«Die Familie ist nur eine vermeintliche Idylle»

Die Kleinfamilie zerbreche an den Anforderungen des Alltags: Für Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve braucht es neue Modelle.

«Im Familienleben sind Empathie und Zuwendung wichtig»: Mariam Irene Tazi-Preve.  Foto: Jock Fistick (Laif)

«Im Familienleben sind Empathie und Zuwendung wichtig»: Mariam Irene Tazi-Preve. Foto: Jock Fistick (Laif)

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Junge Paare träumen heute mehr denn je vom Familienglück. Sie aber schreiben ein Buch über das Versagen der Kleinfamilie. Wie passt das zusammen?
Eine eigene Familie zu gründen, steht bei Jungen tatsächlich weit oben auf der Wunschliste. Wir erleben eine Re-Familisierung. Je unsicherer die Welt, in der wir leben und arbeiten, desto grösser die Sehnsucht nach einem stabilen Rückzugsort. Die familiäre Idylle ist aber nur eine vermeintliche.Sie hinterlässt gescheiterte Ehen, alleingelassene Mütter, verunsicherte Väter und traurige Kinder.

Wieso bleibt der Glaube an die Familie trotz hoher Scheidungsraten intakt?
Weil den Jungen überall vorgegaukelt wird, dass die Kleinfamilie das erstrebenswerte Ideal privater Lebensführung ist. Ein guter Arbeitsplatz, ein funktionierendes Familienleben, ein schönes Haus – das alles gehört demnach zu einem erfüllten Leben. Trotz unzähliger Beispiele, dass es – zumindest in der Summe – nicht funktioniert.

Warum versagt die Kleinfamilie?
Das Modell der Kleinfamilie ist falsch angesetzt. Es basiert einerseits auf der romantischen Vorstellung einer lebenslangen Liebe und andererseits darauf, dass dies ein Ort sei, wo Kinder über fast 20 Jahre hinweg sicher aufwachsen können. Das Modell wird quasi als naturgegeben dargestellt, obwohl nur ganz wenige Liebesbeziehungen ein Leben lang halten. Verkauft wird es aber so als ob es die Norm sei, und alle anderen scheitern angeblich, wenn sie dieses Ideal nicht leben können.

Heute ist die lebenslange Ehe doch keine soziale und moralische Notwendigkeit mehr. Es gibt weniger Abhängigkeiten und mehr Freiheiten, die auch gelebt werden.
Klar gibt es alternative Modelle. In Skandinavien lebt etwa die Hälfte der Paare unverheiratet mit Kinder. Im deutschsprachigen Raum oder in Südeuropa wird die Ehe aber weiterhin als die erstrebenswerte Lebensgemeinschaft zelebriert. Und auch die Konstellation des Zusammenlebens mit Kindern entspricht dem Kleinfamilienideal.

Patchwork-Familien und andere Alternativ-Modelle sind aber auch hier eine Realität.
Die Patchwork-Familie besteht aber wiederum aus der Mutter mit dem neuen Partner, dem Vater mit der neuen Partnerin. Der Traum von der intakten Familie ist derselbe geblieben.

Ist denn nur die endliche Liebe Schuld, dass dieser Traum bei sehr vielen platzt?
Nein. Das Problem ist auch, dass Erwerbssystem und Kleinfamilie heute nach gänzlich konträren Logiken funktionieren. In mittelalterlichen Gesellschaften waren Handwerk und Familie noch unter einem Dach miteinander verbunden. Man wohnte und arbeitete im Haus, es fand eine Interaktion zwischen Beruflichem und Privatem statt. Mit der Industrialisierung kam die strikte Trennung von Produktion und Reproduktion. Hier arbeiten, da Liebe und Familie.

Werden die Trennlinien dieser Welten mit der Digitalisierung heute nicht aufgeweicht?
Ja, aber nicht zugunsten der Familie. Wenn man permanent erreichbar ist, erhöht das den Stresspegel. Die Arbeitsgesellschaft dringt in die Familie ein. Das Problem ist, dass sich die Familie den rapide ändernden Bedingungen der Wirtschaft anzupassen hat statt umgekehrt die Arbeitswelt an die familiären Bedürfnisse.

Die Digitalisierung gibt Familien aber auch neue Möglichkeiten. Ist ein Kind krank, können Eltern etwa von zuhause aus arbeiten.
In der Regel schätzen Arbeitgeber dies aber nicht. Es gilt: Flexibilität wird nur dann eingesetzt, wenn es der Wirtschaft nutzt.

Und was ist mit der Selbstständigkeit? Heute ziehen viele Mütter zu Hause ihr Business auf.
Meistens werden die Frauen mit ihren Ich-AGs alleine gelassen. Sie tragen alle Risiken und die ganze Verantwortung. Die sozialen Kontakte, die Infrastruktur des Büros und die anderen Vorteile fehlen.

