Der Anti-Monsanto

Jürg Hädrich betreibt eine Sämerei. Statt auf Gentech setzt er auf Handwerk – und bedient auch umweltbewusste «Städterinnen in High Heels».

«Oh verreckt, der ist aber gewachsen»: Jürg Hädrich in seiner Sämerei.

«Oh verreckt, der ist aber gewachsen»: Jürg Hädrich in seiner Sämerei. Bild: Adrian Moser

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«Oh verreckt nochmals, der ist aber gewachsen», sagt Jürg Hädrich mit dem Stolz eines Vaters. Er begutachtet gerade eine relativ unspektakuläre Pflanze, einen Meerkohl, um genau zu sein. Dann zwickt er einen Zweig ab und steckt ihn in den Mund. «Kosten Sie auch!», sagt er und wartet gespannt auf die Reaktion.

Der besagte Meerkohl steht auf dem Areal der Bio Schwand AG in Münsingen. Dort befindet sich Hädrichs Firma, die Artha Samen. Die Sämerei produziert auf der Fläche von einer Hektare nach den strengen Demeter-Richtlinien. Das Sortiment umfasst insgesamt rund 1000 Posten, darunter alleine 90 verschiedene Tomatensorten. «Mit den Tomaten macht man ein gutes Geschäft», sagt er. Hädrich produziert aber nicht nur Samen, mit denen sich eine vielversprechende Rendite erzielen lässt. So bietet er etwa Wildbienenmischungen für verschiedene Vegetationszonen an, die optimal auf die Bedürfnisse der kleinen Nützlinge zugeschnitten sind.

Kulturgut erhalten

Ein Schwerpunkt liegt bei Gemüsesorten, die auf dem herkömmlichen Saatgut-Markt nicht mehr angeboten werden. «Das ist ein Spleen von mir», sagt er. Schon vor vierzig Jahren – lange vor der Gründung seines Unternehmens – hat er damit begonnen. Damals arbeitete der gelernte Gärtner als Heilpädagoge im Humanushaus in Rubigen. «Immer wenn eine Sorte aus dem Markt verschwand, habe ich diese selber nachgezogen.» Dabei handle es sich um den Erhalt von Kulturgut, nicht von Natur, wie häufig angenommen. «Auch die alten Gemüsesorten sind menschengemachte Züchtungen – mit wilder Natur hat das nichts zu tun.»

Rund die Hälfte des Sortiments besteht aber aus Wildpflanzen. Die Samenträger für die Zucht beschafft sich Hädrich teils aus der freien Natur. Er zeigt auf ein Beet mit dunklen Akeleien. «Die habe ich hier in der Au gefunden», sagt er, «aber eigentlich sollte man niemanden sagen, wo diese schönen Blumen wachsen.» Hädrich legt Wert darauf, dass er sich nur bei Pflanzen bedient, die in ausreichender Menge vorhanden sind. «Ich will schliesslich nicht die Natur berauben.»

Unnütze Vogelscheuchen

Auf dem sauber herausgeputzten und etwas biederen Areal der Bio Schwand AG wirkt Hädrichs Reich wie ein kleines Biotop. Zwischen den wild um sich spriessenden Pflanzen stehen mehrere bunte Vogelscheuchen. «Das sind Kunstwerke seiner Partnerin», sagt ein Mitarbeiter. Die Vögel liessen sich damit aber nicht verscheuchen. Auch eine alte Ausgabe des «Bund» liegt herum und ist noch immer nützlich – sie sorgt dafür, dass der Znüni-Tisch im grossen Gewächshaus nicht wackelt.

Ein anderes Bild präsentiert sich im geschäftseigenen Verkaufsladen. Die kunstvoll gestalteten Samenbriefchen sind fein säuberlich sortiert. Eine Frau ist gerade dabei, die Leerposten aufzufüllen. Bei den Käufern handle es sich hauptsächlich um Hobby-Gärtner. Nicht selten kämen «Städterinnen in High Heels» auf der Suche nach ökologisch einwandfreiem Samen nach Münsingen. Landwirte beliefert er selten. Diese bezögen ihre Samen mehrheitlich bei einzelnen Grossfirmen. «Der weltweite Saatgutmarkt ist in der Hand von wenigen Konzernen», sagt Hädrich.

