Gezwungen, den Cousin zu heiraten

Jedes Jahr kommen Mädchen nicht aus den Sommerferien zurück, weil sie in ihrem Heimatland zwangsverheiratet werden.

Für Mädchen die in der Schweiz wohnen, können Ferien im Heimatland zum Albtraum werden.

Für Mädchen die in der Schweiz wohnen, können Ferien im Heimatland zum Albtraum werden. Bild: Reuters

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Hatice ist immer noch verheiratet. Mit einem Mann, den sie nie geliebt hat. Und der ihr erst drei Wochen vor der Hochzeit vorgestellt wurde. Die heute 24-Jährige war 17 Jahre alt, als ihre Eltern sie zur Heirat zwangen. Damit gerechnet hatte sie nicht. «Mein Vater wollte eigentlich, dass ich zuerst eine Lehre mache und erst dann heirate», erzählt sie. Doch dann änderte alles. Hatice, die mit sieben Jahren aus der Türkei in die Region Basel gekommen war, verliebte sich und traf sich einige Male mit einem Jungen aus ihrer Schule. «Jemand muss mich dabei beobachtet haben», vermutet sie. Eines Tages erwartete der Vater sie mit hochrotem Kopf zu Hause, schlug sie zum ersten Mal in ihrem Leben. «Zuerst war es eine Ohrfeige, dann wurde er immer wütender und schlug, während er weinte, auf mich ein.» Die Mutter stand dabei und schimpfte Hatice eine «undankbare Tochter, die alles zerstören würde».

In den folgenden Wochen stand das Mädchen unter ständiger Beobachtung, sie wurde zur Schule gebracht und wieder abgeholt. Der Teenager freute sich deshalb richtig auf die Ferien in der Türkei. «Endlich ein Tapetenwechsel.» Bei den Verwandten angekommen, wurde ihr ein Mann vorgestellt, den sie bis dahin nie gesehen hatte. Es sei ihr Cousin und ab sofort ihr Verlobter. Hatice sah keinen Ausweg und unterschrieb die ihr vorgelegten Dokumente. Die Hochzeit drei Wochen später wurde gross gefeiert, mehrere Hundert Gäste bejubelten das Paar.

«Er musste es durchziehen»

Auf die Feier folgte die Hochzeitsnacht. «Es war mein erstes Mal, ich ­hatte noch nicht einmal einen Jungen geküsst», sagt Hatice – und schweigt lange, bis sie fortfährt: Auch für ihren Cousin sei die Situation fürchterlich gewesen, er habe sich geschämt und ihr die ganze Zeit nicht einmal in die Augen gesehen. «Aber er musste es durchziehen, das wurde von ihm erwartet.»

Die ersten Jahre nach der Hochzeit lebte das Paar in der Türkei. Hatice stand in dem kleinen Dorf unter ständiger Kontrolle, fühlte sich immer einsamer und litt, so diagnostiziert sie heute selbst, unter schweren Depressionen. Bei einem Besuch merkten die Eltern, wie schlecht es ihrer Tochter ging, und setzten durch, dass Hatice mit ihrem Mann nach Basel zog. Hier sprach sie ihrer Mutter gegenüber zum ersten Mal von Scheidung. Und erntete zum zweiten Mal vom Vater Prügel. Der Ehemann drohte mit Rache, sollte sie sich trennen. «Da war für mich klar, dass ich fliehen musste.» Statt zur Frauenärztin – «ich solle untersucht werden, weil ich immer noch nicht schwanger war» – fuhr Hatice zu Bekannten und kehrte nicht wieder zurück. «Mit meiner Mutter habe ich seither einmal telefoniert. Aber sie schimpfte und weinte nur.» Es tue ihr leid, ihren Eltern so viel Kummer bereitet zu haben. «Aber ich kann mein Leben nicht so führen, wie sie wollen.»

