Da wird man grad nervös

2001 entgleist «Fohrler live», Jahre später geschieht Eigenartiges. Über Osman und die Kraft von Youtube.

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«Wa häsch denn du scho erlebt, du huere Banane!?» Quelle: Youtube, «Osman – Best Of»

Youtube ist die grösste Schatztruhe der Welt, sie wird milliardenfach geöffnet jeden Tag – und sie lässt sich erklären mit einem Mundartvideo, das irgendwann im Jahr 2001 entstanden ist, in den Studios eines längst vergessenen Fernsehsenders.

«Fohrler Live – Jugend und Gewalt Osman Part 1», diese Zeile führt ein in das Osman’sche Reich bei Youtube, 762 330 Klicks und 1441 Kommentare für ein verpixeltes Video; danach folgen die Parts 2–6. Wahnsinn in Häppchen. Es sind nicht irgendwelche Schnipsel bei Youtube, Osman ist zu einem Synonym für die Kraft dieser Videoplattform geworden. Und zum Film einer ganzen Generation.

Als Osman seinen ersten grossen Auftritt hat, ist Youtube noch nicht erfunden und tragen Menschen wie er weisse Plateau-Turnschuhe. Ein neues Jahrtausend hat begonnen. In der Schweiz ist TV3 auf Sendung, ein nationaler Privatkanal, der regelmässig so wenig Zuschauer hat, dass sie kaum messbar sind. Die Sendungen heissen «Expedition Robinson», «BigBrother» oder eben: «Fohrler live, die Daily Talk­show der Schweiz». Jahre später wird ein Internet-User die Sendung «Fohrler live» so beschreiben: «Wie die ‹Arena›, einfach mit normalen Leuten.» Normal ist immer relativ.

An diesem Tag im Jahr 2001, genauer lässt es sich nicht mehr rekonstruieren, heisst das Thema der Sendung: «Jugend und Gewalt – ich schlage zu!». Der damalige Jungmoderator Dani Fohrler, Träger des Prix Walo «Bester Newcomer», moderiert mit rotem Pulli und der Euphorie eines Fussballreporters: «Einer, der nicht lange wartet und gleich mal zuschlägt, wenn es ihm zu bunt wird, das ist mein erster Gast! Osman! Herzlich willkommen!»

Auftritt Osman. Er liegt in seinen Stuhl auf der Studiobühne und grinst. Als er schliesslich zu Wort kommt, erscheint am unteren Bildschirmrand ein Einblender: Osman, 18, «Gewalt ist schlecht – muss aber sein».

Osman muss zuerst erklären, weshalb er immer so schnell zuschlägt: «Ja, weil ich hab Ehre, Mann, ich hab Stolz, das isches, Mann! (...) Wänn mich eine aaluegt, dann isch nüme guet. Ich schloh zue, bis sich eine nüme bewegt, Mann!» Osman grinst, das Publikum johlt und Dani Fohrler beginnt zu schwitzen.

Die grösste Pannenshow der Welt

Die Menschen lieben Unfälle – und in Live-Sendungen sehen sie nicht nur die Trümmer, sondern auch deren Entstehung. Youtube, am Wochenende zehn Jahre alt geworden, begründet auf diesem Prinzip seinen Erfolg. Unter anderem.

Denn Youtube ist auch der grösste Musikkanal der Welt, offen für die Hits der Stars und auch jene des Musik­vereins Binningen. Und Youtube ist ein Serviceassistent – dank seiner Videos binden auch Grobmotoriker ohne Mühe eine Krawatte. Natürlich aber, und darum geht es in dieser Geschichte, ist Youtube auch die grösste Pannenshow der Welt. Reiter, die von ihren Pferden kippen. Lothar Matthäus, wie er Englisch spricht. Oder eben: Osman bei «Fohrler live».

Im Fernsehstudio von TV3 steuern Osman und Dani Fohrler jetzt auf jene Momente zu, die aus ihrer Sendung einen Youtube-Hit machen werden. Osman hat Unterstützung bekommen von Sadush, 17, «Wenn ich zuschlage, bin ich erlöst».