Dafür können sie sich die Arbeit, die Zeit und der Ort selbst einteilen.
Klar kann es – unabhängig davon, ob man selbstständig ist oder nicht – von Vorteil sein, wenn man seinen Arbeitsort frei wählen kann und keinem rigiden Zeitregime folgen muss. Wenn die Arbeitswelt bis ins Private vordringt, hat das aber vor allem Nachteile. Es verlagert sich zu viel, einseitig in die Familie. Das private Heim nimmt den Charakter einer Arbeitsstätte an.

Das Ökonomische dringt ins Soziale?
Im Arbeitsmarkt herrscht Konkurrenzdenken, Kosten-Nutzen-Logik und Profitmaximierung. Im Familienleben hingegen ist emotionale Zuwendung und Empathie wichtig. Die Werte beider Sphären widersprechen einander. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf entspricht daher der Quadratur des Kreises. All das, was das System im einen Bereich trägt, bringt es im anderen zum Scheitern. Das nenne ich die Vereinbarkeitslüge.

Dennoch leben Millionen von Familien täglich in beiden Welten.
Sie versuchen, die beiden Welten zu vereinen, was aber nicht funktioniert. Wenn man den ganzen Tag in getakteten Aktivitäten eingespannt ist, kommt man abends nicht nach Hause und geht gleich auf die Bedürfnisse der Kinder oder des Partners ein.

Zuhause wartet ja meist auch noch Arbeit.
Das Abendessen will zubereitet werden. Die Hausaufgaben der Kinder müssen kontrolliert werden. Am Ende ist man nur noch müde und frustriert, dass sich nicht alle Ansprüche befriedigen lassen. Familie, Partnerschaft, das eigene Ich sind komplett nachrangig, vorrangig ist, den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes nachzukommen. Das Paradoxe an der Situation ist, dass beides – eine funktionierende Familie und eine erfüllende, gutbezahlte und prestigeträchtige Erwerbstätigkeit – die einzigen Heilsversprechen sind, die uns die Moderne zu bieten hat. Beide, Familie und Arbeit, erodieren aber.

Die Ideale halten der Realität nicht stand.
Bilder wie das der arbeitenden Mutter im Business-Kostüm mit dem Laptop in der einen und dem Kind in der anderen Hand stimmen einfach nicht. Es ist unmöglich, in der Kleinfamilie alle menschlichen Bedürfnisse nach emotionaler Unterstützung, körperlicher und seelischer Erholung, Nestwärme und erfüllender Sexualität zu befriedigen und darüber hinaus die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Berufstätigkeit zu schaffen.

Die Kleinfamilie – ein Auslaufmodell?
Die Familie wird immer existieren, wir alle kommen aus familialen Zusammenhängen und haben Liebespartner, Eltern, Onkel, Tanten, Geschwister, Cousins und Kinder. Wir müssen uns jedoch von diesem verklärten Bild der Kleinfamilie lösen.

Das ist nicht so einfach, wenn die Politik vom Steuer- bis zum Sorgerecht an der klassischen Familie festhält.
Die Familienpolitik verfolgt dieses 2-Kind-Ideal nicht zuletzt aus Sorge über die sinkenden Geburtenraten. Ziel ist es, die Frauen bei der Stange zu halten. Mit ein paar zusätzlichen Kinderbetreuungsplätzen zum Beispiel kann das Vereinbarkeitsproblem von Beruf und Familie aber nicht gelöst werden. Das Steuerrecht zementiert die Verhältnisse und das Sorgerecht orientiert sich ebenfalls an dem viel zu engen Familienbegriff.

Was gibt es denn für Lösungsansätze?
Einen ersten Schritt sehe ich darin, das Leiden der Kleinfamilie nicht weiter hinzunehmen. Wir müssen aus der isolierten Dreieckskonstellation von Mutter, Vater und Kind ausbrechen und andere Familienmodelle kreieren.

Also wie früher stärker die Grossmutter oder die Tante einbinden?
Ja. Die eigene Mutter oder die Schwestern stellen für eine Frau schon heute den primären Zufluchtsort dar, wenn eine Ehe in die Brüche geht. So trifft die starke Mutter-Tochter-Bindung auch für kleinfamilial organisierte Gesellschaften zu. Aber auch ohne akute Not muss gelten: Je mehr Bezugspersonen für ein Kind zuständig sind, desto besser.

Laut dem bekannten dänischen Familientherapeut Jesper Juul brauchen Kinder aber mindestens eine enge Beziehung zu einem empathischen und flexiblen Erwachsenen.
Mehrere starke, fixe Bezugspersonen können eine ersetzen. Eine Freundin von mir ist Berberin. Sie kennt das überhaupt nicht, dass man nur mit Mutter und Vater aufwächst. Bei ihr hat sich das immer verteilt, auch auf Tanten und Onkel. Eine andere Kollegin aus Sierra Leone ist erst im Alter von sechs Jahren darauf gekommen, wer eigentlich ihre Mutter ist. Sie ist mit sechs Tanten aufgewachsen, die sie alle Mutter genannt hat. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: Um Kinder aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. In matrilinealen Gesellschaften weiss jeder, dass mehr als eine einzige Person fürs Aufziehen von Kindern zuständig sein muss. Was passiert sonst, wenn die Mutter ausfällt?

