«Die Zivilisation ist eine ganz dünne Schicht»

Eugen Sorg über die Selbstverständlichkeit des Tötens, erfundene Berichte und den Wandel im Journalismus.

«Jeder Mensch, auf den du triffst, kann dir einen Ausschnitt der Welt geben.» Eugen Sorg mit Paschtunen zu Beginn des Afghanistankriegs 2001.

«Jeder Mensch, auf den du triffst, kann dir einen Ausschnitt der Welt geben.» Eugen Sorg mit Paschtunen zu Beginn des Afghanistankriegs 2001. Bild: Nathan Beck

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Diesen August verlassen Sie die Redaktion der Basler Zeitung, wo Sie seit 2011 als Textchef beschäftigt sind.
Im Sommer werde ich 65, ich freue mich, wieder auf Reisen zu gehen, und ich werde auch wieder mehr schreiben. Bei der Basler Zeitung behalte ich ein kleines Fixum.

Sie sind erst 1992, mit 43 Jahren, in den Journalismus eingestiegen.
Die klassische Ochsentour mit einem Einstieg beim Oberländer oder beim Limmattaler habe ich nie gemacht, ich habe direkt beim Magazin angefangen. Miklos Gimes, ein Freund, mit dem ich mich immer gerne über Journalismus, Gott und die Welt unterhalten habe, fragte mich eines Tages, ob ich nicht eine Geschichte für das Magazin schreiben wolle. Nach der dritten Story wurde mir ein Fixum angeboten, und dann wurde ich zum festen Mitarbeiter.

Was haben Sie vorher gemacht?
Studiert hatte ich Pädagogik, Psychologie und Literatur, danach arbeitete ich an einer Krisenberatungsstelle bei Kindesmisshandlung. Wichtig für meinen Einstieg in den Journalismus war das Jahr beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Zunächst war ich in Südsudan, was sehr spannend war. Entscheidend aber war mein Aufenthalt in Jugoslawien 1992, der mein ganzes Welt- und Menschenbild grundlegend ­veränderte – es wurde auseinandergerissen und ich musste es neu wieder zusammensetzen.

Weshalb?
Ich hatte bis dorthin immer viel gelesen, war viel gereist und hatte durchaus das Gefühl, ich verstünde etwas, wie es auf der Welt laufe, und hätte auch eine Ahnung vom Krieg. Ich glaubte zum Beispiel zu wissen, dass Menschen nicht freiwillig in den Krieg ziehen würden. Diese Gewissheit wurde zerschlagen, denn ich traf auf Kämpfer, die eine gute Zeit hatten, wenn sie nicht grade einen Schuss in den Bauch erwischt oder ihnen eine Granate ein Körperteil abgerissen hatte. Was mich erschütterte, war die Mitleidlosigkeit, die Selbstverständlichkeit des Tötens, das Töten ohne schlechtes Gewissen. Menschen, wie ich sie in Zürich vom Sehen kannte, vom Einkaufen, vom Fussball oder aus dem Freibad, sah ich als Freiwillige in Bosnien, und dort massakrierten sie ihre Nachbarn und plünderten deren Häuser. Die ­Zivilisation ist eine ganz dünne Schicht, die auch bei uns jederzeit brechen kann. Dass wir hier zivilisiert zusammenleben, ist ein kleines Wunder, das überhaupt nicht gesichert ist.

So sind Sie zum Schreiben gekommen?
Als IKRK-Delegierter war es mir nur möglich, sogenannte Situation Reports zu schreiben, in denen man nüchtern die Anzahl der Toten, den Ort des Gefangenenlagers und die allgemeine Sicherheitslage festhielt. Die starken und bewegenden Geschichten dahinter konnte man aber nicht erzählen, und da wusste ich plötzlich: Ich will zurückgehen, um darüber zu schreiben.

Sie waren nach dem Magazin auch lange bei der Weltwoche. Konnten Sie Ihre Vorstellungen von Journalismus überall umsetzen?
Ja, ich wurde nie im Geringsten behindert. Doch der Journalismus, wie ich ihn betreibe, ist kostspielig, es fallen Reisespesen an und es braucht einen Fotografen. In den 1990er-Jahren erhielt ich beim Magazin für eine Geschichte von 25 000 Zeichen 6000 Franken und mindestens einen Monat Zeit. 15 Jahre später wurden für das Gleiche noch 3000 Franken ausbezahlt. Davon kann man als freier Reporter in der Schweiz nicht leben.

Ist die klassische Reisereportage vielleicht einfach vorbei?
Das glaube ich nicht. Wenn jemand eine Reise in die Fremde tut und dann davon erzählt, ist dies ein Vergnügen seit den Höhlenbewohnern.

