H wie Hermès – oder Handwerkskunst

1837 eröffnete Thierry Hermès in Paris eine Sattlerei, aus der ein Mode-Imperium wurde. Noch heute zählt die berühmte Sattel-Manufaktur dazu.

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24, Rue du Faubourg Saint-Honoré : Mitten im Pariser Nobelviertel, unweit des Elyséepalastes und in guter Nachbarschaft unzähliger Edelboutiquen, steht das Haupthaus von Hermès. Sein Name, auf die geflügelten Sandalen des Götterboten Hermes bezogen, schlägt den Bogen zu Thierry Hermès, der vor fast 175 Jahren eine Sattlerwerkstatt an den Grands Boulevards eröffnete. Auf dem Dach Ross und Reiter mit wehender Standarte, als wollten sie der Welt verkünden, dass genau hier die beste Adresse für die Materialausgabe zu finden ist. Die Sattlerei in den oberen Stockwerken ist nicht grösser als ein Wohnzimmer, eine Oase der Ruhe mit Blick auf die Dächer von Paris. Ein strenger Geruch sticht in die Nase, ein Gemisch von Leim, Leder und Öl. Was Vincent Léopold, Sattlermeister und Chef des Ateliers, mit viel Geduld in kurzer Zeit erklärt, die Herstellung eines Standard-Sattels, dauert in Wirklichkeit 24 Stunden, 40 Stunden sind es bei einem Sattel nach Mass.

Das Herz des Sattels ist der Arçon, der Sattelbogen, ein Holzgestell aus Buche, das in verschiedenen Längen erhältlich ist. «Ferme dans ses arçons», sagt der Franzose, wenn er sattelfest meint. Der Sattelbogen wird mit einer zwei Zentimeter dicken Latexschicht gepolstert und dann mit Leder überzogen. Früher war Schweinsleder üblich, heute stehen Nubuk, Kalb oder Büffel zur Verfügung. Monsieur Léopold empfiehlt die Büffelhaut, weil sie weicher ist als andere. Der Sattlermeister bezieht das Leder von Pantin, der firmeneigenen Zentrale ausserhalb von Paris, wo alle Leder für Hermès gegerbt, eingefärbt und gelagert werden.

Die Sattlerei - eine Oase der Ruhe mit Blick auf Paris

Vier Stunden hat der Sattler bisher gearbeitet, bevor er die kleinen und dann die grossen Sattelblätter, die Seitenteile des Sattels, näht und mit dem Sattelkissen zusammenfügt. Der Stich, «point sellier» genannt, ist ein typisches Merkmal von Hermès. Er wird mit zwei Nadeln und mit Bienenwachs umhülltem Leinenfaden ausgeführt. Jedes Loch wird vorher mit einer Ahle ausgestochen. Besonders gut kommt der Stich auf dem Satteldeckblatt zur Geltung. Jean-Sébastien Vallée arbeitet schon seit zehn Jahren bei Hermès. Ihm zuzuschauen, wie er mit grosser Konzentration Stich für Stich zur perfekten Naht aneinanderreiht, ist beeindruckend, fast so, als wäre man Zeuge bei der Entstehung einer Skulptur. «Wir sind alle stolz, bei Hermès arbeiten zu dürfen», sagen Sattlermeister Léopold und die beiden Sattler Jean-Sébastien Vallée und Jerôme Giboire, die zum Team von sieben Handwerkern gehören. Ein jeder ist für «seinen» Sattel allein verantwortlich, vom Zuschneiden des Leders bis zum Finish mit Spezialöl.

Als Nächstes nimmt der Sattler die Knielaschen und die Polster zum Schutz des Pferderückens in Angriff. Steigbügelund Gurtenbefestigungen werden montiert. Am Schluss erhält jeder Sattel das «Brandzeichen», das H für Hermès und auf der Innenseite eine Nummer, die in den Auftragsbüchern zusammen mit allen Details und Sonderwünschen der Kundschaft eingetragen wird. So kann auf Jahrzehnte hinaus zurückverfolgt werden, wer den Sattel bestellt hat, ihn angefertigt hat und wohin er geliefert wurde.

Die russischen Zaren, die Rothschilds und die Vanderbilts bestellten bei Hermès

Das älteste noch vorhandene Auftragsbuch beginnt mit der Nr. 844. Dieser Sattel wurde 1909 an die Ecole de Saumur ausgeliefert, an die Ausbildungsstätte der französischen Kavallerie. Der russische Zarenhof bestellte bei Hermès, wie auch die Rothschilds und die Vanderbilts. Ein Sattel, im Jahre 1927 hergestellt, ist noch heute in Gebrauch. Er wurde vor Jahren zur Reparatur nach Paris geschickt und wieder an die Nachkommen des damaligen Kunden retourniert. Auch das ist fein säuberlich im Auftragsbuch notiert. Heute sitzen weniger Aristokraten in den Sätteln, begehrt sind diese dafür bei Concoursund Dressurreiterinnen und -reitern. Einige Modelle haben Geschichte geschrieben: Der «Corlandus» ist nach dem Pferd der französischen Dressurreiterin Margrit Otto-Crépin benannt, die an den Olympischen Spielen 1988 in Seoul Silber gewann. Der amerikanische Springreiter William Steinkraus stand Pate für einen flachen Sattel, ein Modell speziell für die Jagd geeignet. «Brasilia» erinnert an den brasilianischen Springreiter Nelson Pessoa. Hermès-Sättel tragen auch ganz gewöhnliche Namen wie Allure, Oxer, Essentielle, Cross, Polo und Senlis. Sie sind für Jagd, Dressur, Springen, Crosscountry, Polo und für den Freizeitsport einsetzbar und – man staune – auch für Hobbyreiter erschwinglich. Die Standardmodelle kosten um die 4500 Euro.

