Das Tier im Todestrakt

Kampfhund Chico hat seine Besitzer totgebissen, die ihn misshandelten. Sollte er nun eingeschläfert oder verwahrt werden?

Im Todestrakt: Staffordshire-Mischling Chico.

Im Todestrakt: Staffordshire-Mischling Chico. Bild: Hauke-Christian Dittrich/Keystone

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Todesstrafe oder lebenslänglich? Bei der Frage geht es nicht um einen US-Mörder. Sondern um einen Kampfhund in Deutschland, der zwei Menschen auf dem Gewissen hat. Eigentlich sollte der Staffordshire-Terrier namens Chico eingeschläfert werden, weil er seine Besitzerin sowie deren Sohn tötete. Doch Tierschützer protestierten dagegen und sammelten fast 250'000 Unterschriften. «Bitte lasst Chico leben! Er hatte nie ein gutes Hundeleben!» heisst es in dem Internetaufruf. Tatsächlich prüft jetzt die Stadt Hannover, Chico in einer speziell gesicherten «Einrichtung für auffällig gewordene Tiere» unterzubringen.

In Deutschland wird nun über einen Hundeschein debattiert und Hundeexperten streiten wieder einmal über das Wesen von Kampfhunden. Schlummert in jedem von ihnen ein Killer? Der Fall wirft aber auch eine philosophische Frage auf: Welche Rechte haben Tiere?

Das Deutsche (und das Schweizerische) Gesetz besagt, dass Tiere nicht unnötig getötet werden dürfen. Doch was ist mit einem Hund, der Menschen getötet hat? Tierschützer argumentieren, dass Chico «unschuldig» sei. Er habe nur zugebissen, weil er nicht artgerecht gehalten wurde. Der Hund soll in einem Stahlzwinger in der Wohnung gelebt haben, Auslauf gab es meistens nur auf dem Balkon, wo er auch oft sein Geschäft verrichtet habe. Tatsächlich ist der Vierbeiner den Behörden bereits 2011 aufgefallen. Nach einem Hinweis eines Amtsgerichts hätte das Tier damals begutachtet werden müssen, was aber unterblieben sei. Zum Versagen der Besitzer kommt also auch jenes der Behörden. Für Chicos Unterstützer steht deshalb fest: Der Mensch war unzulänglich, nicht das Tier – welches vermeintlich zutiefst menschlich gehandelt hat: Es rächte sich.

Heute bestreitet kaum jemand mehr, dass Tiere Empfindungen haben. Doch zu Rache und moralischem Verhalten sind sie nicht fähig, genauso wenig wie zur Sühne. Eine «Verwahrung», wie sie nun gefordert wird, ist deshalb so absurd wie die mittelalterlichen Gerichtsprozesse gegen Tiere. Vor allem wäre sie sinnlos und würde bloss eine weitere artungerechte Haltung bedeuten. Auch wenn es traurig ist: Chico sollte eingeschläfert werden. Nicht weil er «schuldig» ist, sondern weil er eine öffentliche Gefahr darstellt.

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Sollte Kampfhund Chico eingeschläfert werden?




Umso irritierender ist es, dass so viele Menschen die Petition unterschrieben haben. Der Fall erinnert an eine ähnliche Aktion, die sich vor ein paar Monaten in den USA ereignete. Die Tötung eines Gorillas im Zoo in Cincinnati hat im Internet Hunderttausende Tierliebhaber mobilisiert. Zoo-Mitarbeiter hatten den Affen erschossen, als ein kleiner Junge in seine Anlage fiel.

Die kollektive Empörung, die die beiden Fälle auslösten, passt zu einer Studie der amerikanischen Regents-Universität, bei der Teilnehmer vor die hypothetische Wahl gestellt wurden, ihr Haustier oder einen ausländischen Touristen zu retten. 40 Prozent wählten das Haustier. Eine solche Tierliebe ist grotesk und auch heuchlerisch. Die Haustierbesitzer sorgen sich um das Schicksal eines einzelnen Tieres, obwohl die meisten von ihnen Fleisch essen und wissen, dass die Art, wie Nutztiere gezüchtet und geschlachtet werden, ethisch hochproblematisch ist.

Gewiss, es gibt auch konsequente Tierschützer. Sie fordern, dass Tiere als gleichwertige Mitgeschöpfe anerkannt werden, weil ihnen als empfindungsfähige Lebewesen moralische Rechte zukommen. Niemand dürfte sie dann einsperren, essen oder töten. Doch für welche Tierarten würden diese Rechte gelten?

Einfache Antworten gibt es in der Tierethik keine. Was ein Anfang wäre: Das Eigene von Tieren wertzuschätzen und nicht das Menschliche an ihnen. Das gilt insbesondere für Hunde. Auch wenn man nur das Beste für seinen Vierbeiner will: Vegane Ernährung ist nicht gesund für ihn. Und klar, Beagles sehen herzig aus – aber sie brauchen als Jagdhunde auch viel Auslauf. Vielen Haltern ist das nicht bewusst, weswegen die Tiere regelrecht verfetten. Genau diese verquere menschliche Sicht auf Hunde hat letztlich die Besitzer von Chico das Leben gekostet: Der kräftige Hund wurde angeschafft, nachdem die Besitzerin überfallen worden war. Chico sollte – welch grässliche Ironie – für Sicherheit sorgen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2018, 14:29 Uhr

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