Die hysterische politische Korrektheit

Kanadische Studentinnen sangen den legendären Lou-Reed-Song «Walk on the Wild Side». Dann mussten sie sich entschuldigen, weil sie damit die Gefühle eines Transsexuellen verletzt haben.

Fans trauern um Lou Reed, der am 27. Oktober 2013 gestorben ist. Sein berühmterster Song sorgte unter kanadischen Studenten für Aufregung.

Fans trauern um Lou Reed, der am 27. Oktober 2013 gestorben ist. Sein berühmterster Song sorgte unter kanadischen Studenten für Aufregung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vier junge Frauen, Chelsea, Emily, Becca und Kayla, Vorsteherinnen des Studierendenverbandes der renommierten Universität von Guelph in Kanada, hatten an einer Univeranstaltung den legendären Lou-Reed-Song «Walk on the Wild Side» abgespielt. Am nächsten Tag entschuldigten sie sich eilends und devot dafür, bereuten ihre «Ignoranz», bedauerten den «Schmerz», den die Songverse ihren «Freunden aus der trans community zugefügt» hätten und versprachen, solche «Fehler» künftig zu vermeiden. Was war passiert? Ein transsexueller Student hatte sich beschwert, er fühle sich durch den Song emotional verletzt.

Und was singt Lou Reed im 1972 produzierten Klassiker? Jeder der fünf Verse erzählt von Freunden und Bekannten Reeds aus dem Umfeld der Andy Warhol Factory – Transvestiten, Homosexuelle, Stricher. Der erste Vers lautet: «Holly kam aus Miami F.L.A./Fuhr per Anhalter durch die USA/Zupfte sich die Augenbrauen auf dem Weg/Rasierte ihre Beine/Dann war er eine sie/Sie sagt, hey Baby, spazier’ mal auf der wilden Seite usw.»

Minoritäten fordern homogene Schutzräume für ihresgleichen.

«Transphob» soll nun nach Urteil von Chelsea und Co. zum Beispiel die Zeile sein: «Dann war er eine sie», da sie die «Erfahrungen der trans folks entwerte» und «damit die Erfahrungen der Unterdrückung bagatellisiere». Der ganze Song sei problematisch. Er unterstelle, dass Transgender-Leute «wild», «ungewöhnlich» und «unnatürlich» seien.

Wer hier Hass auf sexuelle Minderheiten erblickt, leidet unter Wahnvorstellungen. Doch die Realitätsverzerrungen von Chelsea und Co. sind nicht nur individuelle Erscheinungen. Sie sind Ausdruck einer hysterischen politischen Korrektheit, die auf vielen nordamerikanischen Campussen grassiert. Diverse Minoritäten fordern homogene Schutzräume für ihresgleichen, Vorlesungen, die keine Gefahr bergen, angebliche Traumata – persönliche oder solche des eigenen Volkes – wieder zu beleben. Wachsende Bereiche der universitären Kultur erinnern mehr an gruppentherapeutische Einrichtungen mit hyperempfindlichen Insassen als an Orte geistiger Auseinandersetzung und rationaler Debatten.

«F*ck your feelings», postete jemand auf der Webseite der Uni. Es gibt offensichtlich auch solche, denen die Exaltiertheiten ihrer sensiblen Mitstudierenden gehörig auf die Nerven gehen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.06.2017, 10:03 Uhr

Artikel zum Thema

Es tut mir ja so leid

Kolumne Wer ein Indianerkostüm trägt oder sich ein Bindi auf die Stirn klebt ist neuerdings ein Rassist und muss sich bei der dauerempörten Öffentlichkeit entschuldigen. Mehr...

Total durchgeknallt

Die kanadische Transgender-Gesetzgebung macht das Leben für 97 Prozent der Bevölkerung sehr umständlich. Political Correctness wird zur Geissel der Gesellschaft. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mamablog Wenn sich gute Freunde trennen

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...