Ein paar hundert Euro für eine Niere

Vor sieben Jahren verkaufte der 36-jährige Bauer Madhab Parajuli eine Niere an einen Organhändler - eine Entscheidung, die der nepalesische Bauer heute bitter bereut.

Nicht nur die Narbe erinnert ihn ständig an die Organentnahme: Bauer Madhab Parajuli.

Nicht nur die Narbe erinnert ihn ständig an die Organentnahme: Bauer Madhab Parajuli. Bild: AFP

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Parajuli ist nicht der einzige Bewohner des Dorfs Jyamdi mit der typischen OP-Narbe: Auch Nachbarn haben eine ihrer Nieren hergegeben - aus Geldnot, Unwissenheit, Angst. Jyamdi liegt 50 Kilometer östlich der Hauptstadt Kathmandu nahe der indischen Grenze und ist damit ideale Anlaufstation für Organhändler. Sie erzielen auf dem Schwarzmarkt bis zu 15'000 Euro für eine Niere.

Hochverschuldet stand Parajuli vor sieben Jahren vor der Wahl: Er sollte entweder sein kleines Stück Land aufgeben oder eine seiner Nieren verkaufen. Verzweifelt nahm er schliesslich die Offerte eines Organhändlers an, der ihm 100'000 Rupien (rund 1050 Euro) bot. Die Ernüchterung folgte nach der Organentnahme, für die er extra nach Indien gereist war. «Ich bekam nur ein Drittel der versprochenen Summe, meinen Hof konnte ich nicht halten», erzählt Parajuli. Seine Familie verliess ihn, heute verdingt er sich als Tagelöhner. «Noch immer spüre ich hin und wieder auf der Seite Schmerzen», sagt er und zeigt auf die 15 Zentimeter lange OP-Narbe. «Hätte ich das alles gewusst, hätte ich meine Niere nie hergegeben».

Nur an Blutsverwandte oder Ehepartner

Das nepalesische Gesetz erlaubt Nierentransplantationen nur, wenn das Organ von einem Blutsverwandten oder Ehepartner gespendet wird. Das indische Transplantationsgesetz ist weniger streng, hier kann die Spenderniere auch von einem Fremden kommen, sofern eine einvernehmliche Vereinbarung vorliegt. Deshalb lassen Organhändler den Eingriff gerne in Indien vornehmen. Sie locken verarmte Dorfbewohner mit falschen Versprechungen, manchmal zwingen sie sie.

Auch Mohan Sapkota wurde in Indien operiert. Eigentlich sollte er nur einen Patienten begleiten, seltsamerweise aber musste er vor Reiseantritt eine Blutuntersuchung und einen Gesundheitscheck machen. Erst im südindischen Chennai klärte ihn der Organhändler auf, dass er selbst der Patient sei: «Ich hatte kein Geld, keinen Besitz, und der Händler versprach, für die Ausbildung meiner Kinder aufzukommen - also willigte ich ein, eine Niere abzugeben», sagt der 43-Jährige. Von der Ausbildungshilfe allerdings war nach der OP keine Rede mehr: «Letztendlich bekam ich nur 60'000 Rupien (626 Euro).»

Geld wird für Alkohol ausgegeben

Für den Soziologen Ganesh Gurung ist Sapkotas Schicksal nur ein Paradebeispiel für die Strategie vieler Organhändler: «Einmal in Indien angekommen, können die Spender kaum noch zurück. Sie verstehen die Sprache nicht, haben kaum Möglichkeit zu verhandeln», sagt er. «Und wenn sie wieder in ihrem Dorf sind, geben viele das Geld für Alkohol aus.»

Nach einer Untersuchung einer regionalen Nicht-Regierungsorganisation aus dem Jahr 2009 verkauften allein im Bezirk Kavre, wo auch Jyamdi liegt, 300 Menschen eine Niere. Offizielle Statistiken gibt es nicht, die wahre Zahl liegt vermutlich noch höher. In Jyamdi etwa kommen viele der Kleinbauern mit dem, was sie anbauen, nicht über die Runden. Wollen sie nicht in Kathmandu oder Indien auf Arbeitssuche gehen, haben sie kaum Alternativen. «Die Organhändler grasen die Orte nach armen Leuten ab», sagt Jyamdis ehemalige Dorfvorsteher, Krishna Bahadur Tamang. «Die Leute hier sind verzweifelt und ungebildet, deshalb haben die Händler leichtes Spiel.» (pbe/AFP)

Erstellt: 05.01.2011, 21:20 Uhr

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