«Der Grill als letzter Hort geballter Männlichkeit hat ausgedient»

Johanna Suter ist Chefin des Grillherstellers Weber. Wir haben sie gefragt, wieso kaum Frauen am Grill zu sehen sind.

Auch beim Grillieren gilt: Die einzige Konstante ist die stete Veränderung.

Auch beim Grillieren gilt: Die einzige Konstante ist die stete Veränderung. Bild: Instagram

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Ich komme mir etwas seltsam vor, diese Frage im Jahr 2017 zu stellen, aber es ist doch so: Es sind kaum grillierende Frauen zu sehen. Wieso ist das so?
Selbst wenn das Bild im öffentlichen Raum noch etwas anderes suggerieren mag: Der Trend zu mehr weiblichen Grilleuren ist eindeutig und zunehmend. In unseren Grill-Akademien beobachten wir, dass sich immer mehr Frauen für Grillkurse anmelden.

Wenn Sie einen Mann hören, der sagt: Frauen gehören nicht an den Grill – was sagen Sie ihm?
Dass er von gestern ist. Im Ernst: Frauen gehören genauso an den Grill wie Männer in die Küche – von der zweiten Sorte findet man ja erfreulicherweise auch immer mehr. Sicher spielen kulturelle, gesellschaftliche, psychologische, aber auch technische und kulinarische Aspekte eine Rolle. Und früher grillierte der Mann eine Wurst oder ein Steak. Das wars dann auch schon. Mit modernen Grills stieg jedoch in den letzten Jahren neben der Bedienfreundlichkeit vor allem auch die Vielfalt gewaltig. Alles, was in der Küche machbar ist, geht auch auf dem Grill. Das gilt selbstverständlich auch für den – tendenziell eher weiblichen – Anspruch, sich gesund zu ernähren.

Meine persönliche Theorie: Wenn es etwas Tolles zu vergeben gibt, wie ein saftiges Stück Fleisch, wollen Männer den Ruhm einstecken. Einverstanden?
Das können Sie so sehen. Aber mir scheint, es sei an der Zeit, solche Schemata zu überwinden. Heute geht es nicht mehr darum, seine «Grilltrophäe» zu präsentieren, sondern vielmehr darum, anderen eine Freude zu bereiten und den gemeinsamen Moment zu geniessen.

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Kulturhistoriker sagen, dass im Grillieren der Wechsel vom Nomadentum zum häuslichen Lebensstil mitschwingt: Frauen übernahmen damals häusliche Aufgaben, Männer jene draussen.
Die Entwicklung der Menschheit zeigt doch: Die einzige Konstante ist die stete Veränderung. Auch Traditionen wandeln sich. Und wir entwickeln uns mit ihnen weiter. Sonst würden wir noch heute in Höhlen hausen. Frauen am Grill sind daher sehr zu begrüssen.

Die Gleichberechtigung schreitet voran. Vielleicht ist der Grill für viele Männer ein letzter Hort von Männlichkeit?
Die Zeiten, in denen die Männer den Grill als letzten Hort geballter Männlichkeit sahen, haben meiner Meinung nach ausgedient. Vielmehr freuen sie sich, wenn sich auch Frauen zu ihnen an den Grill gesellen. Schliesslich reden wir hier nicht von wild gewordenen Amazonen, die den Männern ihre letzte Domäne streitig machen.

«Vielleicht brauchen wir Frauen einfach dieses Brusttrommeln etwas weniger als die Männer.»

Grillieren Frauen – technisch gesehen – anders als Männer?
Nein. Die Technik beim Grillieren hängt nicht davon ab, ob eine Frau oder ein Mann am Grill steht. Es ist wie bei vielem: Übung macht den Meister. Grill-Neulinge sind vielleicht etwas unsicherer und schauen öfter nach ihrem Grillgut als Profis. Doch das betrifft Frauen und Männer gleichermassen.

Sind Frauen gar die besseren Grilleure als Männer? Immerhin haben sie im Schnitt mehr Kocherfahrung und sind somit effizienter und multitaskfähiger, was am Grill ja zentral ist.
Kocherfahrung hilft beim Grillieren auf jeden Fall. Wichtig sind: gute Produkte, gute Vorbereitung und ein Gefühl fürs Timing.

Wieso bestehen Wettkampf-Grillteams mit Namen wie «Aporkalypse» praktisch ausschliesslich aus Männern?
Auch bei Grill-Wettkämpfen wächst die Zahl der weiblichen Grillmeister stetig. Aber vielleicht brauchen wir Frauen einfach diese öffentliche Anerkennung und das Brusttrommeln etwas weniger als die Männer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2017, 16:39 Uhr

Johanna Suter (42) ist Geschäftsführerin von Weber-Stephen Schweiz.

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