Es wimmelte von Eisbergen «wie an der Diavolezza»

Vor 100 Jahren sank die «Titanic». Zwei Basler, Alfons Simonius und Max Staehelin sowie Max Frölicher, ein Zürcher mit Familie in Grellingen, überlebten das Unglück und hatten viel zu erzählen.

Die «Titanic», umgeben von Schleppern, beim Verlassen ihres Bauhafens Belfast am 2. April. Die Jungfernfahrt startete dann in Southampton, mit mehr als 1300 Passagieren und 900 Besatzungsmitgliedern an Bord.

Die «Titanic», umgeben von Schleppern, beim Verlassen ihres Bauhafens Belfast am 2. April. Die Jungfernfahrt startete dann in Southampton, mit mehr als 1300 Passagieren und 900 Besatzungsmitgliedern an Bord. Bild: Keystone

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«Der Sonntag, der 14. April war schön aber sehr kalt. Hr. Simonius, Dr. Staehelin & ich skateten bis 111/2 Uhr. Gritli & Mädi waren im Bett, um 113/4 Uhr lag auch ich im Bett, als ein Stoss erfolgte, der uns alle aufspringen machte. Wir zogen schnell etwas an und eilten aufs Deck, da war aber alles ruhig; es sei nichts, hiess es, und wir sahen & hörten auch nichts. Die Nacht war hell & voll Sternenlicht, es hiess, ein Eisberg sei getroffen worden.» Am 18. April 1912, dem vierten Tag nach dem Untergang der «Titanic», tippt Max Frölicher seine Erlebnisse an Bord der «Carpathia» in die Schreibmaschine. Adressaten seines Berichts über die Katastrophe sind «Meine Lieben in Grellingen!», die Familie von Max Frölichers Schwester Hedwig. Am Abend jenes 18. April erreichte die «Carpathia» den Hafen von New York, mit den 712 Überlebenden der «Titanic» an Bord. Zwischen 1490 und 1517 Personen überlebten eines der grössten Unglücke der Schifffahrt nicht.

«Dass wir, wie durch ein Wunder noch am Leben sind, werdet Jhr schon gehört haben», leitete Frölicher, er war damals 60 Jahre, seinen dreiseitigen Brief ein. Der Seidenwarenfabrikant aus Zürich befand sich auf einer Geschäftsreise in die USA, auf der ihn seine Frau Margaretha und eines seiner fünf Kinder, Hedwig «Mädi», begleiteten. Die Familie Frölicher zählt ebenso zu den Überlebenden des Schiffsunglücks wie der Verwaltungsratspräsident des Basler Bankvereins, Alfons Simonius (damals 56 Jahre alt), und Max Staehelin (32), Direktor der Bankverein-Tochter Schweizerische Treuhandgesellschaft. Die beiden Basler Geschäftsherren wollten in New York dringende Gespräche im Zusammenhang mit akuten wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Arboner Stickereifirma Arnold B. Heine & Cie. führen, deren Kapitalgeber Bankverein und Treuhandgesellschaft waren.

Lautes Jammergeschrei

In seinem Brief nach Grellingen erwähnt Frölicher die Seekrankheit seiner Tochter und schildert dann die Evakuierung: Als Mann sei ihm zunächst der Zugang ins Rettungsboot verwehrt worden, doch «Gritli & Mädi riefen sie wollten nicht ohne mich gehen, andere Frauen auch, so dass ich zuletzt auch noch hinein gelassen wurde». In eindrücklichen, aber erstaunlich unaufgeregten Worten folgt das Bild, das sich den Wegrudernden bot: «Die Titanic hatte sich vornen etwas gesenkt, lag aber in vollem Lichterglanz ruhig da, so dass wir alle glaubten, wir würden wieder darauf zurück kehren.» Indes, es sollte an-ders kommen: «Um 11/2 Uhr versank die Titanic unter Rauschen & ein Jammergeschrei erhob sich, das ich nie mehr vergessen werde.» Etwa drei Stunden später erreichte das Rettungsboot die «Carpathia», nach «Stunden banger Erwartung».