Unser Mutterbild ist enger definiert.
Viel rigider. Man bezeichnet die Mütter als die von Natur aus geeignetsten Betreuungspersonen und schreibt ihnen vor, wie lange sie nach einer Geburt zuhause zu bleiben haben.Überhaupt sind sie unzähligen Vorschriften der Pädagogik, Psychologie, Medizin und Politik ausgesetzt.

Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm sagt, dass unser Mutterbild trotz höherer Erwerbsbeteiligung der Mütter in den 80er-Jahren stehengeblieben ist.
Ja. Frauen müssen noch immer alles tun, um dem Label der schlechten Mutter zu entgehen. Gleichzeitig sollen sie beruflich erfolgreich sein. Es wird suggeriert, dass die Vereinbarkeit von Familien- und Arbeitswelt ohne Abstriche an Lebensqualität von Kindern und Müttern möglich sei. Frauen können alles haben, schreibt Facebook-Managerin Sheryl Sandberg in ihrem Buch «Lean in». Der Druck auf die Mütter ist also gross, die Hilfe aber gering.

Stehen sich die Frauen teils nicht auch selbst im Weg? Zum Beispiel, weil sie perfekte und nicht hinreichend gute Mütter sein wollen?
Kinder sind heute ein Gradmesser des Erfolgs. Mütter tragen einander vor, wie gelungen ihre Kinder sind. Kaum eine erzählt vom missratenen Kind. Und weil dem so ist, hetzen die Mütter mit ihren Kindern durchs Leben, bringen sie zur Ballettstunde, ins Klavier et cetera.

Statt Solidarität unter den Müttern gibt es einen Kampf um die bessere Mutterschaft?
In den USA, wo ich ja derzeit lebe, gibt es den Ausdruck: Mommy wars! Und es ist so: Mütter überbieten sich mit immer tolleren Kindergeburtstagen und anderen Kinderaktivitäten. Sie kämpfen um die perfekte Mutterschaft. Macht man nicht mit bei diesem Wettbewerb, setzt man sich einem Rechtfertigungszwang aus. Viele Frauen fürchten sich davor, als schlechte Mutter dazustehen.

Manche Frauen entziehen sich diesen Zwängen, indem sie gar keine Kinder mehr wollen.
Kennen Sie das Buch «Regretting Motherhood» der israelischen Soziologin Orna Donath? In dem Bestseller geht es ja darum, dass die Mütter ihre Kinder sehr wohl lieben, sie hassen aber die Umstände, unter denen die Mutterschaft gelebt werden muss.

Warum überlassen die Mütter denn nicht mehr den Vätern?
Viele Väter-Forscher beklagen tatsächlich, dass ihnen zu wenig Verantwortung übertragen wird. Manche Mütter korrigieren buchstäblich nach. Legt der Vater das Kind in den Buggy, schauen die Mütter, ob es auch richtig liegt. Dabei machen es Männer nicht weniger gut, sondern einfach anders.

Können Mütter schlecht loslassen?
Wenn sie die Kontrolle nicht aus der Hand geben, hat das natürlich einen Grund. Das gesamte Management bleibt am Ende doch meist an ihnen hängen. Die Väter übernehmen oft nur Spiel, Sport und Spass. Um unsägliche Dinge wie Hausarbeit, Zahnarztbesuche oder Geburtstagsgeschenke müssen sich am Schluss doch die Mütter kümmern.

Die heutigen Väter sind doch engagierter.
Nur wenige Väter ergreifen aber von sich aus die Initiative und sagen: Lass uns das gerecht verteilen. Höchstens zehn Prozent der Väter sind bereit, Abstriche bei der Karriere hinzunehmen. Familiy first – das gilt meist nur für Mütter, nicht für Väter.

Leiden denn die Mütter auch mehr an der Kleinfamilie als die Väter?
Das ist schwierig zu beurteilen. Klar ist, dass sich alle vermeintlichen Optionen einer Mutter als Falle entpuppen. Als Hausfrau ist sie ihr gesamtes Leben von einem Mann abhängig. Auch mit einer Teilzeit-Beschäftigung ist sie auf Unterstützung von Ehemann und Staat angewiesen. Zudem hat sie kaum Karrierechancen und muss bei ihrer Pension Abstriche hinnehmen. Teilzeit-Arbeit ist im Prinzip daher nur ein Zusatzverdienst für die Familie. Mit einem Vollzeit-Pensum laufen die Mütter schliesslich Gefahr, zwischen allen Ansprüchen im Arbeitsleben und zuhause zerrissen zu werden.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt also für Sie eine Illusion?
Solange in der Vereinbarkeitsdebatte an diesem traditionellen Familienbild festgehalten wird und auch die Arbeitswelt nicht hinterfragt wird, habe ich wenig Hoffnung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2017, 18:54 Uhr

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Mariam Irene Tazi-Preve

Politikwissenschaftlerin

Die österreichische Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve hat mehrere Bücher zu Familienthemen verfasst. Eben von ihr erschienen ist «Das Versagen der Kleinfamilie». Die Lesung findet am 4. Mai um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Münstergass in Bern statt.

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