«Er fühlte sich als Kriegermönch»

Hitler, Mussolini – und Codreanu. Ein Gespräch mit Oliver Jens Schmitt über die Nummer drei des Faschismus.

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BaZ: Herr Schmitt, Sie haben ein Buch über Corneliu Zelea Codreanu (1899–1938) geschrieben und schildern ihn als dritten wichtigen Faschistenführer der europäischen Zwischenkriegszeit nach Adolf Hitler und Benito Mussolini. Weshalb ist sein Name heute kaum mehr jemandem bekannt?

Oliver Jens Schmitt: Codreanu war immer in der Opposition, nie an der Macht. Er wurde 1938 getötet, seine Bewegung wurde erst 1940 an der Regierung beteiligt, als das Militär in Rumänien die Macht übernahm und die Ermordung der Juden im Land organisierte, wie Codreanu sie immer propagiert hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, unter den Kommunisten, wurde Codreanu totgeschwiegen, als hätte es ihn nie gegeben. Tatsächlich war er in gewisser Weise erfolgreicher als Hitler und Mussolini.

Inwiefern erfolgreicher?
Auf dem Höhepunkt seines Einflusses hatte er über eine Million Anhänger. Das waren meist keine Mitläufer, sondern Gläubige. Mehr als zehn Prozent der ethnischen Rumänen zählten zu seiner Kerngefolgschaft. Das ist ein Wert, den Hitler in Wahlen übertraf, aber nicht mit seiner Bewegung.

Was waren die Hauptideen des rumänischen Faschismus?
Nationalismus, Antisemitismus, orthodoxer Mystizismus. Dominant war die Vorstellung, die rumänische Nation sei durch die Juden bedroht. Die Hauptparolen lauteten: Errettung, Wiederauferstehung.

Eine politische Religion?
Codreanu war im Prinzip ein religiöser Führer. Sein Ziel war die kollektive Auferstehung der Nation, und das meinte er nicht metaphorisch. Als tiefgläubiger Mensch war sein Ziel nicht ein besseres Leben auf Erden, sondern das kollektive Seelenheil der Nation.

Klingt lächerlich.
Das klingt für uns seltsam, ja, aber es war offensichtlich ein wichtiger Faktor seines Erfolgs. Es gibt eine bekannte Anekdote: Codreanu reitet auf einem Schimmel in ein siebenbürgisches Dorf und betet mit den Bauern, redet sonst aber kein Wort. Ein jüdischer Junge, der die Szene beobachtet, wird später von einer speziellen Aura berichten, die Codreanu umgeben habe. Der Junge hiess Nicholas Nagy-Talavera und wurde ein führender Faschismusforscher.

Codreanu sah auffällig gut aus. War das wichtig für seinen Erfolg?
Ganz bestimmt. In Grossbritannien wurde er gehypt und mit Hollywood- Stars verglichen – es hiess, er sei der bestaussehende Faschist der Welt. In Rumänien wurde er von Anhängern schier vergöttlicht. Das hing auch mit seinem Lebenswandel zusammen.

Wie lebte er?
Asketisch, in einer Idealkommune nach monastischen Regeln. Das unterschied ihn von Hitler oder Mussolini, die auch Zerstreuung suchten. Codreanu widmete sich nach der politischen Arbeit dem Gebet und lachte nie, und das in einem Land, in dem gerne gelacht wird. Dass er eine Nichte adoptierte, war ebenfalls ungewöhnlich. Wahrscheinlich lebte er enthaltsam, obschon er verheiratet war. Er wollte die Gesellschaft in kleine Kommunen, sogenannte Nester, organisieren, um einen Neuen Menschen zu erschaffen. Sein Fanatismus irritierte viele, andere waren fasziniert.

Glaubte er, was er predigte?
Er glaubte fanatisch an seine Mission, ebenso wie seine Familie. Sie sah in ihm den gottgesandten Erretter des rumänischen Volks.