In der Familie Frölicher wurde die Geschichte der Überlebenden der «Titanic» – eines aus Sicht des Erstklasspassagiers Max «Palasthotels mit allem was man sich denken kann, Bäder, Turnhalle, Schwimmbad, türckische Bäder, Schlafzimmer & alles wie im schönsten Hotel» – über Generationen hinweg weiter erzählt. Noch im Grellinger Elternhaus der Geschwister Urs Ziegler und Elisabeth Dobry, die der Basler Zeitung den Brief an ihre Urgrossmutter Hedwig Ziegler-Frölicher zur Verfügung stellten, waren Erzählungen über den Schiffsuntergang präsent.

Mit dem Schlimmsten gerechnet

Max Staehelin und Alfons Simonius, auch sie Passagiere der ersten Klasse, waren zurückhaltender. Sie hatten sich in einem anderen Rettungsboot zur «Carpathia» in Sicherheit bringen können. Sein Grossvater sei «kolossal schweigsam» gewesen, wenn die Schiffskatastrophe zur Sprache kam, erinnert sich der Basler Jurist Thomas Staehelin an seine Jugendzeit. «Meine Familie und ich respektierten, dass er nicht über diese Erlebnisse sprechen wollte.»

Erzählt wurde lediglich, dass die Grossmutter, Staehelins Gattin Martha Maeglin, zunächst dachte, ihr Mann sei umgekommen. Auch in der Familie Simonius ging man erst davon aus, dass Alfons gestorben sei. «Ein Sohn befand sich 1912 in der Rekrutenschule. Als dort die Nachricht vom Untergang der ‹Titanic› verkündet wurde, kippte er ohnmächtig um», erzählt Susan Simonius, die Frau von Alfons’ Enkel Markus.

Tatsächlich waren die Nachrichten, die in den ersten Tagen nach dem Schiffsunglück verbreitet wurden, widersprüchlich und trugen eher zur Verwirrung denn zur Information bei. Einmal meldeten die Zeitungen – sie erschienen vor 100 Jahren noch täglich zweimal –, die havarierte «Titanic» habe aus eigenen Mitteln das sichere Halifax erreicht, allen Passagieren gehe es gut. Dann hiess es, die «Umschiffung» der Passagiere auf die «Carpathia» sei «bei ruhigem Wetter ohne Zwischenfall» erfolgt. Wieder später war es plötzlich die «California», die der mit einem Eisblock kollidierten «Titanic» zur Hilfe geeilt sein sollte. Am 16. April wurde am Morgen aus New York gemeldet, der Dampfer sei auf seiner Jungfernfahrt gesunken, Opfer seien keine zu beklagen; nur Stunden später berichteten die Zeitungen, «wahrscheinlich sind der ‹Titanic›–Katastrophe nur 675 Personen entronnen».

Viele der Geretteten liessen ihren Familien per Telegramm mitteilen, dass sie am Leben seien. Doch weil das Telegrafenbüro auf der «Carpathia» heillos überlastet war, erreichten die erlösenden Nachrichten ihre Adressaten oft erst mit Verspätung. Auch das erste Telegramm von Simonius wurde nie abgeschickt. Entsprechend gross war die Aufregung um das Schicksal der beiden Basler in ihrer Heimatstadt. Als die ersten Berichte über die Katastrophe in Basel eintrafen, habe der damalige Delegierte der Generaldirektion des Bankvereins, Léopold Dubois, den Ausschuss des Instituts zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Das erzählt der Leiter des UBS-Langzeitarchivs, der Wirtschaftshistoriker Urs Müller. Das Ausschussmitglied Richard Temme, Advokat und Notar, fragte daraufhin per Telefon nach, «ob wirklich etwas so Wichtiges und Pressantes vorliege», dass man erscheinen müsse. «Notre président et le directeur de la Treuhandgesellschaft sont au fond de la mer; est-ce que cela vous suffit», lautete die Antwort des äusserst verärgerten Dubois’.

Erst am 20. April meldeten die «Basler Nachrichten» erleichtert: «Der Schweiz. Bankverein erhielt heute eine Depesche aus New York, laut der Herr Oberst Alfons Simonius-Blumer und Herr Dr. Max Staehelin-Mäglin gerettet und gesund und wohlbehalten in New York gelandet sind. Wir freuen uns von Herzen ob dieser Nachricht und beglückwünschen die Familien der beiden Herren, dass die Stunden banger Ungewissheit nun endgültig vorüber sind.»

