Der fatale Irrtum von Flug IM 435

Heute vor 40 Jahren starben bei einem Flugzeugabsturz ob Hochwald 108 Menschen. Die unvergessene Tragödie und deren Bewältigung brachten unfähige Behörden zutage und ignorante Flughafendirektoren. Und sie schuf unerschrockene Helden.

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Wahrscheinlich waren die Piloten von Flug IM 435 aus Bristol mit den Nerven am Ende. Zweimal schon hatten sie den Landeanflug in Basel versucht, zweimal waren sie durchgestartet mit ihrer viermotorigen Vickers «Vanguard» 952. Das Wetter war schlecht an diesem 10. April 1973, es war Winter noch, um die null Grad, die Nacht über hatte es geschneit, die Sicht lag unter 120 Metern. Für die Piloten hiess das Blindflug. So beginnt die Geschichte des schlimmsten Flugunglücks in der Schweiz.

Mittlerweile war zehn Uhr, acht Minuten und 51 Sekunden lokaler Zeit. Die Piloten versuchten den dritten Anflug. Die Lizenz der beiden für Blindanflüge war abgelaufen. Ihre beste Zeit auch. Sie waren in jener Phase ihres Pilotenlebens, in der die Erfahrung mit ein bisschen Glück die altersbedingten kognitiven Mankos ausgleicht. Zusammen brachten sie es auf 78 Landungen in Basel. 139 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder hatten sie an Bord dieses Charterfluges der Invicta International Airlines. Um 8.15 Uhr englischer Zeit war die Maschine gestartet. 150 Franken hatte der Flug gekostet. Zwei Drittel der Passagiere waren Frauen. Alle aus derselben Ortschaft: Axbridge, im Süden Englands gelegen, 1200 Einwohner damals. Es war Frauenausflug, wie jedes Jahr. Sie wollten an die Muba, später mit dem Bus nach Luzern, abends wieder nach Hause. Aber abends fanden die meisten von ihnen in Holzsärgen des Bestattungsunternehmens Käch in einer Turnhalle in Dornach ihre letzte Ruhe.

Die Lautlosigkeit der Tragödie

Der letzte Funkkontakt war um 10:13:03 Uhr lokaler Zeit. Knapp drei Minuten vor dem Absturz. Die Piloten hatten im Weiss des Himmels die Orientierung verloren. Verflogen. Die Maschine zeichnete eine viel zu enge Acht in den Himmel. Der Funkkontakt war durch das schlechte Wetter beeinträchtigt, das Cockpit-Equipment so angejahrt wie die Piloten. Die Piloten dachten, sie seien vor der Landepiste. «435», fragte der Tower, «was ist Ihre Höhe?» – «1400 Fuss», antwortete der Copilot, das sind knapp 427 Meter über Meer, die Maschine befand sich im Landeanflug. «Oh», sagte der Mann im Tower, «sie sind südlich des Flughafens. Sie sind nicht auf dem … Sie sind südlich des Flughafens!» Südlich des Flughafens, gut ein Dutzend Kilometer weit weg, liegt Hochwald, eine kleine Gemeinde im Kanton Solothurn. Ob Hochwald liegt die kleine Ansiedlung Herrenmatt. Damals ein Bauernhof, einen Steinwurf weit weg ein Pfadihaus, eine sanft hügelige Landschaft aus Lichtungen und Bäumen ist es. 615 Meter über Meer.

Die Piloten bemerken noch, dass etwas fatal falsch läuft, sehen die mit dem Nebel zerfliessenden Konturen von Hügeln. Sie geben vollen Schub und reissen die Maschine hoch. Um 10.15 Uhr lokaler Zeit bringen sie es auf 620 Meter. Fünf Meter zu wenig. Der linke Flügel bleibt an einer Buche hängen. Die Maschine dreht sich auf den Rücken, driftet nach rechts. Dort ist ein Tannenwald. Das Flugzeug bohrt sich in die Erde, bricht vor den Flügeln entzwei. 108 Menschen sterben, die meisten sofort. Die andern 37 sind verletzt.