Also betonte Codreanu seine Herkunft, im Unterschied zu Hitler, der sich gerne losgelöst von verwandtschaftlichen Beziehungen inszenierte?
Ja, der rumänische Faschismus war ein Projekt der Familie Codreanu. Die Schlüsselfigur war der Vater: ein politischer Aktivist und radikaler Antisemit mit Verbindungen zur Elite. Weil Rumänien schon damals stark von Geheimdiensten kontrolliert wurde wie später im Kommunismus, vertraute der Sohn nur nahen Verwandten und ein, zwei engen Freunden. Der kommunistische Diktator Nicolae Ceausescu liess später Codreanus überlebende Geschwister bespitzeln.

Was erfuhr er?
Aus den Protokollen geht hervor, dass sie hervorragend fanden, was Ceausescu erreicht hatte: ein machtvoller Staat, der respektiert werde in der Welt, ein industrialisiertes Rumänien, ein modernes Rumänien – schade, dass dieser Mann kein Christ sei. Das sagt schon relativ viel über die Nähe von Faschismus und Kommunismus in Rumänien.

Codreanu war Anti-Kommunist.
Ja, das schon. Er begann als Aktivist gegen kommunistische Streikbewegungen, doch später vollzog er einen Linksschwenk, um die Arbeiter in seine Bewegung zu integrieren. Ihm half, dass die meisten Arbeiter in Rumänien nie kommunistisch waren, dafür waren sie zu sehr gläubige Christen.

War der Linksschwenk entscheidend für Codreanus Aufstieg?
Nein, sein Aufstieg begann viel früher. Entscheidend war, dass es ihm gelang, aus einer Studenten- eine Massenbewegung zu machen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Rumänien das allgemeine Männerwahlrecht eingeführt. Das Establishment förderte Codreanu, weil es ihn als Bollwerk gegen die Kommunisten brauchte. Zudem hatte er die Unterstützung der Bauern. Viele Studenten, die sich ihm anschlossen, waren Bauernkinder.

Mit freien Bauern macht man keine Revolution, auch keine faschistische.
Deshalb hat Codreanu später die Arbeiter umworben. Irgendwann verlor er aber die Kontrolle über seine Bewegung.

Wie kam es dazu?
Er führte Face to Face. Daher konnte er bei dem rasanten Wachstum der Bewegung kaum neue Vertrauensverhältnisse aufbauen und kannte viele Anhänger nicht mehr persönlich. Seine Anhänger dachten, sie machten ihm einen Gefallen, wenn sie auf einen Uni-Rektor schossen, jüdische Geschäftsleute attackierten oder Scheiben einschlugen. Codreanu, der Wahlen gewinnen wollte und das Establishment brauchte, versuchte nun, seine Anhänger zu bremsen. Aber er drang nicht mehr durch, nicht zuletzt weil er stets Gewalt und auch Mörder in seiner Bewegung verherrlicht hatte.

1938 wurde er dann verhaftet.
Ja, und kurz darauf liess die Regierung seine Organisation verbieten. Interessant ist, wie Codreanu darauf reagierte. Er befahl nicht: «Jetzt geht es in den Kampf!» Sondern: «Drei Tage schwarzes Fasten!» Das bedeutet in der Orthodoxie: kein Brot, kein Wasser.

Eine seltsame Reaktion für einen Faschisten.
Codreanu fühlte sich als eine Art Kriegermönch. Er war am Ende seines Lebens, bevor er 1938 in Haft ermordet wurde, eigentlich bereits ein politischer Leichnam. Er war zur bremsenden Kraft seiner Bewegung geworden und wurde von radikal-revolutionären Kräften überholt. Sein letztes grosses Projekt war ein Kommentar der Paulus-Briefe. Nichts zeigt besser sein dauerndes Schwanken zwischen Gewaltaktivismus und Mystik.

Angenommen, er hätte 1940 noch gelebt: Wäre er nicht als Führer der Faschisten in die Regierung eingetreten?
Doch, vermutlich schon. General Ion Antonescu, der starke Mann der Militärregierung, hat ihn bewundert. Er hätte Codreanu wohl als spirituelle Führerfigur der Nation eingesetzt, nicht als Politiker. Das wäre Codreanu entgegengekommen, denn als praktischer Politiker war er mittelmässig.

