«Es ist schwer, die Sowjetunion zu vermissen»

Der Musiker Vladimir Ashkenazy über seine Jahre im Kommunismus und seine Haltung zu Wladimir Putin.

«Ich wollte Russland etwas zurückgeben.» Der russische Dirigent und Pianist Vladimir Ashkenazy in seinem Haus in Pura, Tessin.

«Ich wollte Russland etwas zurückgeben.» Der russische Dirigent und Pianist Vladimir Ashkenazy in seinem Haus in Pura, Tessin. Bild: Daniel W. Szpilman

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Auf einem Hügel thront eine kleine Kirche. Olivenbäume umringen sie. Es riecht nach verbranntem Holz, und ein weisser BMW fährt vor. Hinter dem Steuer sitzt der Pianist und Dirigent Vladimir Ashkenazy. Sein Haar fällt ihm leicht ins Gesicht – wie auf den Fotos von 1955, als er als junger Mann in einem viel zu langen Frack den zweiten Platz des Chopin-Wettbewerbs in Warschau gewann.

Wir fahren zu ihm nach Hause. In dem Bau, südländisch charmant statt alpin konservativ, lebte der italienische Pianist Arturo Benedetti-Michelangeli, erzählt er mir und deutet auf eine von Büschen verdeckte Villa. Fernab von Stadttrubel und Alltagsstress ist Ashkenazys traute Zuflucht von Bergen und Natur umgeben. «Es ist ruhig hier», sagt er in seinem russisch angehauchten Englisch und öffnet die Pforte. Im Wohnzimmer türmen sich Tausende CDs. Zwei Steinway-Flügel und unzählige Bücher verleihen dem Haushalt den letzten Schliff. An den Wänden Bilder von Komponisten wie Brahms und Rachmaninow, Briefe und Andenken.

Zu jedem noch so kleinen Detail unendliche Geschichten, zu jedem Foto mehr als tausend Worte und zu jeder Partitur Emotionen aus längst vergangenen Tagen.

BaZ: Herr Ashkenazy, 1962, mitten im Kalten Krieg, gewannen Sie den Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Sie teilten sich den ersten Preis mit dem Engländer John Ogdon. Wie erlebten Sie die Atmosphäre damals in der Sowjetunion, nachdem Sie, als Russe, mit einem Westler den ersten Platz belegten?
Vladimir Ashkenazy: Die Geschichte geht weiter zurück. 1955 gewann ich den zweiten Preis des Chopin-Wettbewerbs. Ein Jahr später den ersten Preis an der Queen Elisabeth Competition in Brüssel. Normalerweise nimmt man nach solchen Erfolgen nicht mehr an grossen Wettbewerben teil. Aber sie zwangen mich, am Tschaikowsky-­Wettbewerb teilzunehmen, weil sie sichergehen wollten, dass ein Russe den ersten Preis holt. Insbesondere, weil der Amerikaner Van Cliburn 1958 den ersten Preis gewann. Sie sagten mir, dass sie meine Karriere beenden würden, wenn ich nicht teilnähme.

Wen meinen Sie mit «sie»?
Das sowjetische System und das Kulturministerium. Sie zwangen auch meine Frau, die sowjetische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Sie musste ihre isländische Nationalität aufgeben. Der Beamte, der ihr die Staatsangehörigkeitsurkunde ausstellte, sagte damals: «Glückwunsch, nun sind Sie Staatsangehörige des freisten Landes der Welt.» Es war ein Albtraum.

Also hing von dieser Teilnahme Ihre Karriere ab?
Nicht nur meine, sondern auch die anderer sowjetischer Pianisten, die auserkoren waren, diesen Preis nach Russland zu bringen. Wir wurden für Propagandazwecke benutzt. Nach den ersten zwei Runden hatte ich nach Punkten geführt. Aber das Tschaikowsky-Konzert, welches gespielt werden muss, liegt mir nicht so sehr, weil ich sehr kleine Hände habe. Deswegen spielte ich es damals auch nicht so hervorragend und teilte mir den ersten Preis mit Ogdon. Er war ein guter Freund von mir, ich mochte ihn sehr. Er starb viel zu früh. Nun, so war es in Moskau damals. Es war nicht einfach. Obwohl die Ära Chruschtschow besser war als die Ära zuvor oder die Ära danach.

Lernten Sie Chruschtschow damals kennen, als Sie den Preis gewonnen ­hatten?
An der Preisverleihungsfeier kamen sie in einer Reihe herein: Chruschtschow, Breschnew, Mikojan und Suslow. Ich schüttelte ihre Hände, sie wollten Ogdons Hand schütteln, doch plötzlich lachte Chruschtschow laut auf.

Worüber lachte er?
Er schaute Ogdon ins Gesicht, zeigte mit seinem Finger auf ihn und sagte spöttisch: «Boroda», Bart, weil Ogdon Bart trug. Dann schüttelte er seine Hand.