Kurt W. Zimmermann schrieb mal Folgendes über den Reporteralltag, wie er ihn wahrgenommen hat in der «goldenen Generation der journalistischen Boheme»: «Wir kamen um elf auf die Redaktion. Erst lasen wir ausgiebig die Zeitungen, dann verfügten wir uns zum Italiener um die Ecke. So gegen halb vier, nach dem letzten Grappa, kehrten wir ins Büro zurück.» War das jemals so?
Beim Magazin ist es wahrscheinlich noch heute so, einfach ohne Alkohol und ohne fettreiche Speisen. Aber ja, etwas mehr Druck hätte mir nicht geschadet. Wer Perfektionist ist, neigt dazu, immer weiter ins Detail zu gehen und noch das Letzte herausholen zu wollen. Doch irgendwann muss man Texte auch einfach mal abgeben.

Entstehen Ihre Texte mit klarem Bauplan oder mehr als Puzzle?
Nach Somalia wollte ich beispielsweise, nachdem ich im Lettre eine Fotostrecke gesehen hatte: Ein Bild zeigte einen lokalen Warlord der gesetzlosen Millionenstadt Mogadiscio, der mit glasigen Augen vom Kat auf einem rosa Bett mit kitschigem rosa Baldachin sass, inmitten seiner dünnen Mitkrieger (die Amerikaner nannten die Somalis «Skinnies»). Der dazugehörige Text überzeugte mich nicht, aber das Foto fesselte mich, und ich wusste: Ich will nach Somalia und herausfinden, wie es dort tatsächlich ist und wie dieses Land funktioniert.

Und wie macht man das?
Man benötigt einen guten Übersetzer und Guide, der versteht, und zwar nicht nur sprachlich, was man fragt, und man muss Leute finden, die einem plausibel schildern können, was vor Ort geschieht. Letzteres ist einfach und spannend, wird aber zu wenig genutzt. Eigentlich jeder Mensch, auf den du triffst, kann dir einen Ausschnitt der Welt geben. Wichtig ist nicht ein vorgefasstes Konzept, sondern das intuitive Erfassen der Situation, des Grundgefühls, der Stimmung: Ist sie entspannt, fatalistisch, melancholisch, paranoid, wild?

Sie waren auf Reportagereisen in vielen Kriegsgebieten, überhaupt an den gefährlichsten Orten der Welt. Sind Sie mutiger als andere Menschen?
Das würde ich nicht sagen, nein. Vielleicht neugieriger.

Sind Sie auf Reportage vielen begegnet, die mehr Abenteurer waren als verantwortungsvolle Journalisten?
Nur wenigen, die meisten sind gut vorbereitet und vorsichtig. Aber ich weiss zum Beispiel von einem deutschen Reporter, der für den Stern schrieb und 2001 in Nordafghanistan ums Leben kam. Der setzte sich aufs Dach eines Kriegsfahrzeugs der siegreichen Rebellen, seine langen blonden Haare flatterten im Wind – und so wurde er von Taliban erschossen, die sich auf dem Rückzug befanden. Eine solche Zielscheibe sollte man nie abgeben, meines Erachtens wurde er ein Opfer seiner eigenen Eitelkeit.

Viele spektakuläre Pressefotos aus Krisengebieten sind ja gestellt. Haben Sie solche gestellten Szenen beobachtet?
Nein, nicht direkt, aber falsche Übermittlungen und erfundene Korres-pondentenberichte. Weil die Zeitungen ja kaum mehr eigene Journalisten in die Krisengebiete schicken, informieren sich die grösseren Redaktionen oft direkt bei lokalen Kontaktpersonen. Ich sass einmal daneben, als in Mogadiscio ein lokaler Reuters-Mann, ein fanatischer Gegner der damals aktuellen Übergangsregierung, am Telefon der mitfühlenden und besorgten Redaktorin einer britischen Zeitung erklärte, um ihn herum seien schwere Gefechte im Gang – während wir ruhig in seinem Hof beim Tee sassen und draussen in der Stadt tatsächlich alles in den üblichen Bahnen verlief. Die Zeitung verfasste einen dramatischen Bericht über die angeblich katastrophale Lage und das skrupellose Vorgehen der Regierung, der dann natürlich auch in anderen internationalen Medien Aufnahme fand.

Haben Sie selbst beschönigt beim Schreiben? Um die Story interessanter zu machen, als sie in Realität ist?
Nein, nie, ich bin in dieser Frage sehr protestantisch, und ich neige eher zum Understatement.

Zu welchen Tricks kann denn ein Reporter greifen?
Die Versuchung, die Gefahren zu übertreiben, um sich wichtigzumachen, besteht, das ist einigen Texten gut anzumerken. Die wichtigste Zeit, um eine Lage einzuschätzen, sind die ersten paar Tage am neuen Ort, weil man dann genau sieht, was anders ist als an anderen Orten. Oft dachte ich, wenn ich länger in einem Kriegsgebiet war, es gäbe gar nichts besonders zu berichten – bis ich dann zurück in der Schweiz das eine oder andere Ereignis erzählte und bei den Zuhörern die Augen sich weiten sah. Dann merkt man, dass das Erlebte vielleicht doch nicht so trivial ist. Man gewöhnt sich sehr schnell an veränderte, auch extreme Umstände. Und natürlich kann ein Reporter auch Zitate erfinden, um Personen weiser, aufregender oder böser zu machen.