Sie schildern Codreanu als tiefgläubigen Christen. Hätte er die Ermordung der Juden gutgeheissen und gegen das biblische Gebot verstossen, wonach man nicht töten soll?
Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er sich am Massenmord nicht beteiligt hätte. Er war antisemitischer als der grosse Rest seiner Bewegung. Zwar hatte er immer wieder Gewissensbisse, weil er einmal einen Polizeichef getötet hatte, aber er erachtete Gewalt durchaus als legitimes politisches Mittel. Schon 1923 hatte er einen Putsch geplant mit Massenmord an der politischen Führung und an der Führung der jüdischen Gemeinden.

Ist Gewalt ein konstitutives Element des Faschismus?
Ja, aber kein exklusives. Gewalt ist auch linksextremen Bewegungen inhärent.

Was verstehen Sie unter Faschismus?
Ich beziehe mich auf die Definition des Historikers Roger Griffin, der Faschismus als palingenetischen Ultranationalismus begreift.

Was heisst das? Geht es um die Idee der nationalen Wiedergeburt?
Ja, sie entspringt einem Katastrophendenken, wonach die Nation in Gefahr sei, oftmals mit den Juden als Feindbild. Wichtig aber ist: Die Faschisten wollten nicht zurück in eine idealisierte Vergangenheit. Der klassische Faschismus war ein Projekt der Moderne, keine reaktionäre Ideologie, war, wie man meinen könnte.

Zurzeit wird viel über Faschismus diskutiert. Manche wollen in Donald Trump, andere in Wladimir Putin oder Viktor Orban einen Kryptofaschisten erkennen. Wie erleben Sie diese Debatten?
Der Begriff Faschismus bringt relativ wenig, um heutige politische Verhältnisse zu beschreiben. Das beginnt damit, dass es in der Wissenschaft keine allgemein akzeptierte Definition gibt. Im politischen Diskurs wird erst recht unklar, was damit gemeint sein soll. Es ist einfach eine Art Feindetikett. Mich erinnert das an alte Ketzerhandbücher: Es taucht eine neue Häresie auf, und man kategorisiert diese Abweichung nach dem, was man schon kennt.

Sie beschäftigen sich als Historiker mit Osteuropa. Welches demokratische Land dieser Region ist zurzeit am stärksten gefährdet, in einen rechten Autoritarismus abzugleiten?
Am sichtbarsten ist es zurzeit in Polen und Ungarn. Aber man darf den Balkan ausserhalb der EU nicht vergessen: Albanien, Mazedonien, Serbien – es gibt das Modell eines autoritären Führers, der Nationalismus als Ressource verwendet, Medien und Rechtsstaatlichkeit massiv unterdrückt und dies dem Westen als Stabilität und Hilfe in der Migrationsfrage verkauft. Fast der ganze Westbalkan ist in diesem Fahrwasser.

An welche Politiker denken Sie?
Nehmen Sie Aleksandar Vucic, den serbischen Präsidenten. Er war in den Neunzigern einer der übelsten nationalistischen Hetzer überhaupt und hat es trotzdem geschafft, von grossen Teilen der westlichen Medien als pro-westlicher Stabilisator dargestellt zu werden.

Wie ist es in Rumänien?
Dort gibt es eine andere Sensibilität und eine andere Debattenkultur. Dass viele führende Intellektuelle zum Faschismus und nicht zum Kommunismus tendierten, beschäftigt das Land bis heute. Emil Cioran, der später als Philosoph weltberühmt wurde, war ein glühender Anhänger von Codreanu und hat ihn mit Jesus Christus verglichen. Der Faschismus war in Rumänien ein stark intellektuelles Phänomen, ähnlich wie in Italien. Es gibt in Italien heute eine Debatte über die Kulturgeschichte des Faschismus, das war vor einigen Jahren noch undenkbar. Damals hiess es, Faschisten konnten keine Intellektuelle sein.

Gelehrte wie Umberto Eco erklärten fehlerhafte Syntax zu einem Wesensmerkmal des Faschismus.
Das spiegelt die ältere Haltung der italienischen Linken. Die neuere Forschung hat klar gezeigt, dass es intellektuelle Strömungen im Faschismus gab, und sie erklären einen Teil des Erfolgs. Es war eben nicht einfach eine Bewegung von primitiven Schlägern ohne intellektuellen Anspruch. Das gefällt nicht allen, aber man muss das ernst nehmen. Wer die Feinde der Demokratie unterschätzt, spielt mit dem Feuer. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.06.2017, 10:12 Uhr

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