Auch der Bankverein freute sich. Laut der von «Protokollführer Dr. Nüscheler» akkurat niedergeschriebenen «231. Sitzung des Centralausschusses» des Bankvereins vom 23. April eröffnete Vizepräsident Fritz Zahn die Sitzung mit den Worten: «So unsäglich gross auch unser Schmerz nach Erhalt der ersten indirekten Nachrichten war, um so grösser war anderseits unsere Freude, als ein Cable die Rettung der beiden Herren meldete.» Ein zweites Telegramm (Cable) habe dann «die glückliche Ankunft unseres lieben Präsidenten und seines Begleiters» in New York gemeldet. «Dem Allmächtigen sei gedankt für diese uns, angesichts der so geringen Zahl der Überlebenden, als ein wahres Wunder vorkommende Rettung», wird protokolliert. Dankbarkeit über die «frohe Botschaft seiner wunderbaren Errettung» spricht auch aus dem wegen der Aufregung um den Untergang der «Titanic» erst am 25. April verschickten März–Rapport der ebenfalls Alfons Simonius gehörenden «Cellulosefabriken A.G.» in Kelheim und Wangen: «Wir sind mit ihm und seiner geschätzten Familie vor einem schweren Schicksalschlage bewahrt geblieben», heisst es darin.

Vorwurf und Rechtfertigung

Den Untergang der «Titanic», des damals weltgrössten Passagierschiffes, erlebten er und sein Vorgesetzter nicht mehr mit eigenen Augen mit, telegrafierte Max Staehelin nach der Landung in New York der «Frankfurter Zeitung». Nach diesem Erlebnisbericht im damaligen Leitblatt der deutschen Linksintellektuellen wurden Simonius und er in jener verhängnisvollen Nacht von einem «leichten Stoss» aus den Kabinen an Deck getrieben. Dort schien zunächst alles seinen gewohnten Gang zu nehmen; plötzlich tauchte sogar die Bordkapelle an Deck auf und spielte für die betuchten Gäste. Doch dann beobachteten die Basler, wie die Schiffsmannschaft die Damen der ersten Klasse, angeblich als Vorsichtsmassnahme, aufforderte, Rettungswesten anzuziehen und in die Rettungsboote zu steigen. Da hätten sie wichtige Schriftstücke aus ihren Kabinen geholt, schreibt Staehelin in seinem Zeitungsbericht. Weiter heisst es: «Auf Deck angekommen, fanden wir gar keine Aufregung, ja, es gab manche Frauen, die nicht hineinwollten. Als Simonius und ich dies sahen, gingen wir in eines der am wenigsten besetzten Boote, obwohl wir noch gar keine Befürchtungen hegten, da die «Titanic» vollständig ruhig schien, die Musik noch spielte und die Mannschaft gute Disziplin bewahrte, wenngleich sie ihre Aufregung nicht verbergen konnte. An den Untergang des grossen Dampfers dachte aber wohl kein Mensch, sonst wären sicherlich die Plätze in den Booten schnell besetzt worden.»

In kalter, dunkler Nacht im Wasser, in dem es von Eisbergen wimmelte «wie an der Diavolezza» (Staehelin 1956 im Interview mit der «Schweizer Illustrierten Zeitung») übernahmen er und Simonius schon bald das Rudern; zumindest dem jüngeren der beiden, Staehelin, dürfte das nicht schwer gefallen sein, war er doch in der Schweiz ein begeisterter Ruderer und oft auf dem Vierwaldstättersee anzutreffen. Nach «3 oder 4 Stunden in schneidender Kälte» (Staehelin) erreichten sie so die «Carpathia».

Der Hinweis aufs Rudern ist deshalb von Bedeutung, weil sich Simonius und Staehelin nach ihrer Rettung mit dem Vorwurf konfrontiert sahen, statt als echte Männer heldenhaft untergegangen mit Frauen und Kindern in Rettungsboote gestiegen zu sein. Zeit ihres Lebens glaubten sie und ihre Familien, sich rechtfertigen zu müssen, und taten dies mit dem Hinweis, man habe die Frauen in der ganzen Aufregung nicht auch noch rudern lassen können.

