Der Sommer, der nie wurde, was er sein sollte

Blues anstatt Bikini und Badehose: Warum man dem schrecklichen Sommer 2014 seine Sünden nicht verzeihen kann.

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Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz liegt bei knapp 83 Jahren. Das macht 82 Sommer für einen Menschen, der in diesen Zeiten lebt, weil dieses Jahr der Sommer nicht stattfand. Es spielt keine Rolle, was dieser sogenannte Sommer vielleicht an entschuldigender Sonne und geheucheltem blauen Himmel, wenn überhaupt, noch bringen wird – es ist zu viel Deprimierendes und Verletzendes und persönlich Beleidigendes passiert, als dass man ihm noch verzeihen könnte. Der Sommer 2014, man kann es nicht anders sagen, war nicht nur ein Spielverderber, sondern ein Sauniggel.

Es gab das schon mal, ein Jahr ohne Sommer, 1816 war es, ein Elendsjahr, weil auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora ausgebrochen war und seine Asche sich vor die Sonne schob. Es wurde bitterkalt, die Menschen sagten «Achtzehnhundertunderfroren». In der Schweiz schneite es am 2. und 30. Juli «bis in tiefe Lagen», Flüsse traten über die Ufer. Es gab Hungersnöte. Und der Zentralschweizer Priester Augustin ­Schibig schrieb von Heisshunger und war erschrocken, was Menschen so alles essen und dass Kinder oft im Gras ge­weidet hätten wie die Schafe.

Das mag ein leiser und relativierender Trost sein für das Wetter dieser Tage, ein nutzloser auch – wer im aktuellen Regen festsitzt, wird auch nicht weniger nass und depressiv, nur weil er weiss, dass alles schon einmal viel schlimmer gewesen ist. Dennoch, wir hatten keinen Schnee und keinen Hunger und keine Asche, sondern bloss Saharastaub, und, hurra, wir leben noch, wir hatten nur ein bisschen Pech. Man hat uns nicht das Leben gestohlen, doch aber eine Jahreszeit. Allerdings die schönste.

Einfluss auf die kollektive Psyche

Fassen wir diesen Nichtsommer zusammen, bevor wir uns der Frage zuwenden, welchen Einfluss die ganze Wettermisere auf die kollektive Psyche hat. Es gibt diese Klimabulletins von Meteo Schweiz. Mai (obwohl da meteorologisch noch kein Sommer war): kühler Monatsbeginn, wechselhaft bis zur Monatsmitte, Föhn bringt Wärme und Saharastaub. Bilanz für ­Basel: 0,3 Grad unter der Norm von 14,2 Grad im Schnitt. Die Sonnenscheindauer lag bei 165 Stunden, elf weniger als normal.

Juni: kurze, aber intensive Hitzewelle über Pfingsten, 35,5 Grad am Pfingstmontag in Basel. Die Hitzewelle, eine Rarität, wie sich herausstellen ­sollte, endete am 12. Juni. Danach hätte man eigentlich das Land verlassen müssen, weil Kaltfronten das Zepter übernahmen. Aber trotzdem, die Werte des Juni lagen über der Norm.

Juli: beschissen. Herbst im Sommer, nass und kalt, Rekord-Sonnenarmut, aber auch schwül, Kreislaufkollaps­wetter. Die Sonne schien 115 Stunden lang, 50 weniger als normal, es fielen 367 Millimeter Regen, das ist die ­Regenmenge von zwei verschifften Monaten.

Das anhaltend schlechte Wetter verursacht erstaunlicherweise, bis jetzt zumindest, wenig handfeste psychoaktive Erkrankungen. Aus der Beerdigungsbranche hört man, dass nicht mehr als sonst gestorben worden sei, was den Rückschluss zulässt, dass die Suizidrate im Juli stabil geblieben ist. Psychologen berichten Ähnliches. Subjektiv konnte jedoch gesamtgesellschaftlich eine Erlahmung der allgemeinen Dynamik festgestellt werden: Der Mensch trägt Blues anstatt Bikini und Badehose.

