programmpunkte waren etwa ein «Dividenden-Walzer mit Schwindel-Begleitung» und als Abschluss der «Untergang des Aktienkapitals bei bengalischer Beleuchtung».

Ein charakteristisches Merkmal des Aprilscherzes besteht darin, dass der Genarrte öffentlich vorgeführt und damit dem Gespött der anderen preisgegeben wird. Es erstaunt daher nicht, dass sich schon früh die Massenmedien des Brauches bemächtigt haben. Bereits am 2. April 1698 berichtete eine englische Zeitung, wie am Vortag mehrere Personen zum Londoner Stadtgraben geschickt worden waren, um beim Waschen der Löwen zuzusehen.

Der älteste bekannte Aprilscherz einer deutschen Zeitung stammt aus dem Jahr 1774. Damals wurde erklärt, dass man Ostereier und Hühner in allen möglichen Farben züchten könne, wenn deren Umgebung in der gewünschten Farbe gestrichen würde.

Ein Aprilscherz mit lang andauernder Wirkung gelang der National-Zeitung in Basel am 31. März 1889. Sie berichtete, wie der Basler Politiker Peter Ochs am 23. November 1797 den französischen Konsul Napoleon Bonaparte anlässlich eines gemeinsamen Spaziergangs über den Münsterhügel unterhalb des Weissen Hauses davon überzeugen konnte, dass die Schweiz unabhängig bleiben und eine eigene Verfassung erhalten solle. Später habe Ochs veranlasst, zum Andenken an diese denkwürdige Unterredung an besagter Stelle einen damals noch vorhandenen hellen Stein ins Strassenpflaster einzusetzen.

Die Geschichte wird heute noch an Stadtführungen in mittlerweile unterschiedlichen Varianten erzählt. Als vor einigen Jahrzehnten der Stein bei einer Neupflästerung entfernt wurde, führte dies zu Protesten, was das Baudepartement dazu veranlasste, das «Denkzeichen», bei dem es sich vermutlich um die Markierung einer Abwasserleitung handelt, wieder an der angestammten Stelle einfügen zu lassen.

Medial inszenierte Aprilscherze

Jedes neu aufkommende Medium hat sich auch des Aprilscherzes bemächtigt. Legendär ist der Kurzfilm über eine vermeintliche Spaghetti-Ernte im Kanton Tessin, die der Fernseh­kanal von BBC am 1. April 1957 ausstrahlte. In die lokale Geschichte eingegangen ist auch der vom Radiosender Basilisk am 1. April 1984 angekündigte Parallelslalom am Spalenberg. Alle, die auf einen Aprilscherz tippten, wurden jedoch getäuscht: Das Rennen zwischen dem Liechtensteiner Andreas Wenzel und dem Schweizer Bernhard Russi fand tatsächlich statt.

In den letzten 20 Jahren haben das Internet und die neuen Social Media den Aprilscherz dank ihrer weltweiten Reichweite geradezu revolutioniert, während die jahrhundertealte Tradition des Veräppelns von Kindern und Azubis durch Erwachsene am Abklingen ist.

Erstaunlicherweise ist bis heute kein Buch über die Geschichte der April­neckerei erschienen. Immerhin finden sich im Internet neben einigen bemerkenswerten Beiträgen zur Geschichte des Brauches unzählige Zusammenstellungen von Aprilscherzen.

Privaten Charakter hat die Dokumentensammlung des Basler Zootierarztes Christian Wenker. Den Anfang machte ein besonderes Geschenk: An seinem 20. Geburtstag, dem 1. April 1988, erhielt Wenker von seiner Freundin einen Ordner voll gesammelter Aprilscherze aus Zeitungen und Radiojournalen der zurückliegenden 20 Jahre. Dieser kleine Fundus, der vom Beschenkten jedes Jahr ergänzt wird, ist zurzeit im Rahmen der Ausstellung «Bewahre! Was Menschen sammeln» des Museum.BL in Liestal zu sehen.

Wie jeder Narrenbrauch rief der Aprilscherz auch Ablehnung hervor. Eine sächsische «Bauernzeitung» sprach 1822 von einer «höchst unanständigen Gewohnheit», und noch heute gibt es Stimmen, die den Brauch als infantilen Unfug abtun. Anders sehen dies naturgemäss die Satiriker. Christian Morgenstern fordert etwa dazu auf, die Sitte des In-den-April-Schickens noch intensiver zu pflegen als bisher, und schlägt vor, den ersten Tag im April zum nationalen Festtag zu erheben. Und für Mark Twain ist der 1. April jener Tag, an dem wir uns erinnern sollen, was wir 364 Tage im Jahr sind: nichts als Narren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 31.03.2014, 16:25 Uhr

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