Investitionen in Forschung und Technologie

Die Pflege der traditionellen Handwerkskunst ist die eine Seite bei Hermès, Forschung nach neuen Technologien die andere: Ein Resultat dieser Firmenphilosophie ist «Talaris», die Revolution in der Sattelherstellung. Vater des «Sattels von morgen» ist der frühere Chef des Ateliers, Laurent Goblet. Statt eines hölzernen «Herzens» hat er dem Sattel eines aus Plastik, Karbon und Titan eingepflanzt. Statt Latex für die Polsterung wird Thermoplastik eingespritzt. Und die Aufhängung an den nach wie vor ledernen Sattelsitz besteht aus Klammern, ähnlich jenen an Skischuhen. Am Computer entworfen, von Technikern, Veterinären und Berufsreitern getestet, verspricht der «Talaris» einiges: Er wiegt 1,5 kg weniger, ist flexibler und anpassungsfähiger und bei Reparaturen leichter demontierbar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.01.2011, 21:03 Uhr

Von der Sattlerwerkstatt zum Luxuskonzern

Der Name ist Programm: Hermes ist in der griechischen Mythologie der Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden, der Kaufleute und Hirten. Als der in Krefeld geborene Thierry Hermès in Paris im Viertel der Grands Boulevards begann, Sättel und Zaumzeug herzustellen, war der Verkehr geprägt von Pferden, Reitern und Kutschengespannen. Der Sohn des Gründers, Charles-Emile Hermès, verlegte 1880 das Familienunternehmen an die Rue du Faubourg Saint-Honoré 24, noch heute der Hauptsitz der Firma.

Verbindungen zur Schweiz
Europäische Fürsten und königliche Regenten aus Japan, Argentinien, Brasilien und Annam, Tonkin sowie Siam orderten Sattlerwaren bei Hermès und trugen den Namen in die ganze Welt. In dieser Zeit wurden auch Geschäftsverbindungen zu Zwischenhändlern in der Schweiz geknüpft, unter anderen zu Albert Merian in Basel, der regelmässig Grossbestellungen in Paris aufgab. Verbindungen übrigens, die bis heute in umgekehrter Richtung anhalten: Hermès verarbeitet Kalbsleder aus der Schweiz. 1914 beschäftigten Adolphe und sein Bruder Emile-Maurice bis zu achtzig Sattler.
Als die ersten Autos die Kutschen und Pferde verdrängten, kamen allmählich Taschen und Reisegepäck dazu, Lederwaren mit den typischen Sattlernähten. Anfang der 20er-Jahre wird Hermès zum Couturier. Sportbekleidung Bademode, Skimode, Strickwaren ergänzen das Sortiment. Aus der bis dahin nur für Jockey-Blusen verwendeten Seide fertigt Robert Dumas, Schwiegersohn von Emile Hermès, Schals und Tücher an.

Die Kelly-Bag
Dumas sollte im Laufe seines kreativen Schaffens für viele Klassiker verantwortlich zeichnen, für Krawatten, Schmuckstücke, Accessoires und vor allem für Taschen, die noch heute begehrt sind: Im Laufe der 30er-Jahre entstand die Kelly-Bag, später nach Grace Kelly benannt. Als Fürstin von Monaco trug sie die Tasche erstmals 1956 auf dem Titelblatt des amerikanischen Magazins «Life». Bis heute ist die Kelly-Bag eines der am meisten verkauften Modelle bei Hermès, zusammen mit der Birkin-Bag, für die Jane Birkin Patin gestanden ist. Die französische Schauspielerin fand die «Kelly» nicht praktisch genug.

In fünfter Generation
Mit Jean-Louis Dumas übernimmt 1978 die fünfte Generation der Familie die Führung des Hauses Hermès. Neue Branchen kommen hinzu: Die Uhrenfabrik in Biel, Emailund Porzellanwaren, der Schuhhersteller John Lobb, die Kristallglasmanufaktur Saint-Louis und die Silberschmiede Puiforcat. Konzernchef Patrick Thomas und Pierre-Alexis Dumas, künstlerischer Leiter, vertreten heute die sechste Generation.
Hermès beschäftigt weltweit mehr als 8000 Mitarbeitende. 2009 lag der Umsatz bei 1,9 Milliarden Euro, für 2011 rechnet der Luxuskonzern mit einem Umsatz von 2,1 Milliarden. Hermès-Produkte werden in 309 Geschäften und 21 Verkaufsstellen vertrieben, davon sind 12 in der Schweiz (am Paradeplatz in Zürich wurde im September eine neue Filiale eröffnet). 73 Prozent des Kapitals von Hermès International sind im Besitz der Gründerfamilie.

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