Wie schätzen Sie die Auslandsbericht­erstattung der Schweizer Medien ein?
Vieles davon wird heute vom Newsdesk aus erledigt, man schreibt ab aus Leitmedien wie der New York Times, der Washington Post, dem Spiegel oder der Zeit, wobei letztere zwei auch oft den grossen linksliberalen US-Blättern abschreiben. Auch die früher legendäre NZZ-Auslandsberichterstattung ist nicht mehr, was sie mal war.

Im Inlandteil der NZZ wurden Sie 1991 als «linker Aktivist» bezeichnet, im Zu­sammenhang mit Ihrem Buch «Lieblings-Geschichten», das als «Pamphlet» bezeichnet wurde. Waren Sie jemals ein linker Aktivist?
Aktiv wäre übertrieben, aber ja, ich komme von ganz links. Ich bin aber kein Konvertit: Mein utopisches Weltbild, dass der Mensch schon gut werde, wenn er nur in den richtigen Verhältnissen leben könne, dass es ohne Armut auch keine Diebe mehr gebe oder dass es ohne sexuelle Unterdrückung auch keine Sexualtäter mehr gebe, dieser alte linke Traum wurde mit meinem Aufenthalt in Jugoslawien 1992 endgültig zerstört. Ohne dass ein neuer Glaube an die Stelle des alten getreten wäre. Das tiefe Interesse an der Welt ist geblieben, gleichzeitig habe ich eine Grundskepsis gegenüber allen Grossdeutungen. Einer der von mir verehrten Autoren ist Montaigne.

Wo stehen Sie heute politisch?
Als Jugendlicher und junger Erwachsener war ich Anarchist, fand, der Staat müsse weg. Heute bin ich wahrscheinlich so etwas wie ein libertärer Konservativer. Meine Reisen in zerfallende Staaten haben mich anschaulich gelehrt, dass das Gewaltmonopol des Staates wichtig ist. Aber er soll sich auf wenige Kernaufgaben beschränken und ansonsten nicht reinreden, nicht erziehen, nicht versuchen, die Leute unbedingt vor dem eigenen Scheitern zu schützen – ich bin ein Gegner des linken, müffelnden Volkserziehungsheims.

Sind Sie ein Zyniker?
Nein, dafür bin ich zu sentimental.

Wie stehen Sie zu Drogen?
Ich war überzeugter Kiffer als Junger, ich reiste in die Haschischparadiese Afghanistan, Nepal und Marokko. Doch ich habe mit Kiffen schon lange aufgehört. Heute trinke ich gerne Wein.

Hat Sie eigentlich je interessiert, wem die Basler Zeitung gehört?
Nicht gross, nein. Aber man muss schon sehen, dass Christoph Blocher diese Zeitung gerettet hat. Hätten er und Tito Tettamanti sie nicht gekauft und nicht mit «Eisenfuss» Bollmann saniert, gäbe es diese Zeitung heute wahrscheinlich nicht mehr oder nur noch als eine weitere Variante der langweiligen Mainstream-Publikationen.

Wie stehen Sie zu Christoph Blocher und seiner SVP?
Ich stehe fern von der Partei, es ist nicht mein Milieu. Aber ich finde es überheblich und dumm, Leuten, die SVP wählen, Angstneurosen oder verstockte Fremdenfeindlichkeit zu unterstellen. Die Hilfsbereitschaft und der Goodwill der Bevölkerung gegenüber Gästen dürfen nicht überstrapaziert werden. Es sollte selbstverständlich sein und bleiben, dass man selber darüber bestimmt, wen man ins eigene Haus lässt und welche Regeln dort gelten. Dass es in der Schweiz, im Gegensatz zu unseren Nachbarländern, bisher keine Gewaltausschreitungen gegenüber Ausländern gab, obwohl bei uns ein viel grösserer Ausländer­anteil lebt, haben wir wahrscheinlich der SVP zu verdanken.

Welche Schweizer Reporter haben das Zeug, in Ihre Fussstapfen zu treten?
Es gibt in jedem Jahrgang herausragende Schreiber. Auch bei der Basler Zeitung haben wir einige junge und grosse Talente. Aber schön schreiben können ist nur ein Teil, es kommt auch darauf an, welchen Blick man hat auf die Welt. Es braucht etwas Fanatismus und Mut zur Einsamkeit, den Dingen wirklich auf den Grund gehen zu wollen. Und solche Journalisten benötigen auch Figuren, die ihr Talent erkennen und sagen: «Hier, mach!» Doch leider sind zu viele Chefredaktionen in der Schweiz mit Leuten besetzt, die weniger mutigen Journalisten gleichen, als vielmehr ängstlichen politischen Buchhaltern und Visitenkartenverteilern.

Was für einen Ratschlag geben Sie einem jungen Journalisten, der jetzt in die Branche einsteigt?
Such dir eine gute Zeitung, such dir einen guten Chef. Such dir ein Thema, für das du brennst. Such dir jemanden, der dich machen lässt. Lies viel, glaube wenig.

Das Interview erschien am 8. Juli in der Medienwoche. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.07.2014, 14:40 Uhr

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