Der kollektive psychologische Down-Effekt eines verlorenen Sommers wird sich erst viel später in all seinen Facetten zeigen. Das Licht und die Wärme eines Sommers versetzen uns ja in einen ­Zustand des Ursprünglichen und Natürlichen, in jene klimatisch lieblichen, sonnengefluteten, südlichen Sphären, in denen wir einst alle lebten und das Menschsein lernten, bevor ein paar irrgeleitete Frühmenschen auf die wahnwitzige Idee gekommen sind, dort zu siedeln, wo man sich das halbe Jahr über und neuerdings auch im Sommer den Hintern abfriert. Also bei uns.

Ohne diese existenziellen sommer­lichen Segnungen fehlt dem Nord­menschen auch die Möglichkeit, seine emotionale Batterie aufzuladen, die er braucht, um Energie zu haben für den Herbst und den Winter. Er braucht die Erinnerung an den Sommer, der immer noch die Zeit ist der Erfüllung kleinerer und grösserer Träume. Nun haben wir einen Sommer, in dem wir uns zur Hauptsache daran erinnern, wie schön andere Sommer waren. 2003 etwa, der Jahrhundertsommer, dieser Sommer, der nie enden wollte.

Die ungestillte Sehnsucht nach Sommer und die enttäuschte Vorfreude auf diese Jahreszeit führen nun dazu, dass wir uns frustriert vor dem Hier und Jetzt in einen wetterbedingten Eskapismus flüchten, der lastschwere Schatten auf die Seele legt und uns bleiern werden lässt. Das Massaker eines Nicht­sommers spielt sich immer in der Seele ab. Da hilft auch nur bedingt, dass der Mensch bei schlechtem Wetter einer seiner liebsten und einander verbindenden Beschäftigungen nachgehen kann: dem Meckern. Aber die Halbwertszeit des Meckerns war schon Mitte Juli erreicht. Und nach dem Meckern folgte das sprachlose Leid.

All die erhofften Erlösungen, die Absenz von Kälte, von Dauerregen, von grippalen Effekten, all die Hoffnungen auf ein leichtes Sein und auf Sommernachtsfantasien – sie fielen dieses Jahr ins Wasser. Und dort treiben sie jetzt trübe herum und drücken an die von uns zum Schutz eilig aufgezogenen, aber doch schon porösen Schutzwälle, die uns vor dem Ungemach der Welt und des Lebens in diesen Tagen des Winters im Hirn schützen sollten.

Es gab zwischenzeitlich die Hoffnung, dass der Nichtsommer wenigstens ästhetisch schönes Wetter bringt und eine Erlösung von den üblen Sünden des Sommers. Dass sich all die erwachsenen und im Prozess der fortschreitenden Alterung befindenden Menschen nicht mit kurzen Hosen und Sandalen überall auf der Welt präsentieren. Das erwies sich so trügerisch wie die Hoffnung auf einen Sommer nach einem Tag Sonnenschein.

Kaum schien die Sonne ein bisschen, überfluteten sie wie Stunden später der obligate Regen mit fast verzweifeltem Trotz die Strassen der Stadt. Anstatt weniger Sandalen und kurze Hosen waren es plötzlich noch mehr Menschen, die sich diese Unsitte anzogen.

Freizeitsandalen der Gruselklasse

Gerne würde man davon ausgehen, dass es sich lediglich um eine Übersprungshandlung aufgrund der Enttäuschung des Sommer gehandelt hat, um ein «Jetzt erst recht und ausnahms­weise», aber leider ist das nicht so. Seit ein paar Jahren befindet sich die Ver­rohung des bekleideten Menschen im Sommer auf dem Höhepunkt. Da ist kein Stil mehr und keine Eleganz, keine Selbstachtung mehr, keine Rücksicht auf andere auch.

Wir reden von abgelatschten Freizeitsandalen der Gruselklasse, die auch bei 21 Grad getragen werden, dann allerdings mit Socken. Ein bisschen weiter oben dann Freizeithosen von anno dazumal und zum Abschluss ein T-Shirt mit verwaschenem Firmenlogo-Aufdruck. So wird der elegante Bürger gleich zweimal bestraft diesen Sommer: keine Sonne und dann auch noch diese Schweinerei.

Das war Sommer 2014. Adieu.

(Basler Zeitung)

(Erstellt: 06.08.2014, 13:02 Uhr)

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