Der Ökonom, der lieber Schuhe putzt

Er hatte genug von Zahlen und Bilanzen. Also hängte Claudio seine Karriere an den Nagel, um Schuhputzer zu werden.

«Als Schuhputzer bin ich Seelsorger, Unterhalter, Coach»: Claudio Bühlmann (45) bringt Leder zum Glänzen. Foto: Christian Hartmann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Veränderung bedeutet Ungewissheit. Deshalb verharrt der Mensch gerne dort, wo er sich befindet. Und verlässt diese Situation nur, wenn er wirklich muss – oder wenn die Sehnsucht nach etwas anderem so mächtig geworden ist, dass sie kaum noch zu besänftigen ist. In dieser Serie erzählen fünf Menschen, wie sie den Mut aufbrachten, neue Wege zu gehen – und wie sie dabei ihr Glück fanden.

Teil 1: Der Schuhputzer

Weshalb wird man Schuhputzer in einem der reichsten Länder der Welt? Weil man irgendwann, nach Jahrzehnten im Büro, das Gefühl hat, das Leben habe mehr zu bieten als Zahlen und Sitzungen. Schuhputzer wurde ich, weil ich es wollte, ich wurde es nicht aus wirtschaftlicher Not. Schuhputzen ist Passion, Leidenschaft, Berufung, Glück.

Zuvor war ich Betriebswirt – klar, die Kasse klingelte damals heller. Doch der Klang der Kasse allein macht nicht froh. Letzthin meinte ein Kunde, der auf meinem Schuhputzerstuhl sass und lebhaft plauderte, meine Mutter habe mir die Kunst des Schuhputzens wohl in die Wiege gelegt. Im Gegenteil, als ich jung war, trug man Turnschuhe, je dreckiger, desto cooler.

Trotzdem schliesse ich nicht aus, dass meine Herkunft mit ein Grund ist dafür, dass ich auf den Schuh kam. Papa war Zugführer bei den Schweizerischen Bundesbahnen und entsprechend gewissenhaft, Mama stammt aus Italien, San Benedetto del Tronto, zwischen Ancona und Pescara gelegen, direkt an der Adria. Jeden Sommer fuhren wir dorthin, in dieses Land, wo alles ein bisschen fröhlicher und freier ist, wohl auch eleganter und modischer – die besten Tage meiner Kindheit verbrachte ich in der Nähe von Manufakturen, die wunderbare Schuhe herstellen.

Vielleicht, wer weiss, keimte dort, in der Region Marche, jene Begeisterung für schönes Schuhwerk, die mich heute umtreibt.

Ich war kein besonders guter Schüler. Es gab Lehrer, die hielten mir vor, was ich nicht begriff, was ich nie werden würde. Ich wurde Kaufmann, arbeitete nach der Rekrutenschule in verschiedenen Gemeindeverwaltungen, war dann sieben Jahre lang Sachbearbeiter im Strafvollzug. Dort erst fiel mir auf, wie gut es mir tat und tut, jemandem einen Dienst zu erweisen. Jemandem nützlich zu sein. Ich bin ein Dienstleister durch und durch. Jemandem zu dienen, hat nichts Unterwürfiges an sich, nichts Schäbiges.

«Ich sah Leder neues Leben annehmen. Und merkte, dass ich zufriedener war denn je.»

Noch heute, längst als selbständiger Schuhputzer unterwegs, erinnere ich mich an die Dankbarkeit von Insassen, denen ich Mut gemacht hatte, ihre Zeit im Gefängnis zu nutzen und sich weiterzubilden. Wenn ich, neben dem Schuhputzen, etwas gut kann, dann ist es das Zuhören. Als Schuhputzer bin ich Seelsorger, Unterhalter, Coach. Das hat vielleicht damit zu tun, dass sich der Kunde, auf meinem Stuhl sitzend – rotes Leder –, entspannt, dass er, während ich zu seinen Füssen sitze, abwirft, was ihn beschwert.

Doch niemand, bei meiner Schuhputzerehre, erfährt je ein Wort, was ein Kunde mir erzählt.