Hädrich, der Profiteur

Hädrich profitiert vom zunehmend schlechten Image der multinationalen Agro-Konzerne wie Monsanto. Sein Geschäft wächst stetig. Vor zehn Jahren hat er die Sämerei in Münsingen gegründet. Mittlerweile beschäftigt er zehn Angestellte. Dieser Zuwachs ist aber nicht nur auf die gestiegene Nachfrage nach biologischem Saatgut zurückzuführen. Seit sechs Jahren werden seine Bestrebungen, alte Sorten vor dem Aussterben zu schützen, vom Bund finanziell unterstützt. Rund 30 Prozent seiner Einnahmen generiert er aus einem entsprechenden Leistungsvertrag mit dem Bundesamt für Landwirtschaft. Die restlichen 70 Prozent erwirtschaftet er mit dem Verkauf von Saatgut und Setzlingen selber.

Trotz des Erfolges: Die Produktion erfolgt nach wie vor fast ausschliesslich in Handarbeit. Die einzigen Maschinen, die Hädrich benützt, sind ein Rasenmäher und ein Drescher. Die Endreinigung des Saatgutes von anderen Pflanzenresten geschieht mit einer Schwenkschale. Hädrich macht es vor. Er wirft eine Handvoll ungereinigtes Saatgut in die Schale, trennt durch eingeübtes Schwenken die Samen von den Pflanzenresten und bläst Letztere weg. Da gibt es effizientere Methoden, denkt sich der Betrachter. «Das ist eine jahrhundertealte Technik», sagt Hädrich, und schüttet die gesäuberten Samen zurück in die Dose. (Der Bund)

Erstellt: 08.06.2015, 14:16 Uhr

In der Schweiz droht kein Saatgut-Monopol

Der weltweite Saatgut-Markt ist in der Hand von wenigen multinationalen Agro-Konzernen. 2012 teilten fünf Unternehmen 84 Prozent Marktanteil unter sich auf. Vorne dabei sind der US-amerikanische Konzern Monsanto und der Schweizer Konzern Syngenta. Das Thema weckt Emotionen. Im Rahmen des «March against Monsanto» demonstrierten auch in der Schweiz mehrere Tausend Personen gegen den Saatgut-Konzern. Monsanto würde mit ihren patentierten Hybriden und der generellen Geschäftspolitik die Bauern in Entwicklungsländern ausbeuten, lautet der häufigste Vorwurf. Auch die Aktivitäten des Konzerns in der Gentechnologie stossen vielerorts auf Unbehagen. Nun will Monsanto mit Syngenta fusionieren – und erhielte dadurch noch eine grössere Marktmacht.

Die Saatgut-Situation in der Schweiz würde diese Fusion aber kaum betreffen. Monsanto und Co. spielen auf dem hiesigen Saatgut-Markt nur eine kleine Rolle. «Es gibt eine Handvoll Schweizer Genossenschaften, die einen grossen Teil des hiesigen Saatgutbedarfs decken», sagt Hans Jörg Rüegsegger, Präsident des Berner Bauernverbandes (ehemals Lobag) und SVP-Grossrat. Die ausländischen Grosskonzerne hätten bloss beim Mais einen gewissen Marktanteil.

Viele Bauern besorgen ihr Saatgut bei der Landi. Die Fenaco, welche den Landis gehört, bestätigt Rüegseggers Darstellung. «Wir verkaufen hauptsächlich Saatgut, das in der Schweiz hergestellt wird», heisst es auf Anfrage. Vor allem bei Brot­getreiden (Weizen) und Futtergetreiden (Gerste) sei der Anteil von Schweizer Sorten und inländischer Produktion sehr hoch. Bei anderen Sorten, wie etwa Mais, greife man mangels inländischer Verfügbarkeit aber auch auf ausländische Lieferanten wie KWS, Pioneer und Syngenta zurück. Monsanto sei in erster Linie bei gentechnisch verändertem Saatgut Marktführer. «Das ist bei uns aber kein Thema.»

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