Sadush tritt so breitbeinig ins Licht wie Cristiano Ronaldo zum Freistoss. Fohrler fragt die beiden: Wie kommt ihr eigentlich bei Frauen an mit eurer Art? Sadush trompetet: «Ja, bestens! Super! Mit Fraue chame spiele!» Und Osman sekundiert: «Kein Problem!» Das Fernsehstudio ist geentert, das Publikum johlt und Dani Fohrler ruft: «Probieremer, üs zämme z näh!»

Die Sendung erreicht eine gute Quote im Abendprogramm von TV3, die beste in der ganzen Sendereihe, in der Fernsehcrew freut man sich über Aufmerksamkeit und ein paar Schlagzeilen – was im Jahr 2001 jedoch fehlt, sind die medialen Brandbeschleuniger: Youtube ist noch nicht gegründet und 20 Minuten online ohne Einfluss. Heute würden die Newsportale eine Push-Nachricht auf die Handys dieses Landes schicken. Überböten sich die Kommentarschreiber im Internet. Und kommentierte der Medienredaktor der NZZ zwei Wochen nach der Sendung über Sinn und Wesen von «unterhaltenden Gesprächssendungen». Kurz: Die Schweiz geriete aus den Fugen.

Die besagte «Fohrler live»-Ausgabe lebt vorläufig nur an den Rändern des TV3-Programms weiter, wo man froh ist um ein paar unterhaltsame Minuten, die nichts kosten. Osman in der Endlosschleife.

Ein zweites Leben erhält die Sendung dank Youtube, das heute minütlich mit 300 neuen Stunden Videomaterial bespielt wird – das aber auch unzählige Archivminuten wiederbelebt.

Am 12.05.2007 lädt der Youtube-Nutzer «Sumire chan» die Osman-Clips ins Netz. Seit der Erstausstrahlung sind sechs Jahre vergangen, aber die Sendung ist offenbar noch immer derart präsent, dass sich die Videos verselbstständigen. 760 000 Klicks bis heute, jeder zehnte Schweizer kennt Osman. Die Sendung war ihrer Zeit voraus, sie ist gemacht fürs Youtube-Zeitalter. Bald entstehen Zusammenschnitte, «Best of Osman», «Osman Best-of», wiederum publiziert bei Youtube.

Darauf ist etwa zu sehen, wie der Moderator Dani Fohrler nicht mehr weiter weiss mit den zwei verbalen Schlägertypen in seiner Gesprächsrunde. Er geht mit seinem Mikrofon ins Publikum. Aus Versehen kommt dann ein Typ zu Wort mit viel zu viel Gel in den Haaren und viel zu wenig Kenntnis der deutschen Sprache. Er spricht, als sei er Osman-Experte von Beruf: «Si sind wie andere Männer, eifach sie händ ihre Stolz und wänn ihre Stolz, si händ, das isch für ihne das Wichtigste, vielleicht öppis wichtiger als Gold.»

Der letzte Zeuge

Die Gäste der Osman-Sendung sind verschwunden in den Untiefen des Internets und des Lebens – den Moderator Dani Fohrler findet man im Restaurant Baseltor in Solothurn. Der letzte Zeuge. Dani Fohrler moderiert heute die Talksendung «Persönlich» bei Radio SRF1, er macht, was er seit Jahrzehnten tut: mit Leuten reden – aber immer wieder wird er zurückgeworfen auf einen Schlägertypen mit dem Namen Osman. Die beiden hängen nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt zusammen in diesem Video fest – ohne sich seither je wiedergesehen zu haben.

Dani Fohrler grinst in das Solothurner Restaurant hinein. Dann sagt er: «Offenbar ist es so, dass diese Sendung in dem ganzen Teich des Wahnsinns ab und zu auftaucht – und es dann ein Luftblöterli gibt.»

Wenn Dani Fohrler durch den Zürcher Hauptbahnhof läuft, wenn er trainiert im Fitnessclub, dann kommt es bis heute vor, dass junge Leute ihn auf Osman ansprechen. «Äh, sorry, sind Si nöd de Typ vo...?» Ja, sagt Fohrler dann und fragt sie, wie alt sie seien. 18 Jahre, 20 Jahre, kommt oft als Antwort. Es ist die Youtube-Generation, nicht die TV3-Generation, sofern es eine solche überhaupt je gegeben hat. Meistens wissen die jungen Leute dann auch noch ein paar Sprüche aus der Sendung. Etwa:

