Die Angst der afghanischen Frauen

Viele Afghaninnen fürchten, dass sie nach Abzug der internationalen Truppen Rechte einbüssen. Zwar stehen diese in der Verfassung, doch von Gleichberechtigung kann keine Rede sein.

Afghanische Mädchen in der Schule: Viele Eltern stören sich daran, dass sie hier mit Männern in Kontakt kommen können.

Afghanische Mädchen in der Schule: Viele Eltern stören sich daran, dass sie hier mit Männern in Kontakt kommen können. Bild: Ahmad Masood/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf dem staubigen Platz spielen die Mädchen Volleyball. Sie lachen, freuen sich über jeden Punkt. Draussen schaffen die Ausläufer des Hindukuschs ein beeindruckendes Panorama, doch dafür haben die Schülerinnen jetzt keinen Blick. Schliesslich kennen sie die Aussicht. Sport zu treiben, das ist für sie etwas Besonderes. In ihren Dörfern, vor den Augen der Jungen und Männer wäre das nicht so einfach möglich.

Aber hier in Charikar, der Hauptstadt der ostafghanischen Provinz Parwan, betreibt die Schweizer Hilfsorganisation RET ein Bildungszentrum. Es ist mehr als ein Ort, an dem Mädchen und Frauen lesen, schreiben, den Umgang mit dem Computer, Englisch und auch etwas zum Thema Menschenrechte lernen können. Es ist eine Art Refugium, um im männerdominierten Afghanistan den Frauen und Mädchen eine Chance zu geben, die in keine der staatlichen Schulen gehen dürften.

Nur weibliches Personal

Seit drei Jahren gibt es das Bildungszentrum, 240 Frauen und Mädchen haben hier eine Grundbildung erhalten. Sie kommen hierhin, weil sich Eltern daran störten, dass die Töchter an den staatlichen Schulen mit Jungen und männlichen Lehrern in Kontakt kommen würden, erzählt Schulleiterin Asma Sadat. Gerade in den ländlichen Regionen der Provinz werde das noch nicht flächendeckend akzeptiert. An der von ihr geleiteten Einrichtung unterrichteten ausschliesslich Lehrerinnen, auch eine Ärztin ist im Kollegium.

Die Familien kämen zunächst, um sich das Zentrum anzuschauen, und würden ihren Mädchen dann gestatten, es regelmässig aufzusuchen. Unter den Lernenden sind auch viele Frauen, die eigentlich längst nicht mehr im Schulalter sind. Sie hatten während der nun drei Jahrzehnte andauernden Konflikte in Afghanistan nie die Gelegenheit, auch nur das Alphabet zu lernen. Entweder waren sie auf der Flucht vor den Kämpfen oder ihre Männer stellten sich ihrem Wunsch entgegen, etwas zu lernen.

Karzai veröffentlichte die Forderungen des Religionsrates auf seiner Internetseite

Mehr als zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban haben sich zumindest die Chancen für viele Frauen in Afghanistan verbessert, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Es gibt zahlreiche, von internationalen Organisationen bezahlte Projekte wie in Parwan. Aber mit dem sich abzeichnenden Abzug der Kampftruppen im Jahr 2014 wächst unter den afghanischen Frauen die Furcht, dass die Finanzierung der Projekte in Gefahr und damit auch der Fortschritt bedroht sei. Der ideologische Nährboden, der die Frauen auf die Rolle reduziert, die sie während des Taliban-Regimes hatten, ist nach wie vor vorhanden. Von einer Gleichberechtigung kann in Afghanistan keine Rede sein.

Der einflussreiche Religionsrat etwa hat kürzlich in der Hauptstadt Kabul ein umfangreiches Thesenpapier veröffentlicht und in einem Teil davon auch seine Sicht zur Rolle der Frauen in der Gesellschaft beschrieben: Demnach sei sie dem Mann natürlich keineswegs ebenbürtig. Und es müsse dringend darauf geachtet werden, das weibliche Geschlecht in der Öffentlichkeit von fremden Männern fernzuhalten – etwa in der Schule, beim Einkaufen oder im Büro. Die Angelegenheit erhielt besondere Brisanz durch das Vorgehen von Präsident Hamid Karzai: Er veröffentlichte die Forderungen des Religionsrats kurzerhand auf seiner Internetseite – zumindest für einige Zeit.

Konservative Grundmuster bleiben in der Gesellschaft tief verwurzelt

Das wirkte wie eine offene Unterstützung der Thesen, womöglich war es aber auch nur eines von den vielen Manövern des lavierenden Staatschefs. Schliesslich will Karzai den Ausgleich mit den Taliban suchen und sie dazu bewegen, in seine Regierung einzutreten, wenn sie im Gegenzug die Waffen niederlegen. Aber die Islamisten zeigen ihm bislang die kalte Schulter und so umschmeichelt der Präsident sie an vielen Fronten. Nicht wenige Frauen in Afghanistan sehen sich nicht erst seit Karsais jüngstem Manöver in ihrer Furcht bestätigt: Die hart erkämpften Rechte könnten zu einem Teil der Verhandlungsmasse verkommen, falls die Regierung und die Aufständischen eines Tages an einem Tisch für Friedensgespräche Platz nehmen, argumentieren Parlamentarierinnen und Aktivistinnen.

