Bitte mit Senf und ohne Helene!

In Fussball-Halbzeiten haben Helene Fischer oder Madonna oder Yvonne Catterfeld nix verloren.

Die Fans haben Helene Fischer am Pokalfinal in Berlin nicht ausgebuht, weil sie Helene Fischer ist.

Die Fans haben Helene Fischer am Pokalfinal in Berlin nicht ausgebuht, weil sie Helene Fischer ist.

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Gerne gehe ich in ein Fussballstadion und hänge dort ab. Es gibt Bier, man darf rauchen und es ergeben sich gute Gespräche, ob das nun ein Abseits in der 23. Minute war oder nicht. In der Halbzeitpause esse ich eine Wurst. Die habe ich vorher mit Senf aus der gros­sen Senftube bespritzt, auf dass er, der Senf, sich mit meiner Wurst und ihrem Brot zu einer wunderbar schleimigen Masse im Gaumen vereine. Vegetarier sollte man im Stadion nicht sein.

Manchmal muss ich in der Halbzeit auch aufs Klo oder ich schaue mir auf den überall herumhängenden Bildschirmen die Szenen der ersten Halbzeit an. Dann kaufe ich mir noch ein Bier und bin glücklich, weil es weitere 45 Minuten Fussball zu gucken gibt plus Nachspielzeit und die Sonne scheint und die würzigen Rauchschwaden über den Sitzreihen liegen wie ein Männerodeur. Da fühl ich mich wohl und freue mich, wenn der Pfeifenmann zur zweiten Halbzeit schreitet wie ein Storch.

Fussball ist Fussball plus Bier in der Halbzeitpause und eine rauchen
und sich über die erste Halbzeit aufregen, aber er ist keine Showbühne.
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Nie, aber auch niemals würde ich es goutieren, wenn jemand in der Halbzeitpause SINGT. Dass Helene Fischer in der Halbzeitpause des deutschen Pokal-Endspiels in Berlin zwischen Dortmund und Frankfurt ein Medley ihrer tollsten Hits live vorgetragen hat, erscheint mir wie ein Sakrileg. Fussball ist Fussball plus Bier in der Halbzeitpause und eine rauchen und sich über die erste Halbzeit aufregen, aber er ist keine Showbühne. Fussball ist Show genug, da muss man keinen Live-Act einschieben, wenn ich mir gerade eine Wurst einschiebe.

Das hat nichts mit meiner Wert- oder Unwertschätzung für Helene Fischer zu tun. Nie käme ich dazu, Helene Fischer, wie der Satiriker Jan Böhmermann es tat, als «singende Sagrotanflasche» zu bezeichnen. Niemals. Aber in Fussball-Halbzeiten haben Helene Fischer oder Madonna oder Yvonne Catterfeld nix verloren. Gut, über die Toten Hosen könnte man reden (Campino ist bekennender For- tuna-Düsseldorf-Fan, und wenn 70'000 Menschen «Tage wie diese» grölen, macht das was her). Aber ansonsten hat das Stadion zusatzeventfrei zu bleiben, da bin ich konservativ. Fussball ist Event genug, aber ich wiederhole mich.

Und deshalb haben die Fans auch Helene Fischer am Pokalfinal in Berlin nicht ausgebuht, weil sie Helene Fischer ist. Oder weil sie «Atemlos durch die Nacht» nicht mögen. Sondern weil Helene Fischer in der Halbzeit eines Fussballspiels nicht der richtige Kick ist, deshalb. Da bin ich Manns genug, meinen Senf dazu zu geben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 31.05.2017, 16:37 Uhr

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