Bessere Väter?

Schweizer Männer arbeiten oft Vollzeit, wenn sie Familie haben. Der Blick nach Norden.

Schwedische Väter nehmen 28 Prozent der Elternzeit: Bild der Foto-Ausstellung «Swedish Dads».

Schwedische Väter nehmen 28 Prozent der Elternzeit: Bild der Foto-Ausstellung «Swedish Dads». Bild: Johan Bävman

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Eine Studie sorgt für Debatten: Soziologe Martin Schröder belegt, dass Schweizer Väter zufriedener sind, wenn sie Vollzeit arbeiten. Im Interview zeigt sich der Wissenschaftler gespannt auf ähnliche Untersuchungen in Schweden – «dem egalitärsten Land der Welt», so Schröder.

Sind die Schweden fairer, weiter als wir? Anruf bei Ann-Zofie Duvander, Uni Stockholm. Die Soziologie-Professorin hat die Elternzeit erforscht, hat die Beteiligung der Männer an Kindererziehung und Hausarbeit analysiert. Duvander lacht und sagt: «Alle unsere Studien zeigen, dass schwedische Väter die Elternzeit als sehr positive Erfahrung erlebten.»

Vielen gilt das schwedische Modell als fortschrittlichste Staatsform überhaupt. Die Überzeugung seiner Anhänger hat etwas Hegelianisches, ihr Ziel ist die vollends faire Gesellschaft, die Schicksalsschläge abfedert und Handicaps ausgleicht. Seine Ursprünge hat der «Folkhemmet»-Staat («Volksheim») in den 1930ern. Zum Programm gehört auch die 1974 eingeführte Elternzeit. Diese sei beispiellos gewesen, sagt Bernd Henningsen, Nordistikprofessor und Träger des Nordstern-Ordens, Schwedens zweithöchster Verdienstorden. Das Bild vom Kinderwagen schiebenden Mann, so Henningsen, sei in Schweden bereits Normalität geworden, als es in Deutschland noch unvorstellbar gewesen sei.

Wie Schweden in den 80ern

Heute haben schwedische Eltern Anspruch auf 480 Tage Elternzeit, die sie untereinander aufteilen können, wobei pro Person mindestens drei Monate bezogen werden müssen. Während der Elternzeit werden 80 Prozent des Lohnes ausbezahlt. Zudem haben die Eltern Anrecht auf eine Arbeitszeitreduktion um 25 Prozent, bis das Kind acht Jahre alt ist. Soziologin Duvander erkennt eine stetige Entwicklung hin zur Gleichstellung von Schwedinnen und Schweden.

Unmittelbar nach der Einführung der Elternzeit hätte nicht einmal ein Prozent der Männer eine Auszeit genommen, sie überliessen die Elternzeit den Frauen. Schweden baute die Elternzeit in den folgenden Jahren allmählich aus, die Beteiligung der Väter an der Elternzeit stieg ebenso, wenn auch nur langsam.

Drei der 16 Monate Elternzeit sind in Schweden heute für den Vater reserviert.

Die heutige Situation der Schweizer Väter könne mit der Situation der Schweden in den 1980ern verglichen werden, sagt Duvander. 1995 führte Schweden die «Pappamånader» ein, die «Papamonate». Ging der Vater lieber ins Büro, konnte die Familie nicht mehr die volle Elternzeit beziehen, die Papamonate verfielen. Drei der 16 Monate sind heute für den Vater reserviert. Nach Einführung der Vater-Quote begannen die Männer sofort, sich stärker zu beteiligen. 80 Prozent bezogen nun einen Teil der Elternzeit.

Hiesige Gleichstellungsbeauftragte bewundern diese Entwicklung. Anja Derungs etwa – sie leitet in Zürich die städtische Fachstelle für Gleichstellung – lobt das schwedische Modell als «sehr gut». Es lasse den Eltern grosse Wahlfreiheit, biete exzellente Kinderbetreuung, wertschätze die arbeitende Mutter und gebe den Vätern Anreize, sich zu Hause um die Kinder zu kümmern. Vor zwei Jahren stoppte der Fotograf Johan Bävman mit seiner Ausstellung «Swedish Dads» auch in Bern; Bavmans Fotoserie zeigte schwedische Männer bei der Hausarbeit und trug den nordischen Vorzeigevätern weltweiten Applaus ein.

Applaus für die «Swedish Dads»

2017 nahmen die schwedischen Väter 28 Prozent der gemeinsamen Elternzeit in Anspruch. Ob Schweden längere oder kürzere Auszeiten nehmen, ist nicht alleine eine Frage des staatlichen Angebots, sondern hängt mit der Situation auf dem Arbeitsmarkt zusammen. Nicht zuletzt deswegen gibt es Differenzen innerhalb von Schweden.

Die intensivste männliche Beschäftigung mit «Städtrasor» (Putzlappen) und «Blöjör» (Babyunterhosen) ist in der Ortschaft namens Vindeln festzustellen, gelegen in der nordschwedischen Provinz Västerbotten. Hier beanspruchten die Väter durchschnittlich bereits 35 Prozent der Elternzeit.

Alles eine Frage der Zeit also? Muss bloss der Weltgeist walten, und irgendwann in naher Zukunft hat das Zukunftslabor Schweden sein Ideal des Fifty-Fifty in Haus- und Büroarbeit realisiert? So einfach ist es nicht. Zwar diskutiert die schwedische Politik gerade über einen weiteren Ausbau der «Pappamånader». Doch auch in Schweden steht die Sozialdemokratie unter dem Druck der Populisten, ist vorsichtiger geworden. «Ich glaube nicht, dass dieser Ausbau noch vor den Wahlen passiert», sagt Ann-Zofie Duvander. «Die Sozialdemokraten wollen ihre traditioneller gestimmten Wähler nicht vergrätzen.»

Und da wäre noch ein weiterer Unsicherheitsfaktor, eine anthropologische Konstante: der Vater, dieses Mängelwesen. Zur fehlenden Kooperation der schwedischen Männer gebe es eine «Flut von Publikationen, Pamphleten und Beschwerden», sagt Bernd Henningson. Auch die Schweden seien zumindest «hausarbeitsfaul». Hier, so der Professor, scheine ein «universelles Problem» vorzuliegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2018, 14:38 Uhr

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