Offiziell galt bei der Evakuierung der Grundsatz «Frauen und Kinder zuerst». Spätere Untersuchungen zeigten jedoch, dass das Überleben stark davon abhing, in welcher Klasse man reiste und auf welcher Seite des Bootes man logierte. Je nach Offizier, der für die Besetzung der Rettungsboote zuständig war, wurde der Grundsatz strenger oder lockerer gehandhabt. Laut Augenzeugen soll auf der Backbordseite eine Mutter grösste Mühe gehabt haben, nur schon ihren 13-jährigen Sohn ins noch halb leere Boot zu holen, da der zuständige Offizier diesen bereits als Mann ansah. Weil die Regel auf der Steuerbordseite weniger streng umgesetzt wurde, konnten auf dieser Seite viel mehr Menschen gerettet werden. Viele Passagiere starben schliesslich im etwa null Grad kalten Wasser an Unterkühlung: Aus Angst vor einem Kentern, wenn diese in die Rettungsboote klettern würden, ruderten die meisten der schlecht besetzten Rettungsboote von den im Wasser Treibenden weg.

Der Schriftsteller Thomas Hürlimann, der allen Schweizer Passagieren der «Titanic» 1992 einen Aufsatz mit dem Titel «L’heure fédérale auf der Titanic» widmete, griff den Vorwurf auf, verwendete im Zusammenhang mit der Evakuierung den Ausdruck «Hasenfüsse» und stellte Simonius wie Staehelin ziemlich unvorteilhaft dar: «Sie verliessen die ‹Titanic›, wie man sich aus maroden Firmen zurückzieht. So vermeidet man Konkurse, so überlebt man Untergänge.» Die bereits zitierte Susan Simonius sagt heute, sie habe Hürlimanns Erzählung nicht unwidersprochen lassen können: «Alfons war es ja unmöglich, sich zu wehren.» An seiner Stelle veröffentlichte sie 1992 im «Tages-Anzeiger» einen Leserbrief, in dem sie an Simonius’ technische Kenntnisse erinnerte und richtigstellte, er sei durchaus fähig gewesen, den Ernst der Lage zu erkennen.

Und dann erzählt sie selber eine Anekdote, bei der es sich auch um eine der zahlreichen Legenden handeln könnte, die sich um den Untergang der «Titanic» ranken. Es begab sich so: Der Oberst, von der Ausbildung her ein Ingenieur, habe, als der Dampfer sich zu neigen begann, seine Sackuhr wie ein Pendel neben einen Türrahmen gehalten. Als die Neigung der Uhrenkette einen Winkel erreichte, der aus Ingenieurssicht unumkehrbar schien, habe er sich zum Verlassen entschlossen.

Das Leben geht weiter

Bei ihrer Landung in New York am 18. April wurden Frölichers von in den USA lebenden Familienangehörigen erwartet. Simonius, der sich in der Unglücksnacht eine Erkältung geholt hatte, und Staehelin wurden vom Bankverein im Hotel Ritz untergebracht. Die drei Männer, berufliches Reisen gewohnt, gingen umgehend ihrer Arbeit nach – nachdem sie sich neu eingekleidet hatten. «Gepäck haben wir nun keines mehr zu besorgen. Wir sind ganz ohne alles», schloss Max Frölicher seinen Brief nach Grellingen. Ihre Rückreise traten Simonius und Staehelin am 7. Mai an Bord der «Victoria Luise» an; zwei Wochen später verliessen auch die Frölichers die USA.

Alfons Simonius, passionierter Zigarrenraucher und Mitglied des Bayrischen Schnauzträgervereins – beide Hobbys finanzierte laut Belegen der Bankverein –, liess sich im zivilen wie intensiven beruflichen Leben gern als «Herr Oberst» anreden; in der Schweizer Armee bekleidete er den Rang eines Kommandanten der Feldartillerie. Er starb 1920 im Alter von 64 Jahren an Herzversagen. Der viel jüngere Max Staehelin, der 1928 Simonius’ Nachnachfolger als Präsident des Bankvereins und später Präsident der Ciba werden sollte, starb 1968 im Alter von 88 Jahren. Ihr Skat-Freund auf der «Titanic», Max Frölicher, der eine bereits gebuchte Reise auf einem anderen Schiff eigens zugunsten der Jungfernfahrt der «Titanic» hatte stornieren lassen, starb 1913. Nur ein Jahr, nach dem er die Schiffskatastrophe so glücklich überstanden hatte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.03.2012, 13:13 Uhr

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