Hintergrund

Das Glück wohnt in Lateinamerika

Einer Umfrage zufolge liegen von den zehn glücklichsten Ländern acht in Lateinamerika. Davon gehören drei zu den gewalttätigsten der Welt – ein demoskopisches Weihnachtswunder.

Frauen lachen über einen Clown an einer Bushaltestelle in San Salvador. Foto: Keystone

Frauen lachen über einen Clown an einer Bushaltestelle in San Salvador. Foto: Keystone Bild: Keystone

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Lateinamerika ist die Weltregion mit der höchsten Mordrate, und in vielen lateinamerikanischen Ländern sind Einkommen und Reichtum extrem ungerecht verteilt. Und doch hat eine Untersuchung des amerikanischen Instituts Gallup Erstaunliches ergeben. Knapp 150'000 Personen in 148 Ländern wurden telefonisch oder persönlich mit Fragen konfrontiert, die sie mit Ja oder Nein beantworten sollten. «Haben Sie sich gestern respektvoll behandelt gefühlt?» – «Haben Sie gestern viel gelächelt oder gelacht?» – «Fühlten Sie sich ausgeruht?» Das Ziel bestand darin, die Länder mit der glücklichsten und jene mit der unglücklichsten Bevölkerung zu ermitteln.

Von den zehn Spitzenreitern liegen nicht weniger als acht in Lateinamerika. Weltweit am glücklichsten sind laut Gallup die Menschen in Panama und Paraguay, wo 85 Prozent sämtliche Fragen bejahten. Es folgen El Salvador, Venezuela, Guatemala, Ecuador und Costa Rica. Die einzigen Staaten ausserhalb Lateinamerikas, die zu den glücklichsten zählen, sind Thailand und die Philippinen. Am griesgrämigsten ist die Bevölkerung Singapurs (46 Prozent Ja-Anteil), gefolgt von Armenien und dem Irak.

Die Glückseligkeit der Schweizerinnen und Schweizer wurde nicht erhoben, Deutschland und Frankreich landeten gemeinsam auf Rang 47. Wie ist das Ergebnis zu interpretieren? Offensichtlich zeigt sich einmal mehr, dass Klischees einen grösseren Wahrheitskern haben, als man gemeinhin annimmt. Etwa der abgedroschene Satz «Geld allein macht nicht glücklich»: Während das fröhliche Panama bezüglich Bruttoinlandprodukt pro Kopf weltweit lediglich den 90. Rang belegt, liegt das traurige Singapur auf Platz fünf.

Sonne wärmt das Herz

Verblüffend ist auch, dass mit Guatemala, El Salvador und Venezuela drei der gewalttätigsten Länder überhaupt zu den glücklichsten gehören. Was einem weiteren Gemeinplatz entspricht: jenem von den herzlichen, offenen, lebensfreudigen Latinos. Wer je ein lateinamerikanisches Land bereist hat, wird zugeben, dass er weitgehend stimmt und dass Faktoren wie mildes Klima und helles Licht eine erstaunliche Wirkung auf die Gemütsverfassung haben. Daneben gibt es politische und ökonomische Entwicklungen, die den Optimismus der Lateinamerikaner erklären können: Wurden noch vor wenigen Jahrzehnten die meisten Länder diktatorisch regiert, hat sich heute die Demokratie mit Ausnahme von Kuba in der ganzen Region durchgesetzt. Und die Armut ist zwar nach wie vor hoch, aber beständig am Sinken. Allein in Brasilien sind in den letzten zehn Jahren 40 Millionen Menschen von der Unter- in die Mittelschicht aufgestiegen.

Der Ökonom und einstige Direktor der Interamerikanischen Entwicklungsbank, Eduardo Lora, hat eine andere Erklärung: «Hinter dem Resultat der Umfrage steckt ein kultureller Verzerrungseffekt. Latinos neigen dazu, positive Emotionen zu zeigen und negative zu verdrängen.» Darauf antwortet der Gallup-Mitarbeiter Jon Clifton: Genau diese Neigung sei es, welche die Latinos glücklich mache. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.12.2012, 12:02 Uhr

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