Ein pfeifendes Geräusch

Man hört nicht viel vom Crash in Herrenmatt. Das ist erstaunlich, als ob da eine trügerische Sanftmut des Schnees der ganzen Tragödie den Schrei genommen hätte. Der Bauernhof von Hansruedi Vögtli liegt Luftlinie nur 200 Meter vom Tannenwäldchen entfernt. Vögtlis Tag ist bisher durchzogen. Er hat erst eine von 20 Kühen gemolken, da gibt es einen witterungsbedingten Stromausfall. Er geht zurück ins Haus, dort sind seine Frau und seine zwei Söhne. Sie wollten hurtig die Kühe abmelken, dann ins Auto steigen und nach Basel fahren, an die Muba, es ist offizieller Muba-Tag. Aber die Strasse ist belegt mit 30 Zentimetern Neuschnee, die Sicht so undurchsichtig wie Milch – kein Durchkommen. Dann hört Vögtli, der auch Feuerwehrkommandant von Hochwald ist, ein «Pfeifen». Danach ists wieder still. Zu sehen ist auch nichts. Aber das Geräusch lässt ihm keine Ruhe. Er sagt seiner Frau, das habe geklungen wie ein Flugzeugabsturz. Er ruft die Zentrale in Basel an, fragt, ob ein Flugzeug vermisst werde. Der Mann am Telefon der Basler Feuerwehr ruft den Flughafen an, Herrn Stauffer, den Schweizer Direktor. Nein, sagt der.

Vögtli wird das Geräusch nicht los, geht raus, läuft den Hügel vor seinem Haus hoch, das ist die falsche Richtung. Die Sichtweite beträgt vielleicht höchstens 50 Meter. Vögtli kehrt zurück, weil «einfach so im Schnee rumlaufen bei diesem Wetter, nein». Ruft nochmals an, neun Minuten später. Nein, heisst es immer noch, kein Flugzeug vermisst. Vögtli entschuldigt sich, dass er einen auf Alarm gemacht habe. Setzt sich hin, trinkt einen Kaffee. 19 Kühe hat er noch zu melken, von Hand. Über eine Stunde nach dem Absturz klingelt sein Telefon, Stauffer, der Flughafendirektor, ist dran, bittet Vögtli zu erzählen, was er gesehen habe. «Gesehen habe ich nichts, aber wenn ihr ein Flugzeug vermisst, ist es vermutlich hier abgestürzt.» Die Vermutung ist zur Gewissheit geworden.

Vögtli geht vor die Tür, bietet an Männern auf, was gerade greifbar ist, mit seinen Söhnen läuft er zum Pfadiheim, alle zusammen suchen sie das Wrack. Sein Sohn Erik hat den Hund dabei. Der Hund fängt an zu bellen. Er riecht das Blut wahrscheinlich und das Kerosin. Der Hund zerrt an der Leine. Oben auf einer Krete sieht der 14-jährige Erik blutende Überlebende. Es ist nach elf Uhr, so genau weiss Vögtli das nicht mehr.

Sie gehen mit fünf Überlebenden zum Hof. Frau Vögtli bringt sie in der Stube unter. Auch die Frau, die vor ihrem Bauch den Darm in den Händen hält. Sie wird später auf dem Transport ins Krankenhaus sterben. Frau Vögtli ­erinnert sich auch noch an die Frau, die ihr Bein verkehrt herum trägt, sie wird überleben. Die Überlebenden brechen reihenweise zusammen, weinen, schreien.

