«Das amerikanische System hat Krebs»

Politjournalist George Packer zeichnet ein düsteres Bild der USA. Ein paar 20-jährige Milliardäre mit Handys genügten nicht, um die Demokratie am Leben zu erhalten.

«Kein US-Präsident vermag mehr Lösungen zu finden», sagt George Packer. Foto: Martin Lengemann (Laif)

«Kein US-Präsident vermag mehr Lösungen zu finden», sagt George Packer. Foto: Martin Lengemann (Laif)

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Welches ist Ihr liebster ­amerikanischer Feiertag?
(Lacht) Thanksgiving. Weil es da nur ums Essen, die Familie und die traditionellen Footballspiele geht – und nichts Religiöses damit verbunden ist.

So lautet die Antwort der meisten Amerikaner. Wie steht es mit dem 4. Juli, dem Nationalfeiertag?
Den mag ich auch. Es gibt Barbecue mit Freunden. Interessanterweise ist der 4. Juli kein übertrieben nationalistischer Feiertag. Dabei lässt man in den USA sonst keine Gelegenheit aus, um sich der eigenen Grossartigkeit zu versichern. Vielleicht liegt es an der Sommerhitze, dass an diesem Tag jeder mit einem kühlen Bier in der Hand Amerikaner ist.

In Ihrem neuen Buch «Die ­Abwicklung» zeichnen Sie die US-Geschichte der letzten 30 Jahre nach. Was ist das besonders Amerikanische an diesen Menschen?
Man sagt oft, die amerikanische Identität basiere auf der sogenannten Zivil­religion. Das ist der Glaube an die Gültigkeit der Unabhängigkeitserklärung, der Freiheitsurkunde und der Verfassung und an die darin verbrieften Werte: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Alle haben das Recht auf ein freies ­Leben und das Streben nach Glück und so weiter. Diese Prinzipien haben es Amerika erlaubt, Menschen aus der ganzen Welt in sich aufzunehmen und zu Amerikanern zu machen. Das ist die Theorie.

Und die Praxis?
Die meisten Amerikaner sind sich dieser Prinzipien heute kaum mehr bewusst. Was jemanden zum Amerikaner macht, ist eine bestimmte Einstellung: Ich schaffe das allein. Ich will reich werden und nach meinen eigenen Regeln leben. Ich kann mich jederzeit neu erfinden. Es ist eine aggressive, individualistische und materialistische Haltung. Amerikaner werden vom ständigen Hunger nach mehr getrieben. In meinem Buch ist das beste Beispiel dafür Dean Price …

Ein Kleinunternehmer aus North Carolina, der sich in den Kopf ­gesetzt hat, mit Biodiesel sein Glück zu machen.
Dean hat wiederholt alles verloren und sich immer wieder aufgerappelt, weil er von der Idee überzeugt ist, dass im Biodiesel die Zukunft liegt. Er verkörpert die amerikanische Wesensart in idealer Weise. Allerdings wird dieser Typ langsam zur Ausnahme. Viele Amerikaner glauben heute, dass sich die Anstrengung nicht mehr lohnt, dass sie von Anfang an verloren haben. Es sei denn, sie finden eine Abkürzung oder einen Weg, sich ans Ziel zu mogeln. Einer aktuellen Umfrage zufolge glauben 80 Prozent der Amerikaner nicht mehr daran, dass sie es besser haben werden als ihre Eltern. Noch in der Generation vor uns war das Verhältnis genau umgekehrt. Wir machen eine Periode des kollektiven Pessimismus durch.

Dieser Pessimismus ist eine Folge der «Abwicklung», die Sie ­beschreiben. Dazu gehört der Zerfall der Institutionen – von Schulen bis zur Regierung – und die Auflösung der gesellschaftlichen Netzwerke.
Familiäre Bindungen, nachbar­schaft­liche Beziehungen, die Beziehung zwischen Bevölkerung und Staat – sie alle werden von «sozialen Netzwerken» wie Facebook nach und nach ersetzt.

Sie schreiben auch, dass solche Auflösungserscheinungen ­wiederkehrende Phänomene sind. Warum also der Alarmismus?
Ich gebe zu, dass Ereignisse wie der amerikanische Bürgerkrieg oder die Wirtschaftskrise der 30er-Jahre Katastrophen waren, die wir uns nicht mehr vorstellen können. Aber das waren Herzinfarkte, von denen sich die USA innerhalb einiger Jahre erholte. Jetzt haben wir ein System mit Krebs. Washington ist handlungs­unfähig. Die amerikanische Wirtschaft kriecht vor sich hin, die Löhne stagnieren. Die einst stärkste, lebendigste und innovativste Demokratie der Welt ist zum Langzeitpatienten geworden.

Sie sagen, «das organisierte Geld» wirke zersetzend. Die Verheissung des Geldes gehört aber zu den USA wie Hotdogs und Mickymaus. Was ist daran schlecht?
Das organisierte Geld weiss, wie man die Politik kontrolliert. Die amerikanische Privatwirtschaft war nicht immer am Staat interessiert. Sie hielt sich von der Regierung fern und erwartete, dass die Regierung sich von ihr fernhielt. Das änderte sich in den 70er-Jahren. Der Staat war zu gross geworden, der Wirtschaft ging es schlecht. Deshalb begannen die Firmen, Vertreter nach Washington zu schicken, die in ihrem Interesse nach dem Rechten sehen sollten.

Die Lobbyisten sind keine Erfindung der 70er-Jahre.
Nein. Aber seit den 70er-Jahren ist die Zahl der Lobbys und der politischen Aktions­komitees rasant angestiegen. Heute treffen Sie in Washington mehr Lobbyisten als Politiker. Der Geldfluss schwillt Jahr für Jahr weiter an, inzwischen sind die Politiker davon abhängig. Ein Kongressabgeordneter sagte mir kürzlich, er verbringe über die Hälfte seiner Zeit damit, Geld aufzutreiben.