Rufmord und psychische Gewalt

So wie Hatice werden jedes Jahr Mädchen zur Heirat gezwungen, häufig in den Sommerferien. Die Hotlines hiesiger Beratungsstellen laufen momentan heiss. Jeden Tag meldet sich jemand bei der Beratungsstelle von Zwangsheirat.ch. Die jüngste Anruferin, die fürchtet, verheiratet zu werden, ist erst elf Jahre alt. «Aber nicht nur Mädchen zählen zu den Opfern, auch junge Männer werden gegen ihren Willen in Ehen getrieben», sagt Anu Sivaganesan, Juristin bei der Organisation. Die Druckmittel seien vielschichtig, meist würde psychische Gewalt angewendet. Die Verwandten drohen unter anderem mit Rufmord oder die Betroffenen aus der Familie auszuschliessen. «Dazu kommen Morddrohungen und physische Gewalt», sagt Sivaganesan.

Im Schweizer Umfeld erfährt meist niemand, was vorgefallen ist. Manche Mädchen kehren einfach nicht mehr aus den Ferien zurück. «Vor zwei Jahren kam eine Zwölfjährige aus meiner Klasse nicht aus der Türkei zurück», erzählt ein Primarlehrer aus dem Aargau. Er hatte sofort den Verdacht auf eine Verheiratung und kontaktierte die Familie. «Sie lebt jetzt in der Türkei», kam die knappe Antwort. Als der Lehrer den Fall den Behörden meldete, drohte der Vater mit Rache. Der Lehrer hat die Klasse wegen eines Umzugs mittlerweile abgegeben, ob Nilüfer wieder in der Schweiz ist, weiss er nicht.

Um Lehrer und Schüler über das Problem zu informieren, hat die Fachstelle Integration im Kanton Aargau dieses Jahr Unterrichtsmaterialien zum Thema zusammengestellt und eine Webseite eingerichtet. In Basel-Stadt engagiert sich seit mehreren Jahren die GGG Ausländerberatung in diesem Bereich. Unter anderem wurde in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Migration ein Film gedreht, in dem Opfer von Zwangsheiraten von ihren Schicksalen erzählen. Aktuell ist eine weitere Informationskampagne geplant. Diese soll besonders Männer mit Migrationshintergrund sensibilisieren.

Sri Lanka, Balkan, Türkei

Von Zwangsheiraten betroffen sind vor allem Personen aus der Türkei, Balkanländern oder Sri Lanka. Wie ein Bericht des Bundesrats zeigt, sind diejenigen, die sich Hilfe suchen, zu diesem Zeitpunkt meist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Entweder wurden sie bereits verheiratet oder sie fürchten, dass dies in den nächsten Ferien passiert. In diesen Fällen haben die Berater ein übergeordnetes Ziel: «Wir versuchen, irgendwie zu verhindern, dass sie in die Ferien mitfahren», so Sivaganesan. Dafür werden auch Dritte eingespannt. Beispielsweise der Arbeitgeber, der einen Notfall im Büro vortäuscht, weswegen die Angestellte die Ferien streichen müsse.

Eltern droht Haftstrafe

Seit einem Jahr kennt die Schweiz ein neues Bundesgesetz und auch einen eigenen Straftatbestand zur Zwangsheirat. Bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe drohen den Tätern, meist sind das die Eltern, oft machen aber auch Grosseltern und andere Angehörige Druck. In Basel-Stadt sind noch keine entsprechenden Anzeigen eingegangen, wie Staatsanwaltschaftssprecher Peter Gill mitteilt. Sivaganesan: «Die wenigsten Opfer wollen ihre Eltern anzeigen. Ihnen geht es vielmehr darum, eine langfristige Lösung zu finden, mit der auch die Familie leben kann.» In rund 70 Prozent der Fälle könne ein solcher Erfolg erreicht werden, stellt Sivaganesan zu den eigenen Beratungsfällen fest. Die restlichen enden mit der Flucht aus der Familie oder damit, dass die Betroffenen trotz allem verheiratet werden. «Da bricht dann plötzlich der Kontakt ab und wir können die Betroffenen nicht mehr erreichen», sagt Sivaganesan. Für diese fängt mit der Hochzeit im schlimmsten Fall ein lebenslanges Martyrium an, nicht selten geprägt von Überwachung, häuslicher und sexueller Gewalt.

Hatice hat das Schlimmste hinter sich. Sie lebt heute alleine und macht eine Vorlehre zur Schneiderin. Nur noch manchmal überfällt sie die Panik, etwa wenn ihr Sitznachbar im Kino dasselbe Parfüm wie ihr Cousin trägt. Dann verlässt sie den Saal. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.07.2014, 12:27 Uhr

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