«Hätten in unserem Land mehr Menschen den Mut, ihre Berufung zu leben, lebten hier weniger Frustrierte»: Claudio Bühlmann. Foto: Christian Hartmann

Noch während der Tätigkeit im Strafvollzug studierte ich Betriebswirtschaft, berufsbegleitend, wechselte dann zum Verband Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungsunternehmen, war dort Prüfungsleiter Schweiz, suchte mehr Verantwortung, wechselte zu Insos, dem nationalen Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung, war dort fünf Jahre lang Leiter Zentrale Dienste Finanzen. Ich kann nicht sagen, dass ich, umgeben von Zahlen und Bilanzen, unglücklich war.

Und doch – mir fehlte etwas. Ich besass damals, 2012, ein Paar Schuhe, die ich einst in Italien für 400 Euro gekauft hatte, rotbraun und stolz, nun kraftlos und stumpf, das Leder trocken. Dieser Schuh war mir zu lieb, um ihn, was heute leider üblich ist, in den Müll zu schmeissen. Also sah ich mich in Supermärkten nach geeigneten Mitteln um, wich schliesslich ins Internet aus und merkte bald, dass bestes Leder die beste Therapie verdient, also eine Creme aus Palmenoder Bienenwachs, aufgetragen und verteilt mit handgefertigten Bürsten aus Ross- oder Ziegenhaar. Schliesslich, nach Stunden des Tüftelns und Polierens, standen meine Schuhe in neuer Pracht vor mir.

«Wer Schuhe putzt, lernt Menschen kennen. Er lernt, ihre Worte, ihre Gesten, ihr Verhalten zu deuten.»

Das fiel nicht nur mir auf – bald war ich Schuhputzer der Familie, bald der meiner Freunde. Abends, nach der Arbeit im Büro, sass ich im Keller und putzte Schuhe, Paar nach Paar nach Paar. Und sah glänzen, was matt gewesen war. Sah Leder neues Leben annehmen. Und merkte, dass ich zufriedener war denn je.

Sollte ich es wagen? Was verliere ich? Was gewinne ich?

Ende 2015, gleichsam als Vorlauf, begann ich, den Kunden meines Coiffeurs die Schuhe zu putzen, sie sassen auf dem Stuhl, warteten auf den neuen Haarschnitt, ich vor ihnen, ihre Schuhe unter meinen Händen – ich war glücklich.

Seit dem 1. April 2016 bin ich selbständiger Schuhputzer – mit allen Vor- und Nachteilen. Ja, es braucht Mut. Und Gelegenheit. Hätten in unserem Land mehr Menschen den Mut, ihre Berufung zu leben, lebten hier weniger Frustrierte.

Wer Schuhe putzt, lernt Menschen kennen. Er lernt, ihre Worte, ihre Gesten, ihr Verhalten zu deuten. Und es zu übertragen auf das eigene Tun. Es macht keinen Sinn, die Schuhe eines Kunden, der nicht auffallen möchte, auf Hochglanz zu polieren, eher halte ich sie in einem dezenten, seidenen Ton. Umgekehrt bringe ich die Schuhe eines Menschen, der bezaubern will, zu strahlendem Glanz. So oder so: Das Schuhputzen ist mir eine Ehre – der beste Beruf für mich. (Schweizer Familie)

Erstellt: 14.05.2018, 20:13 Uhr

Artikel zum Thema

Jedes zweite Kind trägt zu kleine Schuhe

Wo eine 28 draufsteht, ist nur eine 26 drin: Kinderschuhe sind oft viel kleiner als angegeben. Das hat einen bestimmten Grund. Mehr...

Best of: Nein, ich ziehe meine Schuhe nicht aus!

Von Kopf bis Fuss Unsere Autorin bekommt bei einer Einladung abgetragene Finken gereicht. Anständig ist das nicht. Zum Blog

Kommentare

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Die Welt in Bildern

Alle Bienen bitte hier entlang: In blumiger Tracht laufen Teilnehmer eines Umzuges anlässlich des Pfingsttreffens der Siebenbürger Sachsen durch das deutsche Dinkelsbühl. (20. Mai 2018)
(Bild: DPA/Timm Schamberger) Mehr...