Wieso tat Chruschtschow das?
Weil es damals im Osten unüblich war, dass die Oberschicht Bart trägt. Ein Beweis dafür, dass er Ogdon noch nie zuvor gesehen hatte. Ich werde das nie vergessen. Danach wollte das Kulturministerium, dass ich Konzerte im Ausland spiele, und 1963, bei einem Besuch in England, blieben meine Frau, unser Sohn und ich dort. Wir liessen vieles zurück. Ich wurde zur Persona non grata, obwohl ich sowjetischer Staatsbürger geblieben bin. Im Konsulat nannte man uns «Verräter», als meine Frau sich entschieden hat, die sowjetische Staatsangehörigkeit wieder aufzugeben, um ihre isländische wieder zu erhalten.

Heute sind Sie isländischer und Schweizer Staatsbürger. Sehen Sie sich dennoch als Russen?
Natürlich. Ich verbrachte 26 Jahre meines Lebens in Russland. Aber als Musiker in der Sowjetunion damals war man Teil einer besonderen Gruppe, die nichts mit der kommunistischen Herrscherklasse in Russland zu tun hatte.

Ihr Lehrer war der Pianist Lev Oborin. Es war die Zeit von Meistergeigern wie David Oistrach und Leonid Kogan. Kannten Sie sie alle?
Ja. Lev Oborin war ein wunderbarer Mann. Das waren allesamt Menschen, die im Geiste frei waren. Durch die Kunst.

Wie und wieso lebten die Künstler in der Sowjetunion?
Als Künstler hatte man einen besonderen Status. Auf der einen Seite hatten wir die Möglichkeit, bei sehr guten Lehrern zu studieren und viel zu lernen. Wir waren das kulturelle Aushängeschild des Regimes. Anders als die Literaten beispielsweise, die konstant unterdrückt wurden. Andererseits beherrschten die Behörden unser ganzes Leben. Wir mussten uns ihrem Willen beugen.

Dennoch entschieden sich Virtuosen wie Oistrach, Emil Gilels oder Swjatoslav Richter gegen eine Flucht in den Westen. Wieso?
Ich weiss nicht, ob sie jemals in den Westen wollten, da sie von den Sowjets sehr gut behandelt wurden. Und sie hatten Familien. Richter dagegen wollte nicht weg. Er sah sich nur der Musik verpflichtet und die konnte er in der Sowjetunion genauso gut spielen wie im Westen. Ich kann Ihnen gerne eine Geschichte über David Oistrach erzählen, wollen Sie?

Sehr gerne.
Oistrach musste Mitglied der Kommunistischen Partei werden. Er bekam ein Parteibuch. Oistrachs Sohn, Igor, selbst ein begnadeter Geiger und sehr netter Mensch, den ich auch gut kenne, lebte mit seinem Vater. Sie hatten eine Drei-Zimmer-­Wohnung in einem guten Moskauer Stadtteil, aber wenn Vater und Sohn getrennt üben wollten, kamen sie sich akustisch in die Quere. Also traf David Oistrach einen hohen Parteifunktionär und fragte nach einer separaten Wohnung für seinen Sohn. Und dieser antwortete: «Genosse Oistrach, wir können nichts tun. Viele haben nicht mal annähernd so eine gute Wohnung wie Sie.» Man konnte keine Ravel- oder Strawinsky-­Partituren kaufen. Von meinen Reisen brachte ich meistens Koffer voll mit Noten mit, weil man sie bei uns nicht kaufen konnte.

So sah also das Leben hochkarätiger Musiker in Russland aus.
Er durfte ins Ausland reisen, er durfte konzertieren, er durfte vieles. Aber nach so einer Gefälligkeit zu fragen: Nein. Wahrscheinlich hätte Oistrach aber nicht einmal genug Geld gehabt, um sich eine Wohnung für seinen Sohn zu leisten.

Obwohl er ein solch bekannter Musiker gewesen ist?
Wissen Sie, egal, ob er in den USA eine Gage von 5000 Dollar bekommen sollte, zu Hause wurden ihm davon 115 Dollar ausgezahlt. Vielleicht 120, ich weiss es nicht mehr. 150 aber sicher nicht. Der Rest ging an die Sowjetunion. Man spielte praktisch umsonst. Das war hart. Im Ausland waren die Hotels bezahlt, das Essen und die Taxis aber nicht. In New York ass ich immer an der 58. Strasse, weil es billig war. Ich erinnere mich, dort per Zufall Daniel Barenboim und seinen Vater getroffen zu haben. Es war wie McDonald’s heute. Und wissen Sie, wie mir die Ironie des Schicksals mitspielte?

Nein.
Als wir dann in den Westen geflohen sind, kam das amerikanische Finanzamt und wollte Steuern eintreiben von mir. Berechnet auf meine hohen Gagen (lacht). Als ich ihnen die Situation erklärte, drückten sie ein Auge zu. Ich verdiente ja weit unter der amerikanischen Armutsgrenze. Ich habe aber nie bereut, dass wir geflüchtet sind.

1989 zerbrach die Sowjetunion. Sie gingen nicht zurück.
Ich ging zurück. Aber nur für Auftritte. Ich spielte fast immer umsonst.

