Ein Sinnbild für Schweizer Ordnungsliebe verschwindet

In wenigen Tagen ist die Velovignette Geschichte. Über 100 Jahre lang prägte sie das Bild auf den Strassen. Ursprünglich war sie eingeführt worden, um Konflikte zwischen Kutschern und Velofahrern zu lösen.

Mit Selbstklebe-Etiketten war sie nur noch halb so reizvoll: Velovignette.

Mit Selbstklebe-Etiketten war sie nur noch halb so reizvoll: Velovignette. Bild: Keystone

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Die Velovignette ist in der Schweiz im neuen Jahr nicht mehr Pflicht. Damit sind alle Velofahrer selber für ihren Versicherungsschutz verantwortlich. Rund 120 Jahre lang war die Schweizer Eigenheit ein Sinnbild für Ordnungsliebe und Kantönligeist. Erfunden wurde sie, um das Velo-, Kutschen- und Fussgängerchaos auf den Strassen einzudämmen.

In den 1890er-Jahren muss auf Schweizer Strassen ein ziemliches Durcheinander geherrscht haben: Kutscher, erste Automobile, Fussgänger und Velofahrer kämpften auf nicht asphaltierten, staubigen Strassen um Vortritt. Verkehrsregeln gab es keine.

Velo entwickelt sich zum Volksfahrzeug

Die Folge waren zahlreiche Auseinandersetzungen, vor allem zwischen Kutschern und Velofahrern. Letztere waren dank der Erfindung des rücken- und hinterteilschonenden Luftpneus plötzlich in Massen unterwegs. Das Velo entwickelte sich zum Volksfahrzeug – unterstützt vom Touring Club Schweiz (TCS), der sich damals ausschliesslich für die Rechte der Velofahrer einsetzte.

Es sei anzunehmen, dass die Velofahrer öfters mal eine Geissel zu spüren bekommen hätten, sagte This Oberhänsli, Konservator am Verkehrshaus Luzern. Der Vedrängungskampf auf den Schweizer Strassen sei wohl beträchtlich gewesen.

Luzerner gelten als Erfinder

Um die Verkehrsteilnehmer nicht dem Gesetz des Stärkeren zu überlassen, führten die Kantone schliesslich Verkehrsregeln und Nummernschilder ein. Mit den Metallschildern, die ab 1906 zumindest für Autos obligatorisch wurden, konnten alle Verkehrsteilnehmer im Falle eines Unfalls identifiziert werden.

In welchem Jahr die ersten Velonummern angeschraubt und wann sie obligatorisch wurden, ist historisch nicht belegt. Die Geschichte des Velos sei immer etwas nebenher gelaufen, sagte Oberhänsli. Bis heute gebe es leider keine gesicherten Daten und viel zu wenig entsprechende Forschung.

Als Erfinder der Velonummer gelten aber die Luzerner – wohl weil das Durcheinander auf den dortigen Strassen wegen des wachsenden Tourismus und den vielen Hotelfahrzeugen besonders gross war.

1988 durch Selbstklebe-Etiketten ersetzt

An der Velonummer erkenne man gut die Schweizer Ordnungsliebe und das Bedürfnis, mit Schildern und Regeln etwas zu kontrollieren, sagte Oberhänsli weiter. Bis heute verfügt kein anderes Land über ein vergleichbares Versicherungssystem für Fahrräder wie die Schweiz mit der Vignette.

Die Velonummer steht aber auch für den typischen Schweizer Kantönligeist. Während rund 60 Jahren entwarfen alle Kantone ihre eigenen Nummern, wobei Farbgestaltung und Formen jedes Jahr variierten. Erst in den 1960er-Jahren konnte man sich auf die Form eines hochkanten Rechtecks einigen.

Es sollte bis Ende der 1970er-Jahre dauern, bis man sich auf die gemeinsame Grundfarbe rot einigte. Im Jahr 1987 wurden die letzten Metallschilder ausgestanzt. Aus Kostengründen wurden die Vignetten ab 1988 in Form von Selbstklebe-Etiketten verkauft. Für viele Sammler ein herber Schlag, da diese kaum emotionalen Wert hatten.

Das Verkehrshaus der Schweiz in Luzern besitzt eine Sammlung von rund 650 Nummernschildern. Die aktuellsten Schenkungen werden nun anlässlich des Vignetten-Endes in die Ausstellung aufgenommen. (miw/sda)

Erstellt: 30.12.2011, 13:00 Uhr

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Ohne Versicherung kann es teuer werden

Für jene 10 Prozent der Schweizer, die sich bis jetzt keine Haftpflichtversicherung leisteten, kann das im Unglücksfall teuer werden. Sehr viel Unheil richten Velofahrer im Normalfall nicht an. Verursachen sie einen Unfall, kommt in den meisten Fällen nur eine Autokarosserie zu Schaden. Die Versicherung Axa Winterthur schätzt die durchschnittlichen Kosten auf etwa 2000 Franken.

Werden Menschen verletzt, kann dieser Betrag aber stark steigen. Die Axa Winterthur beispielsweise behandelte in den letzten Jahren mehrere Fälle, bei denen die Schadenssumme über 500'000 Franken lag. Bei einem noch nicht abgeschlossenen Fall schätzt sie den angerichteten Schaden gar auf rund zwei Millionen Franken.

Bis jetzt waren diese Unglücksfahrer automatisch über die Vignette versichert. Ab Januar muss neu der private Haftpflichtversicherer für die Schäden aufkommen. Fachleute schätzen aber, dass rund 10 Prozent der Schweizer keinen solchen Schutz besitzen und allfällige Unfallschäden somit selber zahlen müssten.

«Velofahrer sollten jetzt überprüfen, ob sie eine Haftpflichtversicherung haben. Falls nicht, empfehlen wir dringend, eine abzuschliessen», sagt Daniel Wernli vom Nationalen Garantiefonds (NGF). Dieser entschädigt in der Schweiz alle Unfallopfer, bei denen der Verursacher entweder unbekannt ist oder nicht versichert war. (SDA)

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