Wofür?
Um wiedergewählt zu werden. Hinter diesem Geld steckt nicht mehr der amerikanische Traum, in dem Tellerwäscher zu Millionären werden. Hier handelt es sich um politische Manipulation: «Wie kann ich die Gesetze ändern, damit ich davon profitiere?»

Korruption gibt es auch in Stammesgemein­schaften.
Das stimmt. In gewisser Weise ist Washing­ton sogar weniger korrupt als früher. Aber das liegt in erster Linie daran, dass heute legal ist, was früher als Korruption galt. Dafür hat unter anderem das amerikanische Bundesgericht gesorgt, als es 2010 politische Spenden als eine Form der Redefreiheit interpretierte, die deshalb nicht eingeschränkt werden könnten. Private Interessengruppen dürfen also ganz legal Millionen ausgeben, um die Durchsetzung strengerer Umweltgesetze oder die ­Einführung eines staatlich festgelegten Mindest­lohns zu verhindern.

Weshalb beklagen Sie sich dann darüber, dass die Amerikaner ­ihrer Regierung misstrauen?
Demokratische Regierungen sind leicht zu sabotieren. Wenn immer wieder gesagt wird, dass der Staat nicht funktioniert, funktioniert der Staat irgendwann nicht mehr. Die Republikanische Partei von heute hat keine Ähnlichkeit mehr mit jener der 60er- und 70er-Jahre. Sie ist so weit nach rechts gerutscht, dass sie praktisch von der Erdoberfläche ge­fallen ist. Die Demokraten sind ihr zur Mitte hin nachgerückt, weshalb die gesamte amerikanische Politik heute so konservativ ist wie selten zuvor.

Dann ist also alles eine konservative Verschwörung?
Es ist keine Verschwörung. Aber ich darf daran erinnern, dass es die Republikaner waren, die im letzten Herbst wegen einer Formalität in der Budgetdebatte den gesamten Regierungsapparat zwei Wochen lang lahmlegten. In keinem anderen zivilisierten Land würde es eine Partei mit Regierungsanspruch so weit kommen lassen. Die Republikaner singen ständig den Refrain des zu grossen und handlungsunfähigen Staates – dass dem so ist, haben sie mit ihrer perfiden Aktion bewiesen. Was die Republikaner uns als Freiheit verkaufen, ist ein Sozialdarwinismus der schlimmsten Sorte, bei dem die Mehrheit der Menschen auf der Strecke bleibt.

Washington ist nicht das einzige Machtzentrum in den USA. Silicon Valley scheint es glänzend zu gehen. Internetpionier Peter Thiel erklärt es damit, dass die IT-Industrie ­anders als Wallstreet kaum reguliert ist. Wie halten Sie dagegen?
Peter Thiel liefert mir die Gegenargumente mit seiner eigenen Kritik am Silicon Valley: Ein paar 20-jährige Milliardäre mit Handys genügen nicht, um eine Demokratie am Leben zu erhalten. Vor kurzem traf ich einen Risiko­kapitalgeber, der ganz klar sagte, Silicon Valley habe mehr Jobs zum Verschwinden gebracht als geschaffen. Die Zahl der Gewinner ist minim verglichen mit der Zahl jener, die sich in diesem Land nicht einmal einen Computer leisten können.

Was halten Sie von der Wohltätigkeit eines Bill Gates und anderer Helden von Silicon Valley?
Die Philanthropie kann nicht einspringen, wo das System versagt. Es braucht einen soliden Staat. Es braucht funktionierende Institutionen, die Hunderttausenden von Menschen dienen, nicht nur einigen wenigen. Es braucht Strassen und Fabriken oder Datencenter – was auch immer die postindustrielle Version von Fabriken ist. Es braucht Schulen, sodass jeder eine Chance hat, sich für eine Stelle in Silicon Valley zu qualifizieren. Nichts davon haben wir. Und was wir ­haben, zerfällt immer mehr.

Hat Barack Obama als Präsident versagt?
Obama hat viele enttäuscht, mich eingeschlossen. Zum Teil liegt das an ihm: Er verfügte nicht über die Erfahrung und das Rückgrat, um mit der Sauerei in Washing­ton fertig zu werden. Das eigentliche Problem aber ist Washington selber. Dort kann heute kein Präsident mehr Lösun­gen finden. Es ist sehr schwierig ­geworden, dieses Land zu regieren.

Haben Sie denn eine Lösung?
Nein. Ich kann Diagnosen stellen, aber keine Rezepte verteilen. Vom Schrift­steller E. M. Forster stammt ein Essay mit dem Titel «Pessimismus in der Literatur, Optimismus im Leben». Ich halte es umgekehrt: Was die Gegenwart und die Zukunft der USA angeht, bin ich pessimistisch. Privat bin ich ein krampfhafter Optimist. Ich habe Kinder, ich muss daran glauben, dass sie ein gutes Leben haben werden. In dieser Hinsicht bin ich ein Amerikaner der alten Schule.

George Packer: Die Abwicklung. Eine ­innere Geschichte des neuen Amerika. Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2014. 510 S., ca. 39 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2014, 09:04 Uhr

George Packer

Eine profilierte Stimme

Der 54-jährige Kalifornier ist Redaktor des Magazins «The New Yorker» und einer der profiliertesten politischen Journalisten der USA. Für «Die Abwicklung» (Besprechung im TA vom 27. August) wurde er 2013 mit dem National Book Award ausgezeichnet. (TA)

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