Es steht ein kleines Mädchen auf und fragt die Osman-Typen vorne auf der Bühne: «Merked ihr eigentlich nöd, das ihr voll denebed sind?» Da sagt Osman: «Hey, danebed sind mir nöd, mir sind zwüsched dini Bei, ah.» Dann ein Bündner, der Osman angreift: «Du redsch do grosskotzed: I bi däh, i bi däh. Dabi: Wa häsch denn du scho erlebt, du huere Banane!?» – Und die Antwort darauf, aus dem Publikum: «Was dä Maa da grad gmacht hät, vorgfüehrt hät, das isch die gröschti Aafiggerei, wie soll ich sagen, da wird man grad nervös!» Und noch einmal Osman, wie er eine Frage abwehrt: «Gang go abnäh und hock ab Mann, bis ruhig!»

Das ist der Moment, als Moderator Dani Fohrler vom Moderator zum Richter wird: «Du, also jetz isch fertig! Osman! Osman! Osman! Jetz isch fertig, das isch die letschti Verwarnig, nei ehrlich! E bitz wiit Aastand, das isch nid z vill verlangt!»

Dani Fohrler erschrickt, als ich ihm ein paar Sätze aus der Osman-Sendung vorlese, er hat die Folge nie mehr ganz gesehen – und die Erinnerungen haben sich mit der Zeit aufgelöst. Fohrler hat in der TV3-Zeit drei Sendungen pro Tag moderiert, später sind Hunderte Radiogespräche dazugekommen. All die Sendungen sind zu einer einzigen, grossen Show zusammengeschmolzen. Fohrlers Life.

Der Irrsinn

Im Restaurant Baseltor versucht Dani Fohrler jetzt zu erklären, wieso die Osman-Folge nie vergessen ging. Er sagt: «Die Sendung war total aus dem Lot. Und zwar während fünfzig Minuten. Das ist wahrscheinlich der Grund. Die beste Unterhaltung ist auch, wenn sich die Leute überlegen: Du, wie überlebt der Moderator das? Wie kommt er da wieder raus? Und wenn sie sich denken: Der kommt unter die Räder, es artet aus. Und wir sind dabei!»

In einer Zeit, da im Fernsehen sogar die Überraschungen geplant sind, schaffen es alle Pannen ins Netz. Youtube ist das Zentralorgan der Schadenfreude.

Dani Fohrler sagt: «Als Moderator wartest du immer darauf, dass sich die Sendung verselbstständigt, dass dich ein Flow trägt. In diesem Fall musste ich aufpassen, dass mich der Flow, der zu einer Flutwelle wurde, nicht umhaut und wegreisst.»

Bevor sich Dani Fohrler in den Solothurner Wintertag verabschiedet, verspricht er mir, die Osman-Sendung noch einmal anzuschauen. In der Nacht schreibt er ein SMS: «Ein Stück Strassenszene, komprimiert in ein TV-Studio. Der Irrsinn. Ich hatte erwartet, dass mir die Sendung alt erscheinen würde. Aber diese Runde kam mir irgendwie zeitlos vor.»

Das Thema der Sendung, Jugend­gewalt, und die Differenzen zwischen den Kids vom Balkan und jenen aus dem Schweizer Mittelland – sie sind nie verschwunden.

Hier Patricia, 17, Gewaltgegnerin: «Wieso chasch du nöd agumentiere?»

Da Osman, 18, gewaltbereit: «Was argumentiere!?»

Dieser Graben verläuft bis heute quer durch das Land. Grosse Fragen gegen grosse Sprüche. Die Gästerunde mit Osman ist bis heute ein Abbild der Schweizer Pausenplätze – und Youtube spielt dabei die Rolle des ewigen Multiplikators. Die Sprüche aus der Sendung sind zu Bonmots geworden, auch wenn Bonmot vielleicht nicht das passendste Wort ist.

Als die Sendung und damit das Youtube-Video auf sein Ende zusteuert, hält irgendeiner dieser Backstreet-Boys-Karikaturen, die im Publikum sitzen, ein inoffizielles Schlusswort an die Adresse von Osman, Dani Fohrler und den Rest der Welt. Einen Satz, der immer passt. Bei Youtube und im Leben. Der Bub sagt: «Ich mein, jede cha mache waser will. Will jede staht dezue, waser macht.»

Hier endet dieses Video und ein anderes beginnt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.02.2015, 09:57 Uhr

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