Heather Barr von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zog kürzlich ein gemischtes Fazit zur Lage der Frauen in Afghanistan: Obwohl sie nun zumindest theoretisch Zugang zum Bildungswesen hätten, besuche mehr als die Hälfte der afghanischen Mädchen noch immer keine Schule. «Unterhalb der sich verändernden Oberfläche bleiben tief gehende Probleme bestehen», urteilte sie in ihrer Analyse. Unbestritten ist, dass sich die Lage der Frauen in Afghanistan verbessert hat. Während des Taliban-Regimes waren sie vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Nun sitzen sie mit im Parlament, es gibt ein Ministerium für Frauenangelegenheiten, es gibt Fernsehmoderatorinnen. Aber konservative Grundmuster bleiben in der Gesellschaft tief verwurzelt. Aktivistinnen werden immer wieder bedroht. Zum Beispiel Nadera Geya.

Nadera Geya muss Schlafmittel nehmen, aber sie will sich nicht unterkriegen lassen

Die Chefin der Behörde für Frauenangelegenheiten im nördlich gelegenen Kunduz ist zunächst reserviert. Dann empfängt sie uns doch zu einer längeren Unterhaltung in ihrem Büro in der Innenstadt der Provinzhauptstadt, in der die deutsche Bundeswehr unweit des Flughafens eines ihrer zentralen Lager betreibt. Zu Beginn des Gesprächs betont Geya die zahlreichen Fortschritte: «Es ist viel vorangegangen für die afghanischen Frauen in den letzten Jahren, wir können tatsächlich einen Wandel beobachten», sagt sie. Der Einsatz der internationalen Gemeinschaft sei nicht umsonst gewesen, schliesslich wüssten viele Afghaninnen heutzutage, «dass sie überhaupt Rechte haben».

Aber ihre exponierte Stellung sei auch gefährlich, erzählt Geya. Sie erhalte Drohanrufe, zwei Männer seien auf einem Motorrad an ihr vorbeigefahren und hätten gedroht, sie ermorden zu wollen. Nadera Geya nimmt Schlafmittel, um nachts zur Ruhe zu kommen. Aber sie will sich von diesen Einschüchterungen nicht unterkriegen lassen. Zum Abschied sagt sie, natürlich werde sie weiter für die Rechte der Frauen kämpfen.

In der Gesellschaft definieren die Männer, was Frauen dürfen - und was nicht

Das will auch Asma Sadat, Juristin und Leiterin des Lernzentrums in Charikar. Voller Eifer spricht sie über die Möglichkeiten, die eine solche Einrichtung mit sich bringe. Sie referiert über das Selbstvertrauen der Frauen, das massiv gestärkt werde, über Ansätze einer Selbstverwirklichung und das Gefühl für die Frauen, etwas erreicht zu haben. Aber Sadat klammert auch nicht die vielen Hürden aus, die nach wie vor bestehen bleiben: «Es gibt in Afghanistan Frauenrechte, sie stehen in der Verfassung, aber das ist nur auf dem Papier», sagt Sadat. In der Gesellschaft definierten die Männer, was Frauen dürfen – und was nicht. «Das grösste Problem ist, dass die meisten Frauen ihre Rechte noch nicht kennen», sagt sie. Den Aktivistinnen stehe noch ein langer Kampf bevor.

Die Schulglocke läutet. Das Volleyballspiel ist beendet, auch aus dem Gebäude kommen die Mädchen und Frauen. Eine von ihnen ist auch eine 20-Jährige. Nie in ihrem Leben habe sie zuvor eine Schule besuchen können, immer musste sie zu Hause arbeiten, erzählt die junge Frau. Aus den Medien erfuhr sie von dem Bildungszentrum in Charikar, ihre Familie besichtigte es und entschied: Sie darf am Unterricht teilnehmen. «Ich habe jetzt viel mehr Mut, allein nach draussen zu gehen, zum Beispiel auf den Basar», sagt die junge Frau. Ihre Klassenkameradinnen drängen an ihr vorbei. Viele von ihnen ziehen eine Burka über, bevor sie in ihre Dörfer zurückgehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2012, 15:21 Uhr

(Bild: TA-Grafik str)

Artikel zum Thema

Afghanistan und USA handeln «strategische Partnerschaft» aus

Kabul und Washington einigen sich auf ein Abkommen, das die Zusammenarbeit nach dem Truppenabzug regelt. Das afghanische Parlament muss erst noch zustimmen. Mehr...

«Der Einsatz ist in jeder Hinsicht ein Debakel»

Zehn Jahre Krieg in Afghanistan haben den Westen und besonders die USA geschwächt. Ein Gespräch mit Publizist Erich Schmidt-Eenboom über die weltpolitischen Folgen. Mehr...

Die Taliban beenden ihren Winterschlaf

Eine koordinierte Serie mehrerer Attacken in ganz Afghanistan hat zu heftigen Gefechten geführt. In Kabul mussten Abgeordnete aus dem Parlament heraus zurückschiessen. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mamablog «Gehst du nach der Geburt wieder arbeiten?»
Sweet Home Modernes altes Haus

Die Welt in Bildern

Container voll mit Arbeit: Nachdem die Wahllokale geschlossen wurden, werden die Stimmen im Atrium des Raatshauses von Den Haag von Hand gezählt. (20. März 2019)
(Bild: NIELS WENSTEDT) Mehr...