Eine Provokation

Die Entscheidung, keine Kinder zu haben, gilt als verächtlich, als egoistisch.

«Endlich!», jubelte die Klatschpresse über dieses Bild. Doch Jennifer Aniston ist nicht schwanger. Foto: Dukas

«Endlich!», jubelte die Klatschpresse über dieses Bild. Doch Jennifer Aniston ist nicht schwanger. Foto: Dukas

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Es ist ihr so richtig der Kragen geplatzt. Sie sei, hielt Schauspielerin Jennifer Aniston gestern in der «Huffington Post» fest, nicht schwanger. Aber wütend. Und was sie da schrieb in ihrem Furor, der am Schluss im Begriff «Bullshit» gipfelte, war der Rundumschlag von einer, die offensichtlich genug hat. Genug davon, wie sie als kinderlose Frau be- und vor allem verurteilt wird.

Dabei hatte sie ja bloss keine Lust gehabt, in den Ferien am Strand den Bauch einzuziehen. Aber die Presse hatte so erleichtert wie hingerissen «Endlich!» gejubelt, und Aniston war von wildfremden Menschen zu ihrer angeblichen Schwangerschaft gratuliert worden. Der vergangene Monat, schrieb sie daher, habe ein Schlaglicht darauf geworfen, wie sehr sich der Wert einer Frau immer noch danach bemesse, ob sie verheiratet sei und Kinder habe.

Sie hat ja recht. Grundsätzlich, und auf sich bezogen sowieso. Keine andere Prominente war öffentlich derart bemitleidet worden wie Aniston nach der Scheidung von Brad Pitt. Sie galt als Prototyp der unglücklichen Frau: verlassen (schlimm) für eine Schönere (noch schlimmer), mit der Pitt dann Kinder hatte, während Aniston unverheiratet und kinderlos zurückblieb (das Allerschlimmste, die totale Demütigung, das radikale Scheitern als Frau in jeglicher Hinsicht). Immerhin, Aniston fand ihr Glück doch noch, sie heiratete letztes Jahr, das Publikum atmete auf. Aber sie wurde nicht schwanger. Es ist ihr grösster Makel.

Denn das grösste Kompliment, das einer Frau gemacht werden kann, lautet bis heute: Du wärst eine tolle Mutter! Und nicht etwa: Du wärst eine tolle Bundesrätin – weil die Mutterschaft immer noch die Krönung des weiblichen Daseins darstellt. Frauen ohne Kinder gelten deshalb als mangelhaft. Und auch, selbst wenn das niemand mehr laut zu sagen wagt, weil es doch zu unangenehm an die Sache mit dem Mutterkreuz erinnern würde: als unnütz.

Aniston tat der Öffentlichkeit nie den Gefallen, sich zu beklagen. Und just das reizte diese noch mehr. Eine kinderlose Frau soll gefälligst zugeben, dass sie unter ihrem Schicksal leidet. Sie soll gramgebeugt durchs Leben gehen, nachgerade versehrt, sich ihrer Unvollkommenheit bewusst. Das besänftigt die Umwelt, sie wertet es angesichts der abnormalen Situation befriedigt als normale Reaktion: Immerhin, die gute Absicht war da – sie wollte, konnte aber nicht. Brave Frau.

Weniger gnädig geht man mit jenen ins Gericht, die nie Lust auf Kinder verspürten. Diese Frauen taugen nicht als Opfer. Sie sind nicht bemitleidenswert, sondern vielmehr eine Provokation, ein Fehler im System, mitunter fällt auch der Begriff «nicht normal». Sie entziehen sich ihrer ureigenen, weiblichen Bestimmung, sie sind bockig. Bockige Frauen mag man nicht. Und so erklärt man sie kurzerhand kollektiv als egoistisch, wobei sich die Frage stellt, inwiefern sich ausgerechnet in der Abwesenheit eines Wunsches Egoismus manifestieren können soll. Unglücklich sollen sie auch sein, und man spricht ihnen ab, «richtige Frauen» zu sein. Bezogen auf ein weibliches Wesen – selbstverständlich nur bezogen auf ein weibliches Wesen –, wird «kinderlos» nie neutral verwendet, sondern stets als stummes Urteil, da schwingt jeweils ein vielsagendes «Du weisst, was ich meine» mit.

Plump, taktlos, dumm

Und es sind vor allem Mütter, die Nicht-Müttern ihr Leben zum Vorwurf machen. Es kam nicht von ungefähr, dass die britische Abgeordnete Andrea Leadsom die Kinderlosigkeit ihrer parteiinternen Konkurrentin Theresa May letzte Woche als Manko darstellte; ein Mann hätte sich das nicht getraut. Aber Leadsom liess sich hinreissen; beseelt von der allgemein gültigen Überzeugung, Mütter seien die besseren Menschen, ging sie sogar so weit, sich alleine deswegen für das Amt der Premierministerin befähigter zu halten.

Das war in der Absicht, May herabzusetzen, so plump wie taktlos und abgesehen davon dumm. Denn May hatte eine Woche zuvor erklärt, es habe ihren Mann und sie enorm geschmerzt, keine Kinder haben zu können. Die Herzen flogen ihr zu, Leadsom fand man niederträchtig. Sie hätte doch wissen müssen: Gegen eine Frau, die wollte, aber nicht konnte, hat nicht einmal eine Mutter eine Chance. Jennifer Aniston sieht das alles schon sehr richtig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2016, 23:17 Uhr

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