«Fehlender Ehrgeiz wirkt lähmend»

Die 15-Jährigen in der Schweiz sind weniger ambitioniert als ihre Altersgenossen im Ausland. Wieso das so ist und was dabei die Gefahr darstellt, sagt Avenir-Suisse-Chefökonom Patrik Schellenbauer.

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Nur 40 Prozent der Schweizer Schüler wollen zu den Besten der Klasse gehören, ergab die neue Pisa-Studie. Im Durchschnitt aller Länder sind es 60 Prozent. Wie erklären Sie sich das?
Der Grund für die relativ bescheidenen Ambitionen der Schweizer Schüler ist der Wohlstand unseres Landes, der auch noch relativ gleich verteilt ist. In den aufstrebenden Ländern ist die Schere zwischen Arm und Reich viel grösser. Grösser ist deshalb auch der Bildungshunger, weil ein guter Bildungsabschluss aus der absoluten Armut führen kann oder einen Aufstieg verspricht.

Inwiefern hat die Schweizer Mentalität mit dem Resultat zu tun?
Was wir Mentalität nennen, wird vor allem von den ökonomischen Verhältnissen bestimmt.

Laut der Studie sind eher schlechte Schüler unmotiviert. Doch die Schweiz schnitt beim fachlichen Pisa-Test gut ab. Ein Widerspruch?
Es ist überall auf der Welt so, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten weniger motiviert sind, da ihnen der Wert der Bildung vom Elternhaus weniger bewusst gemacht wird. Ich vermute, dass diese Unterschiede in der egalitären Schweiz sogar kleiner sind. Weil die Schweiz eine vergleichsweise gute Volkschule hat – aber bei weitem nicht die beste! – kann ein Teil der Motivationsdefizite aufgeholt werden, und die Ergebnisse sind dann doch gut.

Worin besteht die Gefahr fehlenden Ehrgeizes?
Die europäischen Länder – nicht nur die Schweiz – werden ihren Bildungsvorsprung mit der Zeit einbüssen oder sogar überholt. Letztlich beruht unser Wohlstand aber auf Wissen und Fähigkeiten. Dasselbe gilt auch für die Arbeitswelt. Wir haben zwar das Privileg, dass man sich nicht übermässig anstrengen muss, um ein gutes Leben zu führen. Weil andere Länder stetig aufholen, ist das aber keineswegs in Stein gemeisselt.

Was ist dagegen zu tun?
In der Schweiz liegen die Schülerleistungen in Naturwissenschaften eng beisammen, es gibt keinen grossen Unterschied zwischen den Motivierten und den Unmotivierten. Das liegt an der Grundhaltung der Schweizer Volksschule: Man will alle auf einen Mindeststandard bringen, die Förderung der Besten oder besonders Begabten geniesst keine Priorität. Wenn Leistung aber nicht besonders herausgehoben wird, wird auch kein Ehrgeiz angestachelt. An den guten Schulen in den USA herrscht da eine ganz andere, viele positivere Kultur des Ehrgeizes. Diese Haltung müssen wir korrigieren. Letztlich ist sie aber das Spiegelbild der Schweizer Gesellschaft, die gegenüber Überfliegern immer skeptisch war.

Eine entspannte Haltung führt aber offenbar zu mehr Zufriedenheit. Vielleicht auch zu mehr Kreativität?
Ich glaube das nicht. Fehlender Ehrgeiz führt nicht zu mehr Kreativität, er wirkt lähmend. Weil Menschen aber grundsätzlich etwas erreichen wollen im Leben, werden sie so auch nicht glücklich.

Wohin zu viel Ehrgeiz führt, sieht man in Japan: Dort leiden Schüler unter Schlaflosigkeit, Burn-out – manche bringen sich auch um.
Man sollte nicht gleich das abschreckende Beispiel Japan zitieren, wenn man hier etwas verändern will. Das sind Ablenkungsmanöver.

Markant unter dem Durchschnitt liegen die Jugendlichen in der Schweiz in ihren Bildungserwartungen. Nur 27 Prozent gehen laut der Studie davon aus, einen Universitätsabschluss zu erlangen. Ist das ein Problem?
Hier spielen die unterschiedlichen Bildungssysteme eine grosse Rolle. In der Schweiz kann man auch über die Lehre mit Berufsmatura an die Fachhochschule gehen. Deshalb streben weniger Schüler einen Universitätsabschluss an. Gleichzeitig wird eine Berufslehre als letzter Abschluss angesichts der digitalen Umwälzungen oft nicht mehr reichen, um ein gutes Einkommen zu erzielen. Wenn mit den 27% also alle Hochschulen – Unis und Fachhochschulen – gemeint sind, muss einem die Zahl zu denken geben.

Ist unsere Maturaquote zu tief?
Die politische Fixierung auf Quoten ist nicht zielführend. Ich finde es richtig, dass wir den Zugang zum Gymi selektiv handhaben, denn dies bewahrt uns vor den Problemen, wie wir sie in Spanien oder Frankreich sehen, Ländern mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit. Wenn aber in einer bildungsnäheren Gesellschaft einige Junge mehr die Hürde ins Gymnasium zu überspringen vermögen, habe ich kein Problem damit, wenn die Quote etwas steigt. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.04.2017, 15:53 Uhr

Dr. oec. publ. Patrik Schellenbauer ist stellvertretender Leiter und Chefökonom der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse. (Bild: zvg)

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