«Die verbreitete Zugänglichkeit pornografischer Inhalte hat zu einer Verrohung geführt»

Jeder siebte Jugendliche wurde schon Opfer sexueller Übergriffe – meistens durch Gleichaltrige. Kriminologe Manuel Eisner erklärt, welche gesellschaftlichen Entwicklungen dafür verantwortlich sind.

«Jugendliche, die sexuelle Übergriffe begehen, zeigen in der Regel auch allgemein gewalttätiges Verhalten»: Gestellte Szene eines Streits unter Jugendlichen.

«Jugendliche, die sexuelle Übergriffe begehen, zeigen in der Regel auch allgemein gewalttätiges Verhalten»: Gestellte Szene eines Streits unter Jugendlichen. Bild: Keystone

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Ihre Studie hat überraschend zutage gefördert, dass die meisten sexuellen Übergriffe auf Jugendliche durch Gleichaltrige verübt werden. Weshalb wurde dieser Aspekt zuvor unterschätzt?
Es gab bisher wenig Befragungen, die versucht haben, so breit verschiedene Formen von Opfererfahrungen zu erfassen. Für diese Untersuchung wurde speziell ein Instrument entwickelt, das Opfererfahrungen im Internet erfasst. Über die letzten 20 bis 30 Jahre gab es aber auch eine Verschiebung: Weniger Opfererfahrungen durch Übergriffe Erwachsener und mehr durch Gleichaltrige.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben zu dieser Verschiebung geführt?
Im Bereich der Übergriffe aus dem familiären Umfeld konnte man in den letzten Jahren dank wirkungsvoller Prävention und Intervention einiges erreichen. Es gibt verschiedene Hinweise, dass Missbrauch in der Familie rückläufig ist. Bei den Opfererfahrungen unter Gleichaltrigen spielt sicher auch die Verbreitung elektronischer Medien eine Rolle. Diese eröffnen neue Möglichkeiten für Täter, eine Person sexuell zu belästigen, beispielsweise intime Informationen über eine Person öffentlich machen. Die verbreitete Zugänglichkeit pornografischer Inhalte hat bei einzelnen Gruppen von Jugendlichen zu einer Verrohung geführt. Es gibt Schulhäuser, in denen auch unter 15-jährigen Jugendlichen eine ganz grobe, vulgäre, sexualisierte Sprache vorherrscht. Und das leistet auch sexuellen Übergriffen Vorschub.

Wo ziehen Sie denn die Grenze zwischen einem Jugendslang und verbalen sexuellen Übergriffen?
Dieser Übergang ist sicher ein Stück weit fliessend. Die Grenze hängt auch teilweise vom Opfer ab. Es kommt darauf an, ob eine Person eine gewisse Äusserung als Übergriff, als verletzend empfindet. Aber man muss auch sehen, dass bei einer Alltagssprache, die mit beleidigenden Schimpfwörtern operiert, das Risiko zunimmt, jemandem auch tatsächlich wehzutun.

Welche Rolle spielen denn heute noch die Übergriffe aus dem familiären Umfeld, die man bisher vor allem für sexuelle Gewalt gegen Jugendliche verantwortlich gemacht hat?
Ich würde es nicht auf die Familie beschränken, sondern generell von Übergriffen durch erwachsene Autoritätspersonen sprechen. Solche Taten spielen nach wie vor eine gewisse Rolle, bei Mädchen mehr als bei Knaben. In unserer Befragung haben etwa 4 bis 5 Prozent der bis zu 15-jährigen Mädchen von Übergriffen berichtet, die von einer Person begangen wurde, die älter als 25 Jahre war. Wie viele davon Familienangehörige betreffen, können wir nicht genau sagen. Der biologische Vater steht aber nicht im Zentrum. Bei unserer Befragung wurden andere männliche Verwandte öfter genannt, vor allem der Bruder.