Der Mann mit dem Feuerlöscher

Vögtli macht sich wieder auf zum Flugzeug. Einen Handfeuerlöscher dabei. Vögtli ist der erste Helfer an der Unglücksstelle, zusammen mit der Handvoll Männer, die er auftreiben konnte. Rudolf Allemann, der damalige Basler Feuerwehrkommandant, wird später erzählen, Vögtli habe mit einem Handfeuerlöscher den brennenden Flügel gelöscht. Aber das stimmt nicht, sagt Vögtli, inzwischen ein 79-jähriger Mann mit steifer Hüfte. Er hätte nur den Mann gelöscht, der unter der Tragfläche «von innen heraus» gebrannt habe. Die Verletzten hat Frau Vögtli mit Leintüchern bedeckt. Als alles vorbei war, haben die Vögtlis die Leintücher gereinigt zurückbekommen. «Wir haben sie genommen», sagt Herr Vögtli, zieht an seiner Zigarette und blickt kurz in den Himmel, «warum auch nicht.» – «Das Geschrei», sagt Vögtli ein paar Lungenzüge später vor seinem Hof, «das Geschrei der Verletzten.» Wenn er heute mit seinem Traktor an der Unglücksstelle vorbeifährt, hört er es noch, das Geschrei. Die anfängliche Stille der Tragödie wird zum lebenslänglichen Geräusch.

Während Vögtli und seine Männer versuchen, in dem Chaos aus Wrackteilen, Leichen, die kopfüber in ihren Sitzen hingen, zu retten, was noch zu retten ist, und das Chaos in den Griff zu kriegen, herrscht gut ein Dutzend Kilometer weiter südlich ein bürokratisches Tohuwabohu. Mehr als eine Stunde ist seit dem Absturz inzwischen vergangen. Minuten, in denen Irrsinn, Eitelkeit und Ignoranz das Zepter führten.

Polizei war anderweitig beschäftigt

Der Flughafen Basel hatte damals zwei Direktoren, einen französischen, Monsieur Roque, und eben den schweizerischen, Herrn Stauffer. Die beiden sind Feinde, kämpfen um die Vorherrschaft im Flughafen. Um 10.15 Uhr, ein paar Momente nach dem Absturz, kam es zur ersten Panne. Monsieur Roque rief die Basler Polizei an, ein Flugzeug sei vom Radar verschwunden. Stauffer rief er nicht an. Die Basler Polizei tat nichts. Oder hatte Besseres zu tun: 137 Polizisten in Kampfmontur mussten sechs Holzfäller in der Klingelbergstrasse vor dem Volk schützen, das wiederum die sechs Bäume retten wollte.

Dann die Telefonate von Vögtli und die Nachfrage der Basler Feuerwehr und das «Nein» von Stauffer. 70 Minuten verstreichen so ungenutzt. Der Schlussbericht über das Unglück wird festhalten, dass auch ohne die Kommunikationsschlampereien keine weiteren Leben hätten gerettet werden können. Dennoch sucht alles einen Schuldigen, vor allem Stauffer tut dies. Er beschuldigt zuerst Vögtli, den eigentlichen Helden der Geschichte, danach den Basler Feuerwehrkommandanten. Die beiden werden kurz der «unterlassenen Hilfeleistung» verdächtigt. Das ist die kleine in der grossen Katastrophe.

Es ist mittlerweile kurz vor halb zwölf Uhr. Der Basler Feuerwehrkommandant Allemann trägt Gala-Uniform mit Lackschuhen, er ist Gast am offiziellen Muba-Tag. Erreichbar über die Funkanlage der Muba-Sanität. Als die Nachricht vom Flugzeugabsturz ob Hochwald ihn erreicht, sitzt er unbeschwert an einem runden Tisch und plaudert. Er schiesst hoch, fordert per Funk seinen Dienstwagen und macht sich mit Blaulicht auf nach Hochwald. Über das Funkgerät im Wagen ordert er einen Pionierzug in den Warteraum Bahnhof Dornach. Als eines der letzten kommt das Dienstfahrzeug von Allemann noch durch. Kurz nach Allemanns Fahrt nach Hochwald knicken Tannen unter der Schneelast ein und blockieren beide Strassen hoch in das Dorf.