Wieso taten Sie das?
Weil ich dort meine musikalische ­Ausbildung erhielt. Umsonst. Mit grossartigen Lehrern. Ich wollte etwas zurückgeben. Das war mein Gefühl. Ich bereue es nicht. Wenn ich in Russland spiele oder dirigiere, nehme ich keine Gage. Bis heute.

Ashkenazys Frau summt Alexander Skrjabins Prélude in cis-Moll.

Was für ein Bild haben Sie vom heutigen Russland?
Die Menschen in der Sowjetunion mussten die Geschichte des Marxismus und der kommunistischen Partei in der Schule lernen. Sie hatten kein Recht zu reisen. Die Russen heute dürfen das. Das ist sehr positiv. Damals gab es keine Pressefreiheit, das Denken war vorgegeben. Das hat sich verändert. Der Westen kritisiert Russland, weil es nicht so ist wie der Westen selbst. Aber sollte denn ein Land, das jahrhundertelang von Zaren und später, sogar schlimmer, von Kommunisten regiert wurde, von heute auf morgen eine westliche Demokratie werden? Nein. Es braucht Zeit, bis das Land reif wird. Und ich habe die Hoffnung, dass die kommenden Generationen von Russen die Vergangenheit begraben und einen Schritt in die Zukunft wagen werden. Erinnern Sie sich an die Demonstrationen wegen der mangelnden Pressefreiheit, wegen der Ukraine, wegen Putin? In der Sowjetunion wäre so was undenkbar gewesen. Man wäre ins Gefängnis gekommen.

Dennoch sagen und schreiben viele, dass Putin ein Diktator sei. Sie vergleichen ihn mit Stalin oder mit Hitler, werfen ihm vor, ein Faschist zu sein.
Er vermisst die Sowjetunion. Putin sagte, dass der Untergang der Sowjet­union die grösste Tragödie des 20. Jahrhunderts gewesen sei. Zwei Weltkriege, der Holocaust, und er sagt so was? Putin ist ein Produkt der Vergangenheit.

Ist er das? Wieso?
Nun, weil es so ist. Er war auch beim KGB.

Haben Sie Angst vor der Entwicklung und einem neuen Kalten Krieg zwischen Ost und West?
Ich kann nicht in die Zukunft sehen, aber ich habe ein bisschen Angst. Man kann nie wissen. Ich habe gehört, dass Putin sagte, dass die baltischen Länder nie unabhängig hätten werden sollen. Ist es möglich, dass Putin die ganze Ukraine vereinnahmen wird? Ich hoffe, dass es unmöglich ist. Ich finde, dass die Ukraine unabhängig bleiben sollte. Die Ukrainer haben eine eigene Sprache, eine andere Vergangenheit. Sie ähneln den Russen in vielerlei Hinsicht, aber sie unterscheiden sich doch. Russland braucht Zeit, damit es ein freies Land werden kann.

Ist es ein freies Land?
Was heisst schon frei? Sagen Sie mir, was Freiheit ist!

Sie sollten es mir sagen.
Nein, Sie mir.

Ich frage Sie.
Die grössten Philosophen aller Zeiten hatten Schwierigkeiten, eine Definition zu kreieren. Wer bin ich, um das zu tun? Wir leben im Westen, wir können reisen, wir dürfen reden, denken, meinen. Irgendwann wird Russland auch so weit sein.

Vermissten Sie Russland jemals?
Es ist schwer, die Sowjetunion zu vermissen! Ich vermisste meine Freunde vom Konservatorium. Aber das Land? Nein. Wer auch immer in einem kommunistischen Land gelebt hat, wird es nie vermissen. Zwischen 1963 und 1989 mieden wir alle Länder im Ostblock, selbst Finnland, weil wir hörten, dass die Sowjets irgendein Abkommen mit den Finnen hatten, dass Sowjetbürger zurück in die Sow­jetunion geschafft werden. Später stellte sich heraus, dass dieses Abkommen nur für illegal nach Finnland eingereiste Sowjets galt. Lustigerweise sind wir einmal aus St. Petersburg über die Grenze nach Finnland gefahren und plötzlich war alles grün und gepflegt. Nicht so grau wie in Russland. Ich sage ungern negative Dinge über mein Land.

Ihr Land? Also ist es doch noch Ihr Zuhause?
Ich bin dort geboren. Ich wurde dort ausgebildet.

Sie haben also eine russische Seele?
Bitte sagen Sie das nicht.

Wieso nicht?
Weil es Fiktion ist. Die Sowjetunion zerstörte so viele Menschen, egal was für eine Seele sie hatten. Die Musik in der Sowjetunion war damals eine Insel der Freiheit. Und ich verbrachte den Grossteil meines Lebens im Westen. Denn hier ist mein Zuhause.

«Die Sowjetunion war komplex», sagt der Musiker auf der Rückfahrt. «Ich kann nicht nachvollziehen, wie man ihr heute noch nachtrauern kann.» Sein graues Haar fällt ihm wieder ins Gesicht. Er scheint sich wohlzufühlen. Hier, im Süden der Schweiz. Fern von den grauen Tagen in der Sowjetunion. Fern von all dem. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.03.2015, 17:02 Uhr

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