Gilt das für Kinder und Jugendliche jeden Alters?
Man muss hier die Daten mit Vorsicht geniessen. Wir kommen in einen Intimbereich, dem man mit einer standardisierten Befragung wie der unseren womöglich nicht ganz gerecht wird. Was wir sicher wissen, ist, dass die Ergebnisse unserer Studie für Jugendliche gelten, nicht aber für Kinder. Im Kindesalter spielen Personen aus dem sozialen Nahbereich eine ganz wichtige Rolle als mögliche Täter.

Sie sagten «sexuelle Gewalt entsteht nicht aus dem Nichts, sondern steht in einem allgemein von Gewalt und Vernachlässigung geprägten Kontext.» Was bedeutet dieser Kontext ausser der vulgären Sprache sonst noch?
Es gibt nur wenige Jugendliche, die ausschliesslich Sexualstraftäter sind. Jugendliche, die sexuelle Übergriffe begehen, zeigen in der Regel auch allgemein gewalttätiges Verhalten. Man darf ihre sexuellen Übergriffe deshalb nicht isoliert betrachten, sondern man muss sie als Teil eines ganzen Verhaltenskomplexes begreifen.

Bei den möglichen Massnahmen gegen sexuelle Übergriffe fordern Sie denn auch, das Thema im Rahmen einer generellen Gewaltprävention stärker zu berücksichtigen.
Ja, ich glaube das ist wichtig. Wir können die Schulen und den Freizeitbereich nicht mit spezialisierten Präventionsmassnahmen für 100 verschiedene Verhaltensformen zupflastern. Stattdessen brauchen wir eine allgemeine Strategie, um rücksichtsvolles Verhalten untereinander zu fördern. In den USA hat man beispielsweise gute Erfahrungen im Bereich «dating violence» gemacht. Dabei wurden Jugendliche erfolgreich sensibilisiert auf Situationen, bei denen sie erste sexuelle Erfahrungen machen, oder allgemein Situationen, bei denen sie ein erhöhtes Risiko tragen, Opfer zu werden. Die ersten sexuellen Erfahrungen sind in der Regel von Unsicherheit geprägt, man kann leicht ausgenützt werden, es kann auch grosse Unterschiede geben zwischen dem, was der eine oder die andere will. Für Täter braucht es darüber hinaus aber spezielle Therapie- und Interventionsangebote.

Sie erwähnen in Ihrem Bericht risikofördernde und risikomindernde Faktoren. Was haben Sie herausgefunden?
Nicht alle Jugendlichen sind einem gleich hohen Risiko ausgesetzt, Opfer zu werden. Mädchen sind eher betroffen als Knaben. Kinder, die ein negatives, vernachlässigendes Elternhaus hatten, sind eher einem Risiko ausgesetzt. Und der Lebensstil spielt eine wichtige Rolle. Jugendliche, die Alkohol konsumieren, häufig ausgehen und selber delinquent sind, sind auch einem höheren Risiko ausgesetzt. Zu den risikomindernden Faktoren zählt ein behütetes familiäres Umfeld, vermutlich auch ein Umfeld, in dem man sprachlich aufeinander Rücksicht nimmt.

Sie fordern mehr «niederschwellige und altersgerechte Präventions- und Hilfsangebote». In welche Richtung könnte es gehen?
Ich habe das Thema «dating violence» angesprochen. Ich glaube das ist ein guter Ansatz. Man wird über die Schulen nachdenken müssen. Was können sie in Bezug auf sexualisierte Gassensprache unternehmen? Können sie ein Verbot solcher Sprache an Schulen durchsetzen? Da gibt es meines Erachtens durchaus noch Handlungsbedarf. Man wird aber auch den Freizeitbereich mitberücksichtigen und dort über sinnvolle Massnahmen nachdenken müssen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.03.2012, 09:42 Uhr

Manuel Eisner

Manuel Eisner ist Professor und stellvertretender Institutsleiter am Institut für Kriminologie der Universität Cambridge. Er ist ausserdem Privatdozent an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Ursachen und die Prävention von Jugendgewalt. Er leitet unter anderem eine Studie, an der 1300 Kinder der Stadt Zürich seit 2005 teilnehmen und die Aufschluss über Wurzeln von Aggression in Kindheit und Jugend geben soll.

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