Der Weg über den Leichenteppich

Allemann, immer noch in Gala-Uniform, steigt zusammen mit einem Doktor Marti und zwei Sanitätern in einen Landrover, fährt hoch in Richtung Herrenmatt, so weit es geht. Sie laufen zu Fuss weiter durch den Tiefschnee, finden eine Blutspur und folgen ihr. «Überall lagen Frauenleichen tief im Schnee», sagt Allemann, inzwischen 83-jährig. An was er gedacht hätte in diesem Moment? «An einen Satz, der überliefert wurde aus der Schlacht von Dornach, als einer durch und über die Leichen lief und überall Blut war: Ich seh in einen Rosengarten.»

Das ist der letzte Moment der Stille für Allemann. «Dann hörte ich die Schreie der Verletzten.» Er, ein Arzt und zwei Sanitäter, steigen in den Rumpf des Flugzeugs. «Das Vorderteil bis zum Flügel, das war komplett kaputt, da lebte niemand mehr.» Allemann zögert. Um ganz nach hinten in den Rumpf zu gelangen, müsste er über menschliche Körper laufen. «Schau ihnen in die Augen, und wenn sie tot sind, lauf darüber», sagt der Arzt. Ganz hinten sitzt ein Junge. Allemann kämpft sich über den Leichenteppich, nimmt den Jungen. «Where is my Mom?», fragt das Kind.

Mit blossen Händen nach Überlebenden gesucht

Irgendwo auf der Strasse nach Gempen sitzt der Pionierzug fest. Zu viel Schnee. Die Pioniere ziehen aus mit dem, was sie tragen können, sägen die querliegenden Tannen entzwei, räumen notdürftig Schnee. Hilfe aus der Luft kommt auch nicht auf die Herrenmatt, die Sicht ist zu schlecht. Die Männer oben beim Flugzeug suchten mit blossen Händen und einfachem Gerät nach Überlebenden. «Du denkst nicht nach in solchen Situationen», sagt Vögtli, «du funktionierst. Du hebst Sachen allein, die am andern Tag zwei nicht heben könnten. Das Denken, das Fühlen, das kommt erst später. Abends im Bett.» Vögtlis Bild ist der brennende Mann unter der Tragfläche. Allemann hat zwei. Die grünen Fingernägel einer toten Stewardess. Und dass die toten Passagiere im vorderen Teil der Maschine alle keine Gesichter mehr hatten, aber unversehrte Haare.

Die Leichen legen die Männer unweit der Absturzstelle fein säuberlich nebeneinander an einen Strassenrand unweit der Unfallstelle. Etwa um 13 Uhr, erinnert sich Allemann, kommen mit Ketten versehene Militärfahrzeuge und transportieren die Verletzten ab. Später die Leichen. «Man kann es sich nicht vorstellen», sagt Vögtli, «wenn man nicht dabei gewesen ist. Und wenn man dabei gewesen ist, kann man es nie vergessen.»

Keine Trauerfeier in diesem Jahr

Ein Denkmal erinnert heute an die Tragödie, eine auf einen grossen Stein angebrachte Tafel, eine Skulptur daneben, Blumenbeete. Sie liegt etwas unterhalb der Absturzstelle, aus Platzgründen. Wenn man an ihr vorbeiläuft, vielleicht fünfzehn Meter, sieht man drei Kreuze im Wald. Ein blaues aus Stein und zwei aus Holz. Das ist der Ort, an dem Flug IM 435 zu Ende ging. Man sieht keine Schneise mehr, keine verletzten Bäume, nur die Kreuze erzählen die Geschichte der Tragödie.

Es wird keinen Gottesdienst geben dieses Jahr, keine Erinnerungsfeierlichkeiten, zum ersten Mal. Noch vor zehn Jahren kamen Überlebende und deren Angehörige. Die Zeit wächst über die Tragödie, so wie neue Bäume über die vom Flugzeug gerissene Schneise gewachsen sind. Die Zeit heilt viele Wunden, aber nie alle. Was sie getan hätten am Abend, als die Stube wieder leer war und es wieder ruhig wurde und still, so als ob nichts geschehen wäre. «Geputzt», sagt Frau Vögtli. Und versucht, mit dem Vergessen anzufangen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.04.2013, 12:39 Uhr

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